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Einträgliche Geschäfte

11.02.2002
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Einträgliche Geschäfte

von Erdmuthe Arnold und Daniel Rücker, Eschborn

In der Diskussion um Aut idem versuchen manche Ärztevertreter, den Eindruck zu vermitteln, Mediziner seien die besseren Menschen. Während der Apotheker sein ohnehin schon üppiges Salär durch Mauscheleien mit Pharmaunternehmen aufzubessern giert, schuftet der Arzt als heilender Altruist bis zur Selbstausbeutung - immer dem Wohle des Patienten verpflichtet. Dies wollen uns die Funktionäre der Ärzteschaft erzählen. Doch auch sie holt bisweilen die Realität ein. Einige Beispiele.

Eine stetig steigende Zahl von Ärzten scheint sich über die Zusammenarbeit mit der Industrie einen nicht unerheblichen Nebenverdienst zu sichern. Die Art der Kooperation lässt vermuten, dass die Angst der Ärzte vor Aut idem nicht allein im vermeintlichen Verlust der Therapiehoheit begründet ist.

So berichtete das ARD-Magazin Plusminus am 21. Januar von Ärzten, die in verschiedenen Fällen über Genossenschaften als Stille Gesellschafter mit Beteiligungsmodellen oder Honorarverträgen eine neue Einnahmequelle als Generikahersteller entdeckt hatten. Wie das Magazin herausfand, sind die hier verordneten Arzneimittel oftmals teurer als andere Generika.

In Hamburg sollen Ärzte auffallend häufig Produkte des Pharmaunternehmens Phamos verordnet haben. Die kollektive Sympathie der Ärzte für das Unternehmen hat die IKK Hamburg auf den Plan gerufen. Sie interessiert sich dafür, ob neben der medizinischen Notwendigkeit auch andere Überlegungen für die Verordnungen sprechen könnten.

Auch im Südwesten der Republik bandelten Mediziner mit Pharmaunternehmen an. Nach Recherchen von Plusminus schweißt die in Nordwürttemberg gegründete Medi-Verbund GmbH Ärzte und einen Pharmahersteller fest zusammen. Medi-Verbund hatte mit der Stada-Tochter Aliud Pharma, Laichingen, Beratungsverträge abgeschlossen. Diesem "Verbund Freier Arztpraxen" gehört unter dem Motto "Gesund im Verbund" die Hälfte aller Ärzte in Nord-Württemberg an. Sie bilden damit regional eine erhebliche Marktmacht und sind dazu angehalten, möglichst nur Aliud-Präparate zu verschreiben. Gegenüber Plusminus erklärte der Verbund: "Für diese Beratertätigkeit wird die Medi-Verbund GmbH (...) von Aliud entsprechend dem Fortschritt unserer Beratungen nachhaltig unterstützt."

Fruchtbares Konzept

Die Kooperation trug offensichtlich Früchte: Im vergangenen Jahr meldete Aliud, dass ihr vor 15 Jahren eingeführtes, "gänzlich neues Vertriebskonzept" aufgegangen sei. Das Unternehmen biete Arzneimittelklassiker zum kleinsten Preis an und zwar ganz ohne Außendienst. Weiter heißt es: "Das innovative Konzept findet bei allen Beteiligten im Gesundheitswesen gleichermaßen hohe Akzeptanz."

Die Zahlen belegen den Erfolg der Strategie: Nach Firmenangaben lag der Umsatz im Jahr 2000 bei 77,1 Millionen DM. Im Vergleich zum Vorjahr ein sattes Plus von 47 Prozent.

Die traute Einigkeit von Ärzten und Industrie machte Krankenkassen misstrauisch. Laut Plusminus hat der Verband der Angestellten Krankenkassen (VdAK) Baden-Württemberg die Landesärztekammer aufgefordert, den Fall zu prüfen.

Nachdem die Kassenärztliche Vereinigung erst versucht hatte, den Fall herunterzuspielen, hat sie jetzt eine Kehrtwende gemacht. Gegenüber der PZ erklärte der Präsident des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg, Fritz Becker, der LAV habe in einem Gespräch die Ärzteschaft dazu bewegen können, den Kooperationsvertrag ruhen zu lassen.

Aliud-Geschäftsführer Egon F. Siebein sieht die Dinge allerdings grundsätzlich anders. Aus seiner Sicht hat die ARD nicht richtig berichtet. Bei der Zusammenarbeit mit den Ärzten handele es sich lediglich um die Struktur-Datenlieferung an IMS Health, damit sich Aliud - wie andere Marktteilnehmer auch - ein Bild über das Verordnungsverhalten der Ärzte verschaffen könne. Richtig sei, dass der Vertrag zurzeit ruhe, allerdings aus einem anderen Grund. Der Konkurrent Lichtenstein Pharmazeutika habe gegen die Kooperation geklagt.

