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Gender Mainstreaming in der Pharmazie

29.07.2002
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Frauennetzwerk

Gender Mainstreaming in der Pharmazie

von Ulrike Wagner, Stuttgart

Beim Treffen des Netzwerks "Frauenförderung in der Berufspolitik" am 24. Juli erschien Besuch vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Leiterin der Abteilung Gleichstellung, Brigitte Unger-Soyka, Berlin, sprach vor den Apothekerinnen über Gender Mainstreaming.

Mit dem Ausdruck "gender" sei weniger das Geschlecht gemeint, sondern viel mehr die soziale Rolle, die Frauen und Männer spielen. Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen. Verankert ist dieses Prinzip im Amsterdamer Vertrag, den die EU-Staaten 1999 unterzeichnet haben.

Die Abteilung Gleichstellung erarbeitet derzeit für alle Politikbereiche Checklisten und Handbücher, die die Umsetzung regeln sollen. Auch in die Hochschulreform habe Gender Mainstreaming Eingang gefunden, so Unger-Soyka. Einige Universitäten lassen sich zurzeit zertifizieren, dass sie die Gleichstellungsprinzipien umsetzen. Empfehlenswert sei Gender Mainstreaming für alle großen Organisationen, also auch für die der Apotheker. Unger-Soyka: "Angesichts der demographischen Entwicklung kann es sich kein Verband und keine Hochschule leisten, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten."

Frauen in der Wissenschaft

Auf Veranlassung von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn erhielt das Frauen-Netzwerk für Ende August eine Einladung nach Bonn. Dort treffen sich die Apothekerinnen mit Dr. Brigitte Mühlenbruch, Leiterin und Geschäftsführerin des Kompentenzzentrums Frauen in der Wissenschaft. Es ist Koordinierungs-, Informations- und Beratungsstelle für wissenschaftliche und politische Institutionen, die sich mit Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung befassen.

Welche Chancen und Hindernisse sich Frauen an den Universitäten in den Weg stellen, war Hauptthema des Treffens am vergangenen Mittwoch. Größtes Problem: "Die Kinderbetreuung ist nicht geregelt", sagte Professor Dr. Ulrike Holzgrabe, Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Universität Würzburg.

Ein in Deutschland einmaliges Frauen-Projekt an der Universität Leipzig stellte Professor Dr. Karin Nieber, Institut für Pharmakologie der Universität Leipzig, vor. Dort hat Professor Dr. Andrea Tannapfel vom Institut für Pathologie einen Wiedereinsteigerkurs für Wissenschaftlerinnen auf die Beine gestellt. Ziel des Kurses ist es, arbeitslosen Akademikerinnen die Möglichkeit zu geben, neue Methoden zu erlernen, um damit die Qualifikation als Laborleiterin zu erwerben. Besonders Frauen, die aus familiären Gründen über eine längere Zeit zu Hause waren, haben im Bereich Biowissenschaften kaum eine Chance für einen Neuanfang.

Der Kursus dauert ein Jahr, zurzeit läuft gerade der zweite Kurs. Lehrinhalte sind unter anderem molekulare, mikrobiologische, biochemische und immunologische Methoden sowie Computertechnik. Da es sich um ein von der EU gefördertes Projekt handelt, erhalten die Teilnehmer für die Dauer des Kurses ein Entgelt. Tannapfel hat es sogar geschafft, Gelder so umzuwandeln, dass Mittel für Kinderbetreuung übrig blieben.

Die Ausbildung ist einsatzorientiert, betonte Nieber. Zuvor wurde in Gesprächen mit der Industrie und Instituten der Personalbedarf geklärt. Der erste Kurs war bereits ein Erfolg: 22 von 26 zuvor arbeitslosen Akademikerinnen konnten vermittelt werden. Das Angebot richtet sich an Medizinerinnen, Biochemikerinnen, Chemikerinnen und Biologinnen. Falls Pharmazeutinnen eine Wiedereinstieg in die Forschung anstreben, steht auch ihnen der Kursus offen.

Juniorprofessuren

Die Einrichtung der Juniorprofessuren berge Vor- und Nachteile für Frauen, erklärte Holzgrabe. Sie sind Teil des neuen Hochschulrahmengesetzes, dessen Umsetzung die Universitäten bis 2009 abgeschlossen haben müssen.

Für die Juniorprofessur ist keine Habilitation notwendig, es reicht die Promotion. Zunächst werden die Juniorprofessoren für drei Jahre zu Beamten auf Zeit. Danach wird die wissenschaftliche Leistung begutachtet. Wird sie positiv bewertet, folgt eine Verlängerung um drei Jahre, bei negativem Urteil kann die Stelle maximal für ein Jahr weiter genutzt werden. Nach sechs Jahren sollen die Juniorprofessuren in ordentliche Professuren umgewandelt werden. Wo diese für 6000 geplante Juniorprofessoren herkommen sollen, ist den Hochschullehrerinnen noch unklar.

Die Juniorprofessuren können auf Antrag bei Elternzeit verlängert werden, bei mehreren Verlängerungen um maximal vier Jahre, erklärte Nieber. Auch sie stand den Juniorprofessuren kritisch gegenüber. In drei Jahren sei ein neuer Forschungsschwerpunkt kaum zu etablieren. Deutlich wurde, dass unter diesem Zeit- und Erfolgsdruck an Familienplanung wohl nicht zu denken ist. Aber genau in dem Alter, in dem eine Juniorprofessur anstehen würde, wird für die Frauen das Thema spätestens aktuell.

 

Offen für Neue "Das Frauennetzwerk steht allen interessierten Apothekerinnen offen", betonte die Präsidentin der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, Karin Wahl, erneut. "Wir sind kein closed Job." Ob aus der Industrie, dem Krankenhaus, Angestellte von öffentlichen Apotheken oder Selbstständige, jede kann am "Gender Mainstreaming in der Pharmazie", wie sich das Netzwerk jetzt nennt, teilnehmen. Interessierte wenden sich an Antonie Marqwardt oder Karin Wahl, Bundesapothekerkammer, Jägerstraße 49/50, 10117 Berlin.

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