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Was die Apotheker der Vernetzung entgegen setzen

20.03.2000
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-Politik

PZ-INTERVIEW

Was die Apotheker der Vernetzung entgegen setzen

von Gisela Stieve, Hemmoor

Integrierte Versorgungsformen im Gesundheitswesen sind das Hauptthema in diesem Frühjahr. Die Gesundheitsreform 2000 macht's möglich mit den neuen §§ 140 a – h SGB V, die eine intensive Diskussion in Gang gesetzt haben. Heinz-Günter Wolf, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV), wird unter anderem am 31. März bei einer euroforum-Konferenz in Freising darstellen, wie die Apothekerschaft der Vernetzung begegnen wird: mit der pharmazeutischen Leistungsgemeinschaft. Im Gesamtvorstand Ende Februar ist sein Vortrag vom Grundsatz her auf Zustimmung gestoßen. Unklarheiten, Nachfragen und Bedenken ergaben sich bei Detailfragen. Die PZ fragte noch einmal nach.

PZ: Herr Wolf, Sie haben im Gesamtvorstand das ganze Spektrum der pharmazeutischen Leistungen und Dienstleistungen beschrieben, die das besondere Angebot der "pharmazeutischen Leistungsgemeinschaft" ausmacht. Was ist tatsächlich neu daran?

Wolf: Unser Berufsbild hat sich mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und mit der Gesellschaft und deren Erwartungen fortentwickelt. Jetzt müssen wir mit den integrierten Versorgungsformen im Gesundheitswesen umzugehen lernen. Da den Arztnetzen finanzielle Verantwortung übertragen werden soll, werden sie versuchen, zum Beispiel im Arzneimittelbereich Vorteile zu erwirtschaften.

PZ: Mit anderen Worten könnte ein Netz oder dessen Manager an einen einzelnen Apotheker herantreten und ihn zum Hoflieferanten – selbstverständlich mit günstigen Lieferkonditionen – machen.

Wolf: Genau das müssen wir als Verband verhindern oder noch besser: mit guten Argumenten entkräften. Zudem stehen dem die ärztlichen und apothekerlichen Berufsordnungen entgegen. Der Vorteil für den einzelnen Kollegen wäre nur kurzfristig und kurzsichtig. Wir wollen, dass die integrierten Versorgungsformen mit den Landesapothekerverbänden verhandeln.

PZ: Welchen Vorteil sollten die Netze davon haben?

Wolf: Egal, ob in der Stadt oder auf dem Land: Ein Hoflieferant kann nicht das ganze pharmazeutische Leistungspaket, nämlich die flächendeckende, qualitätsgesicherte Versorgung anbieten. Dazu gehört auch ein mit der ärztlichen Gemeinschaft verzahnter pharmazeutischer Notdienst.

Der Zweck eines Netzes ist es ja, möglichst viel ambulant zu machen – also Krankenhauseinweisungen zu verhindern – ganz im Sinn: so viel ambulant wie möglich, so viel stationär wie nötig. Dazu braucht man eine exzellente pharmazeutische Versorgung mit all ihren Facetten. Die pharmazeutische Leistungsgemeinschaft bietet genau das. Ebenso bleibt die freie Apothekenwahl erhalten, die nach wie vor ein schützenswertes Gut unseres Gesundheitssystems ist.

PZ: Ist das denn nicht alter Wein in neuen Schläuchen? Was anderes tut der Berufsstand, organisieren die Kammern denn heute schon?

Wolf: Wir wollen die pharmazeutische Leistungsgemeinschaft zu einem umfassenden Qualitätsbegriff machen, indem wir die Qualität nicht wie bisher stillschweigend voraussetzen und leisten, sondern sie artikulieren und vertraglich festschreiben.

PZ: Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Wolf: Ein Arztnetz, das als Schwerpunkt Krebspatienten poststationär versorgt, wird eine oder mehrere Apotheken brauchen, die Zytostatika herstellen. Ein anderes Netz, das auch Naturheilverfahren anwendet, braucht die homöopathisch orientierte Apotheke. Die pharmazeutische Leistungsgemeinschaft bietet diese Vielfalt an. Es gibt in dieser Gemeinschaft Apotheken verschiedenster Ausprägung, wobei wir jeweils die Qualität der Leistungen garantieren.

Im begründeten Einzelfall muss die pharmazeutische Versorgung sogar bis ans Krankenbett denkbar sein. Man stelle sich folgende Situation vor: Der Angehörige eines Patienten ruft Hilfe rufend den Hausarzt an und schildert die Symptome des Patienten. Alles deutet auf einen Schlaganfall hin. Der Hausarzt fährt sofort zum Patienten und trifft dort den pharmazeutischen Notdienst, der ihm das Infusionsset, inklusive aller Hilfsmittel und Sauerstoff zu Sofortbehandlung bringt. Das wäre echte integrierte Versorgung.