Enge Bande zur Industrie pflegen auch Ärzte im hohen Norden. So vertreibt die von der KV Schleswig-Holstein gegründete Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein eG zusammen mit einem Praxisnetz seit dem 1. März 2000 Arzneimittel über die Q-Pharm AG in Bad Segeberg. Im Angebot sind 24 Generika von den in Flensburg ansässigen Gesellschaften Anton Pharma, Juta Pharma und MW Pharma. Etwa die Hälfte aller 4500 Ärzte in Schleswig-Holstein sind der Genossenschaft beigetreten.

Der gewünschte kommerzielle Erfolg hat sich hier offensichtlich noch nicht eingestellt. Auf der Generalversammlung am 9. Juni 2001 mussten die Verantwortlichen für das Rumpfgeschäftsjahr 2000 ein Minus von 426.000 DM vermelden. Für 2001 wurde ein weiterer Verlust von 300.000 DM prognostiziert.

Rechtlich und ethisch fragwürdig

Da die Kassenärztlichen Vereinigungen unwillig bis gar nicht auf diese Entwicklungen im Pharmamarkt reagieren, interessieren sich jetzt auch Apothekerorganisationen für die enge Zusammenarbeit von Ärzten und Industrie. So hat der ABDA-Geschäftsbereich Wirtschafts- und Vertragsrecht bei einer Überprüfung festgestellt, dass Q-Pharm derzeit als wirtschaftlich unbedeutend einzustufen ist. Sie hält jedoch ärzteeigene Pharmaunternehmen aus berufsrechtlicher und ethischer Sicht für höchst fragwürdig. Trotzdem dürfte es schwer fallen, gegen die Aktivitäten vorzugehen. Die beteiligten Ärzte sind nicht direkt an möglichen Gewinnen der Q-Pharm beteiligt, sondern nur über die Gewinnausschüttung der Genossenschaft.

Auffälligkeiten gab es auch in Westfalen-Lippe. Dort informierte im vergangenen Jahr ein Apotheker den Verband darüber, dass sich das Pharmaunternehmen Wiebpharma in Werl großer Beliebtheit bei den Ärzten erfreue. Obwohl nicht sonderlich preiswert, verordneten die Mediziner der Region auffallend häufig Produkte des Unternehmens. Der Apothekerverband fragte bei KV und Ärztekammer nach, stieß aber dort auf wenig Verständnis.

Der KV liegen angeblich keine Erkenntnisse über den Fall vor und die Ärztekammer Westfalen-Lippe glaubt an die Integrität ihrer Mitglieder. Gegen die gesellschaftsrechtliche Beteiligung eines Arztes an einem Unternehmen bestünden im Prinzip keine Bedenken, wenn das Verhalten des Arztes nicht von seiner persönlichen Gewinnerwartung als Gesellschafter bestimmt werde, teilte die Kammer den Apothekern mit. Die Generalpflichtenklausel des § 2 Abs. 2 der Berufsordnung werde verletzt, wenn für den Arzt eine wie auch immer geartete Verpflichtung bestehe, die von der Gesellschaft produzierten und vertriebenen Arzneimittel zu verordnen. Der Arzt sei vielmehr verpflichtet, dem ihm "bei der Berufsausübung entgegengebrachten Vertrauen zu entsprechen".

Dies bedeute, "dass der Arzt die im Einzelfall notwendig werdende Verordnung von Arzneimitteln völlig losgelöst von eigenen ökonomischen Interessen ausschließlich zum gesundheitlichen Wohl des Patienten vornimmt", so die Ärztekammer. Auch sei dem Arzt gemäß § 34 Abs. 1 der Berufsordnung nicht gestattet, "für die Verordnung von Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln vom Hersteller oder Händler eine Vergütung oder sonstige wirtschaftliche Vergünstigung zu fordern oder anzunehmen." Diese Bestimmung habe zum Ziel, die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Arztes bei der Verordnung von Arzneimitteln zu sichern. Die Ärztekammer könne einen Berufsverstoß nur ahnden, wenn ihr eindeutige Fakten vorliegen.

Es liegt also auch an den Apotheken, das unethische Vorgehen von einigen Ärzten durch eigene Recherchen zu belegen und wieder eine deutliche Trennung zwischen den beiden Heilberufen zu erreichen. Denn die Generika werden alle über die Apotheken abgegeben. Und die Beispiele zeigen, dass die Ärzte Aut idem mit ihrer Vorgehensweise ad absurdum führen wollen.

