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Verzahnung hat bisher keine Vorteile gebracht

05.05.1997
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-Politik

  Govi-Verlag

Verzahnung hat bisher keine
Vorteile gebracht

  Die bisherigen Bemühungen, Leistungsbereiche im Gesundheitswesen besser miteinander zu verzahnen, sind nach Ansicht des renommierten niedersächsischen Krankenhausexperten Ernst Bruckenberger nahezu erfolglos geblieben. Die Leistungserbringung sei insgesamt nicht effizienter geworden. Vielmehr versuche jeder Bereich zu Lasten anderer Sektoren zusätzliche Leistungen zu vereinnahmen, moniert der leitende Ministerialrat im Hannoverschen Landessozialministerium: Verzahnen heiße gegenwärtig, "sich zusätzliche Zähne zu besorgen, um ein größeres Stück vom Verteilungskuchen abbeißen zu können".

Bruckenberger nennt Beispiele: Krankenhäuser wollten künftig als Gesundheitszentren neben vollstationären Behandlungen auch vor- und nachstationäre, ambulante rehabilitative sowie ambulante und stationäre Leistungen nach dem Pflegeversicherungsgesetz erbringen. Diese Leistungen hätten bisher niedergelassene Ärzte sowie Reha- und Pflegeeinrichtungen übernommen.

* Vertragsärzte operierten vermehrt ambulant, angeblich mit dem Ziel, die Zahl der Klinikeinweisungen zu senken. Tatsächlich aber habe sich die enorme Ausweitung der ambulanten Operationen in den Praxen überhaupt nicht auf die Nachfrageentwicklung in den Kliniken ausgewirkt. Gleichzeitig wurden immer mehr Praxiskliniken eröffnet.

* Reha-Einrichtungen drängten mit Hilfe des Begriffs "Frührehabilitation" verstärkt in Aufgabenbereiche, die bislang den Krankenhäusern vorbehalten seien.

* Seit der Verabschiedung des Pflegeversicherungsgesetzes nehme die Zahl der stationären Pflegeeinrichtungen mangels einer präventiven Bedarfsprüfung explosionsartig zu. Angesichts der sich abzeichnenden Überkapazitäten suchten Heime bereits verstärkt alternative Aufgabenfelder in der Frührehabilitation, der Rehabilitation und der Geriatrie.

Ernst Bruckenberger kritisiert darüber hinaus, daß die Politik seit Jahren den Begriff der "Kostenexplosion" in den Mittelpunkt der gesundheitspolitischen Debatte stelle. Tatsächlich aber sei die Zahl der Ärzte, der Patienten, der gesetzlichen Regelungen und der verordneten Leistungen zwischen 1974 und 1995 "explodiert".

* Die Zahl der Klinikärzte habe sich um rund 100 Prozent die Zahl der niedergelassenen Ärzte um rund 70 Prozent erhöht. Diese Entwicklung sei unter anderem Ergebnis einer Bildungspolitik, die - ohne Rücksicht auf die vorhersehbaren Konsequenzen - deutlich über den tatsächlichen Bedarf hinaus Mediziner produziere. Allein durch die Aus- und Weiterbildung dieser Ärzte seien zusätzliche Leistungen und Kosten verursacht worden, die andernfalls gar nicht angefallen wären.

* Die Zahl der stationären Patienten sei um 50 Prozent gestiegen. Die gleichzeitige Zunahme der ambulanten Behandlungsfälle um etwa 65 Prozent habe darauf offensichtlich keinerlei Einfluß.

* Die Zahl der an Krankenhauspatienten erbrachten Leistungen habe um etwa 240 Prozent zugenommen. Die Einwohnerzahl sei aber nur um sieben Prozent gestiegen.

Um dem Ziel, weniger Leistungen wirtschaftlicher und patientengerechter zu erbringen, näher zu kommen, müsse die Kooperation zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern auf der Ebene der Stadt- und Landkreise erheblich verstärkt werden, fordert Bruckenberger. Der Staat habe dabei die Aufgabe, Konflikte zwischen den einzelnen Gruppierungen zu entschärfen: durch hochqualifiziertes, fachliches und pragmatisches Gestalten. Gefordert sei Professionalität beim Umsetzen von konkreten kooperativen Konzepten und nicht Professionalität beim Ankündigen von neuen Mythen zur Kostendämpfung. Bruckenberger: "Der Mythen sind genug verkündet."

PZ-Artikel von Hans-Bernhard Henkel, Bonn    

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