PZ: Heißt das, die Mitglieder dieser Gemeinschaft sind aufgrund bestimmter Kriterien und Qualifikationen so etwas wie ein Elite-Zirkel?

Wolf: Das eben genau nicht! Wir halten uneingeschränkt, und ich betone uneingeschränkt, an den Säulen unseres Berufsverständnisses fest: freie Apothekenwahl für alle Patienten, alle Apotheken sind gleichberechtigt, es bleibt beim Apothekenmonopol, und wir halten am einheitlichen Apothekenabgabepreis fest. Was wir mit aller Kraft verhindern wollen, ist eine Entsolidarisierung in der Kollegenschaft. Das können wir uns als relativ kleiner Berufsstand gar nicht leisten.

PZ: Kommen wir auf Verträge und Finanzen zu sprechen. Die Kassen wollen ja den Netzen nicht nur ihr Leistungsspektrum übertragen und somit vorgeben, sondern auch die finanzielle Verantwortung für die Versicherten übertragen; Stichwort: Capitation. Das hieße, dass die Apotheken nicht mehr mit den Krankenkassen, sondern mit den Netzen abrechnen. Wie soll das funktionieren?

Wolf: Integrierte Versorgungsformen sollen regionale Versorgungseinheiten werden, die dann auch anstelle der Krankenkassen als Kostenträger auftreten. Deshalb sollen sie mit der regionalen Einheit der Apothekerschaft, den Landesapothekerverbänden verhandeln. In diesem Zusammenhang hat sich die Arbeitsgruppe, die sich beim Deutschen Apothekerverband mit dem Thema befasst hat, bewusst auf den Begriff der Leistungs-"gemeinschaft" verständigt, um den Kontrast zu Einzelabsprachen deutlich zu machen. Das heißt, pharmazeutische Leistung wird gemeinsam erbracht und nicht etwa eine Versorgungskette betrieben. Im übrigen ist "Gemeinschaft" ein Terminus technicus aus dem Gesetz und keine Erfindung von uns.

Und zur Abrechnung: Der DAV schlägt zum Beispiel vor, das sowieso transparente Teilbudget für die Arzneimittel aus dem Capitation-System herauszunehmen. Vorteil für die Krankenkassen: die Datenlieferung wäre wie bisher über die Apothekenrechenzentren gesichert. Darüber hinaus könnten die Kassen auch Qualitätskontrollen über die Medikation der im Netz befindlichen Ärzte einführen. Der Vorteil für den Netz-Patienten: Er kann wie jeder anderen Patient sein Rezept in jeder Apotheke einlösen. Und das Netz schließlich spart Verwaltungsarbeit und damit Kosten bei der Abrechnung, Datenerfassung und Weiterverarbeitung, die wie bisher zwischen den bewährten Partnern Krankenkassen und Apothekern abläuft. Vor allem sollen aber keine falschen Sparanreize zu Lasten der Patienten gesetzt werden. Das alles gibt das geänderte SGB V her.

PZ: Was muss noch vertraglich geregelt werden?

Wolf: Zunächst sollte der jeweilige LAV als Vertragspartner anerkannt sein, um dann ein recht weites Vertragsfeld zu beackern. Als unsere Vertragspartner, der pharmazeutischen Leistungsgemeinschaft, könnten dann die Ärztenetze, Krankenhäuser, andere Kostenträger wie die private Krankenversicherung oder die Berufsgenossenschaft, Service Provider wie Software- und Online-Dienste sowie Pharmaindustrie, Pflegedienste und andere Anbieter auftreten. Diese Arbeit muss man als Prozess sehen, der sich entwickelt und fortgeschrieben wird.

PZ: An welchen Zeitraum denken sie dabei?

Wolf: Fünf bis zehn Jahre – was nicht heißt, dass nicht schon jetzt die Entwicklung des Gesundheitswesens in Bewegung geraten wäre. wir müssen für unsere Kollegen – ebenso wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung für die Ärzte – Konzepte erarbeiten und offen diskutieren. Jeder muss wissen, dass mit den Apothekern im positiven Sinn zu rechnen ist.

PZ: Sie wünschen sich sozusagen einen professionelleren öffentlichkeitswirksamen Auftritt ihrer Berufsgruppe.

Wolf: Ja. Die Angebote der Apotheker heißen nicht nur flächendeckende Arzneimittelversorgung rund um die Uhr. Wir sind Arzneimittelfachleute und sollten der Ärzteschaft mit "evidence based pharmacy" ein Pendant anbieten, das auf nachweisbarer Qualität basiert. Die Beteiligten im Gesundheitswesen müssen lernen, zum Wohle der Versicherten und Patienten fachübergreifend zusammenzuarbeiten Top

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