Gute Geschäfte in der Schwerpunktpraxis

Das intensive Miteinander von Ärzten und Industrie scheint manchmal auch Apotheker anzulocken. In einem besonders einträglichen Fall soll sich nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ein Arzt mit Hilfe eines Großhändlers, mehrerer Pharmaunternehmen und eines Apothekers erhebliche Nebenverdienste bei der Behandlung von HIV-Patienten gesichert haben. Als Betreiber einer Schwerpunktpraxis soll er einen Betrag in Millionenhöhe durch dubiose Geschäftspraktiken verdient haben. Die Einnahmen sprudelten nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft gleich aus mehreren Quellen.

Demnach stammt ein großer Teil des Geldes aus dem aufgebauten Distributionssystem. Es soll folgendermaßen funktioniert haben: Um ihre Monopolstellung zu sichern, belieferten die Pharmafirmen einen spezialisierten Großhändler mit Aids-Medikamenten, dieser lieferte die Medikamente in eine bestimmte Apotheke. Der Apotheker wiederum brachte die Präparate direkt in die Schwerpunktpraxis, wo er sie gegen die Rezepte des Arztes eintauschte. Die Arzneimittel wurden in der Praxis an die HIV-Patienten abgegeben. Innerhalb von zwei Jahren wurden so HIV-Medikamente für rund 8 Millionen DM abgegeben. Sein Exklusivrecht ließ sich der Großhändler nach den Recherchen der Staatsanwaltschaft 8 Prozent des Umsatzes kosten. Diesen Betrag zahlte er auf ein gesondertes Konto.

Die weiteren Ermittlungen ergaben, dass die Pharmafirmen und der Großhändler, die an diesem Geschäft beteiligt waren, einen gemeinnützigen Verein unterstützt haben sollen, der es sich laut Satzung zur Aufgabe gemacht hatte, die Versorgung Aids-Kranker zu verbessern. Erster Vor-sitzender des Vereins war der Leiter der HIV-Schwerpunktpraxis. Die Summen, die dabei flossen, waren nicht unerheblich. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft zahlten sieben Pharmaunternehmen insgesamt fast 1,4 Millionen DM an den Verein.

Wie die Staatsanwaltschaft behauptet, gab der Verein Studien in Auftrag, die - teils direkt, teils auf Umwegen - von einem Unternehmen ausgeführt wurden, dessen Geschäftsführer wiederum der beschuldigte Arzt war. Auch soll der Verein Honorare für nicht erbrachte Leistungen sowie weit überhöhte Reisekosten erstattet haben.

Weitere Einnahmen erzielten Arzt und Apotheker mit der Einreichung von Rezepten, die nicht beliefert wurden oder bei denen ein überhöhter Betrag in Rechnung gestellt wurde, so die Ermittlungsbehörde. So soll der Arzt 30 HIV-Rezepte ausgestellt haben, die der Apotheker beim Rechenzentrum einreichte, ohne die entsprechenden Arzneimittel abgegeben zu haben. Als kurze Zeit später die Ermittlungen gegen ihn anliefen, forderte der Apotheker die Rezepte allerdings wieder zurück. Ansonsten wäre nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein Schaden von mehr als 50.000 DM entstanden.

Doch nach den Recherchen scheint dies nur ein kleiner Teil der Einnahmen ohne angemessene Gegenleistung zu sein. Die Ermittlungsbehörde hatte nämlich festgestellt, dass insgesamt wesentlich mehr Arzneimittel verordnet und vom Apotheker abgegeben wurden, als die Apotheke in ihren Büchern verbucht hatte. So soll die Apotheke von vier verschiedenen HIV-Medikamente rund zehn Prozent mehr abgerechnet als eingekauft haben.

Der Arzt verdiente nach den Recherchen der Staatsanwaltschaft weiterhin Geld mit von den Pharmaunternehmen in Auftrag gegebenen Anwendungsbeobachtungen. Diese hätten "zumindest in Einzelfällen weniger der Beobachtung der Wirkungsweise der verabreichten Medikamente als vielmehr vorwiegend der Sicherung von Marktanteilen" gedient. So habe ein Pharmaunternehmen 15.000 Fragebögen auswerten lassen, bezahlt wurde aber die Auswertung von 75.000 Bögen.

Zu einem Prozess kam es allerdings nicht. Das Verfahren wurde nach Zahlung eines Bußgeldes über mehrere hunderttausend Mark eingestellt. Top

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