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Nichts für die Kleinen

05.05.2003
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Versandhandel

Nichts für die Kleinen

von Daniel Rücker, Bad Homburg

Welche Rolle könnten Apotheken beim Versandhandel mit Arzneimitteln spielen? Eine große – wollten einige Referenten einer Veranstaltung in Bad Homburg den Teilnehmern glauben machen. Doch Zweifel sind angebracht.

So scheint es zurzeit keineswegs sicher, dass das Versandverbot tatsächlich fällt. Bundesregierung und Krankenkassen wollen den Versandhandel mit Arzneimitteln zwar so schnell wie möglich legalisieren. Die Opposition hat aber mehrfach angekündigt, eine Gesetzesänderung im Bundesrat zu blockieren. Auf dem außerordentlichen Deutschen Apothekertag am 19. März in Berlin lehnte CSU-Gesundheitspolitiker Horst Seehofer den Arzneiversand als zu unsicher ab.

Auch juristisch ist über den Versandhandel längst noch nicht entschieden. So hat zwar die EuGH-Generalanwältin Christine Stix-Hackl in ihrem Schlussantrag zum Verfahren zwischen dem Deutschen Apothekerverband und DocMorris das deutsche Versandhandelsverbot für grundsätzlich EU-konform bezeichnet, jedoch eine Weiterentwicklung der bisherigen Rechtsprechung empfohlen, die Versandhandel unter bestimmten Voraussetzungen zuließen. Bei der Anhörung im Dezember 2002 hatte keiner der beteiligten Staaten Einwände gegen das Versandverbot. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes wird im Sommer erwartet.

Auch wenn die überwiegende Mehrheit der Apothekerinnen und Apotheker diese Vertriebsform wegen Sicherheitsbedenken ablehnt, müssen sie sich Gedanken machen, wie sie auf eine mögliche Legalisierung des Versandhandels reagieren würden. Dementsprechend groß ist zurzeit das Interesse an Veranstaltungen über den Arzneiversand. Bei einer Konferenz am 28. und 29. April in Bad Homburg informierten sich mehr als 100 Apothekerinnen und Apotheker über ihre Chancen im Versandhandel.

Rosig

Die meisten Referenten malten die Perspektiven für Apotheker in rosigen Farben. Der Gründer des Kontaktlinsenversenders Lenscare, Stefan Kloth, sieht Apotheken als prädestiniert für den Versandhandel. Die Kombination aus einem etablierten Geschäft in der Nähe der Kunden und dem Versandhandel sei ideal, stellte er fest. Ähnlich sieht es der Arzt und Mitgründer des Bundesverbandes Deutscher Versandapotheken (BVDVA), Dr. Thomas Kerckhoff. In seinem Verband haben sich einige wenige sehr große Apotheken zusammengeschlossen. Einige davon haben bereits im Impfstoffversand Erfahrungen gesammelt. Der Versandhandel, so Kerckhoff, werde in Zukunft über öffentliche Apotheken mit Sondervertriebsweg abgewickelt.

Politische Unterstützung erhielten die beiden von Dr. Gert Schorn aus dem Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS). Er bekräftigte den politischen Willen der Bundesregierung, den Versandhandel einzuführen, und empfahl den Apothekern, sich auf diese Situation einzustellen. Sie sollten Konzepte entwickeln, wie der Versandhandel über öffentliche Apotheken abzuwickeln sei. Die Bundesregierung halte an der flächendeckenden Arzneimittelversorgung über Apotheken fest. Sie werde geeignete Rahmenbedingungen schaffen, die Apotheken in einem liberalisierten Markt die Wettbewerbsfähigkeit erhalte.

Hohe Investitionen

Frohe Botschaften also für Apotheker? Bei näherem Hinsehen sind Zweifel angebracht. Warum Kontaktlinsenversender Kloth Apotheken als für den Versand prädestiniert bezeichnet, bleibt sein Geheimnis. Das erfolgreiche Geschäftsmodell von Lenscare lässt sich in jedem Fall nicht auf die durchschnittliche Apotheke übertragen. Im Gegenteil: Es ist ein Beleg dafür, dass der Versandhandel Konzentrationsprozesse auslösen oder beschleunigen wird.

Der Erfolg von Lenscare wäre ohne erhebliche Aktivitäten im Marketing nicht denkbar. Dabei setzte Kloth, dessen Unternehmen von Risikokapitalgebern finanziert wurde, erhebliche Mittel ein: Im Jahr 1997 rund 15 Millionen DM, 1998 fast 28 Millionen DM und 1999 immerhin noch 10 Millionen DM. Das hat dem Unternehmen bei Kontaktlinsenträgern einen Bekanntheitsgrad von 78 Prozent gebracht, jeder Vierte davon hat bereits bei Lenscare bestellt.

