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BPI auf Konfrontationskurs

14.06.2004  00:00 Uhr

BPI auf Konfrontationskurs

von Conny Becker und Thomas Bellartz, Berlin

In einer Zwischenbilanz der Gesundheitsreform fordert der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel auf die Höchstbelastungsgrenze der gesetzlich Krankenversicherten anzurechnen. Die „unsoziale Komponente“ sei ein „weiterer Webfehler“ des GKV-Modernisierungsgesetz, ließ der BPI-Vorsitzende Dr. Bernd Wegener wissen.

Das „Kostendämpfungsgesetz“, das „die Bezeichnung Reform nicht verdient“ und eine „Halbwertszeit von günstigstenfalls einer Legislaturperiode“ habe, bürde den Patienten eine zu hohe Eigenleistung auf. Da nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel vielfach aus der Erstattung ausgegrenzt seien, unterbleibe so manch notwendige Behandlung allein aus Kostengründen. Würden jedoch, wie vom BPI gefordert, diese Präparate auf die Höchstbelastungsgrenze von 2 Prozent des Einkommens (1 Prozent bei chronisch Kranken) angerechnet, wäre ein Kauf für den Patienten attraktiver. Gleichzeitig wäre dadurch natürlich auch OTC-Herstellern geholfen, die von einem 10-prozentigem Umsatzrückgang ihrer Produkte im ersten Quartal getroffen wurden.

Um den Absatz weiter zu verbessern, forderte Wegener eine Lockerung des Heilmittelwerbegesetzes. Bislang ist in bestimmten Indikationen auch die Werbung für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittelverboten. Zudem kritisierte der BPI-Vorsitzende die OTC-Ausnahmeliste, die seiner Meinung nach ausgeweitet werden müsste. Gestützt wird Wegeners Befürchtung, Patienten würden nach der OTC-Ausgrenzung schlechter versorgt, durch die Ergebnisse einer Umfrage, die das Institut für Empirische Gesundheitsökonomie im Auftrag des BPI nach dem Beschluss der OTC-Ausnahmeliste gemacht hat.

So rechnen mehr als drei Viertel der knapp 300 befragten Hausärzte mit einer Verschlechterung der Versorgungsqualität der Patienten. Über die Hälfte fühlt sich in ihrer Therapiefreiheit stark, ein Drittel immerhin noch geringfügig eingeschränkt und so gaben rund 85 Prozent der Mediziner an, ersatzweise auch erstattungsfähige Arzneimittel zu verordnen. Und dies insbesondere dann, wenn sie befürchten müssen, dass die Versorgung ansonsten schlechter würde. Indikationen in denen die Ausgrenzung aus der Erstattungsfähigkeit besonders problematisch ist, sind aus Sicht der Befragten vor allem Bronchitis, Sinusitis, Prostataerkrankungen, Atemwegsinfekt, Osteoporose und Ekzeme. Eine Folgestudie soll daher ab September eruieren, wie sich die Versorgung innerhalb eines Jahres bei Patienten mit Bronchitis, benigner Prostatahyperplasie oder atopischem Ekzem beziehungsweise Neurodermitis verändern wird.

Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) wollte einmal mehr das Statement des BPI nicht im Raum stehen lassen und reagierte beleidigt. Der BPI liege mit seiner Darstellung daneben, urteilten die ministerialen Öffentlichkeitsarbeiter und sagten dem Verband einen Sturz in die politische Unwichtigkeit voraus, wenn er seine Positionen nicht ändern würde. Bei der Hauptversammlung des BPI am Dienstag in Berlin wiederholte Wegener seine Forderungen und erfuhr von seinen Vorstandskollegen bei einer Podiumsdiskussion Unterstützung. Während der Versammlung und in deren Umfeld war deutlich geworden, dass immer mehr mittelständische Hersteller auf das Auslandsgeschäft setzen und so ihre Umsatz- und Ertragsverluste im Heimatland kompensieren wollen. Allerdings werde man nicht umhin kommen hier zu Lande weitere Arbeitsplätze abzubauen, hieß es.

CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer hatte sich für mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen ausgesprochen und Teilregelungen der Gesundheitsreform, die bekanntlich on der Union mitgetragen wurde, kritisiert. Im Zentrum der Herstellerkritik steht die von der Bundesregierung geplante Behörde, die den Nutzen von innovativen Arzneimitteln bewerten solle. Die Medikamentenhersteller befürchten, dass das Institut lediglich ein weiterer Moloch werde, der mit Hilfe von Versichertengeldern die Zulassung neuer Arzneien blockieren werde. /

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