Auch die Ausführungen von BVDVA-Gründer Kerckhoff dürften bei den meisten Apothekern Skepsis hervorrufen. Zwar setzt sich sein Verband dafür ein, den Arzneimittelversand ausschließlich über öffentliche Apotheken zu organisieren. Allerdings dürften sich dann einige wenige große Apotheken den Kuchen teilen. Wohin die Reise gehen könnte, zeigen Kerckhoffs Ausführungen zum Impfstoffversand. Hier erwartet er, dass etwa 15 Prozent der Impfstoffe über Apotheken an Ärzte versendet wird. Das Geschäft werden sich nach seinen Vorstellungen etwa 10 impfstoffversorgende Apotheken teilen.

Zweifel sind auch an den Darstellungen von BMGS-Sprecher Schorn angebracht. In seinen Ausführungen blieb unklar, wie die Bundesregierung ihre Absicht, die öffentlichen Apotheken im Wettbewerb zu stärken, in die Tat umsetzen will. Solange Arzneimittelpreise in anderen EU-Ländern auf niedrigem Niveau staatlich festgesetzt werden, wird es innerhalb der Union Preisunterschiede geben. Daran kann auch eine Modifikation der Arzneimittelpreisverordnung wenig ändern, da sie für ausländische Anbieter nicht gilt. Schorn beteuerte zwar, dass die Bundesregierung diese Probleme bei einer Deregulierung des Arzneimittelmarktes berücksichtigen werde, konnte aber keine konkreten Regelungen erläutern.

Kein Grund zur Euphorie

Angesichts der erheblichen Widersprüche warnte ABDA-Jurist Arndt Preuschhof Apotheker davor, mit großen Hoffnungen der Einführung des Versandhandels entgegen zu blicken. Bislang sei weder juristisch noch politisch eine Entscheidung über die Liberalisierung des Arzneimittelvertriebs gefallen. Sollte der Versand tatsächlich erlaubt werden, gehörten die deutschen Apotheker sicherlich nicht zu den Gewinnern. Preuschhof bekräftigte die Sorgen der Apotheker, der Versandhandel werde die Arzneimittelversorgung in Deutschland massiv verändern. »Versandhandel kann in der EG nur grenzüberschreitend zugelassen werden. Alle nationalen Systemkomponenten würden deshalb unter dem Gesichtspunkt der Inländerdiskriminierung angreifbar«, stellte der Rechtsexperte fest. Die Konsequenzen wären mittelfristig unter anderem eine Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes sowie der Arzneimittelpreisverordnung. Für Preuschhof steht außer Frage, dass weder Patienten noch Apotheker von einer Einführung des Versandhandels profitieren würden. Die Konsequenz wäre die Zerschlagung der heutigen hochwertigen, sicheren und effizienten Arzneimittelversorgung. An ihre Stelle träte ein System, über dessen genaue Ausgestaltung nicht einmal die Befürworter des Versandhandels Auskunft geben könnten.

Das Nein der ABDA zum Versandhandel bedeutet keineswegs ein Nein zu allen Neuerungen. Preuschhof verwies auf das Hausapotheken-Modell und das angebotene Home-Service-Modell. Die darin vorgesehene pharmazeutische Versorgung der Patienten bis ans Krankenbett erfülle alle von den Versandhandelsbefürwortern ins Feld geführten Kriterien, gefährde aber nicht die flächendeckende Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln.

 

Kommentar: Sand in den Augen Stellen Sie sich einmal vor: Der Versandhandel mit Arzneimitteln wird zugelassen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen ermöglichen einen fairen Wettbewerb, in dem sich die deutschen Apotheken auf Grund ihrer großen Kundenbindung als die besten Dienstleister behaupten. Vertreter von Krankenkassen und Bundesregierung sehen sich in ihrer Erwartung bestätigt, dass Versandhandel mit Arzneimitteln die Versorgungsqualität verbessert, die Effizienz erhöht und kaum einen Einfluss auf die bewährte Versorgung mit Arzneimitteln hat. Ein Traum?

In der Tat, denn mit der Realität hat dies wenig zu tun. Auch wenn die meisten Referenten auf der Veranstaltung in Bad Homburg versuchten, den Apothekern Sand in die Augen zu streuen und den Versandhandel schmackhaft zu machen, sprechen die Tatsachen eine andere Sprache. Ihre eigenen Geschäftsmodelle stehen den Aussagen von Kerckhoff und Kloth diametral entgegen: Wer im Versandhandel bestehen will, braucht viel Geld. Geld, das ein einzelner Apotheker nicht hat, Geld, das nur Strukturen haben, die mit dem Fremd- und Mehrbesitzverbot nicht vereinbar sind. ABDA-Jurist Preuschhof hielt dagegen. Als Überbringer der schlechten Nachricht erntete er dafür einigen Widerspruch. Dennoch hatte er Recht. Die angenehmste Botschaft ist leider sehr selten die richtige. Allein aus opportunistischen Gründen, Konzepte zum Versandhandel vorzutragen, ist sinnlos. Es hätte Preuschof zwar den Applaus des Auditoriums garantiert. Doch wäre es ein Pyrrhus-Sieg gewesen. Denn beim Versandhandel sind die öffentlichen Apotheken ganz sicher die Verlierer, vielleicht nicht am ersten Tag, aber auf lange Sicht!

Daniel Rücker
Stellvertretender Chefredakteur

 

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