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Hin zum Patienten

05.02.2001
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ZYTOSTATIKA-WORKSHOP

Hin zum Patienten

von Christiane Berg, Hamburg

550 Teilnehmer konnte der Initiator und Chairman des Norddeutschen Zytostatika-Workshops, Klaus Meier, Apotheke Allgemeines Krankenhaus Hamburg-Harburg, zum diesjährigen 9. Norddeutschen Zytostatika-Workshop - NZW vom 26. bis 28. Januar begrüßen. Meier, der von einem "Lichtpunkt aller Aktivitäten des Jahres im onkologisch-pharmazeutischen Umfeld" sprach, zeigte sich erfreut über die Teilnahme zahlreicher Kollegen nicht nur aus dem Süden Deutschlands, sondern auch aus dem Ausland, so unter anderem Italien, England, Kanada, Frankreich und den USA.

Die zunehmende Zahl von Offizinapothekern, die die international anerkannte Tagung besuchen, beweise, dass der Brückenschlag zwischen Krankenhaus- und Offizinpharmazie gelungen ist. Der Norddeutsche Zytostatika-Workshop sei aus der Fortbildungslandschaft der Apotheker nicht mehr wegzudenken, sagte auch der Mitveranstalter und Präsident der Apothekerkammer Hamburg, Dr. Hans-Jochen Gelberg, in seiner Begrüßungsansprache.

Wege zu neuen Ufern

Der Kongress biete weit mehr als fundiertes und praxisnahes Wissen über die Anwendung und Herstellung von Zytostatika. Immer sei es Bestreben der Organisatoren gewesen, auch einen Blick über den Tellerrand auf das Umfeld der Versorgung von Tumorpatienten zu werfen. Stets habe man sich gefragt, was Apothekerinnen und Apotheker zur sinnvollen Weiterentwicklung dieses Umfeldes beitragen können. Pharmakoökonomische Bewertungsverfahren und Aspekte der Lebensqualität, Qualitätssicherung, neue Kooperationsformen zwischen Krankenhaus- und Offizinapothekern: Der NZW sei seit jeher ein innovativer Kongress sowie Kristallisationspunkt für neue Themen und neue Leistungsangebote gewesen und habe Wege zu neuen Ufern aufgezeigt.

Nachdem Meier die "Hinwendung zum Patienten" als wesentlichen Aspekt der Arbeit des onkologischen Pharmazeuten und somit auch als ein Hauptmotto des Kongresses hervorgehoben hatte, verwies Gelberg auf die Stärkung des Verbraucherschutzes als Anliegen der Offizinapotheker. Mit Sorge beobachtet der Kammerpräsident, dass immer mehr Menschen aus den verschiedensten Gründen Informationen zu Fragen rund um die Gesundheit aus dem Internet beziehen. Leider stießen sie dabei nicht nur auf sichere Quellen, sondern liefen stets Gefahr, dubiosen Geschäftemachern "auf den Leim" zu gehen. "Wir Apotheker sind nicht zuletzt auch im Internet gefordert, seriöse Informationsquellen und bessere Alternativen zu präsentieren", so Gelberg, der sich erfreut über den geplanten Start des Gesundheitsportals der ABDA -Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Eschborn, im Internet zeigte.

"Wundermittel" in der Presse

Jeden Tag berichten die Medien über neue Therapien. Für den Laien ist dabei häufig nicht erkennbar, ob die Informationen richtig sind. Auch Apothekerinnen und Apotheker werden nach entsprechenden Veröffentlichungen oft von Anfragen zu angeblichen Wundermitteln überrascht, zu denen sie keinerlei verlässliche Hintergrundinformationen haben. Wie kommen diese teils reißerischen Medienberichte zustande? Wie können Apotheker und Ärzte ihrer Verantwortung gerecht werden, Patienten fundiert zu beraten?

"Wundermittel in den Medien" war Thema einer Podiumsdiskussion unter Moderation von Dr. Sabine Thor-Wiedemann, Lübeck. Sie verwies auf die "Gratwanderung" von Arzt und Apotheker im Umgang mit Patienten, die auf Grund von Medienberichten auf bestimmte Mittel fixiert sind. Von der Gratwanderung für den Therapeuten sprach auch Dr. Gerd Büschel vom Institut für Medizinische Onkologie, Hämatologie und Knochenmarktransplantation, Nürnberg. Regelmäßig werde er mit Zeitungsausschnitten und Berichten zu angeblichen Wundermitteln konfrontiert.

Verständliche Sprache sprechen

Stets geleitet von dem Wunsch der meisten Patienten "Ich will Wahrheit, aber auch Hoffnung" versuche er sich zunächst ein Bild über die persönliche Situation der Betroffenen zu machen. Büschel: "Wir holen den Patienten da ab, wo er steht, und beraten ihn zu den Fragen, die er stellt". Es sei weinig hilfreich, dem Patienten etwas auszureden, dies degradiere ihn sogar, so der Onkologe. Die Laienpresse rufe bei Menschen in schweren Situationen oftmals Emotionen hervor, die man nicht nur rational sondern auch emotional lösen müsse. "Dem muss man sich stellen". Wichtig sei, dass die Fachleute eine Sprache sprechen, die auch die Patienten verstehen, sagte Büschel.

Auf die großen Gefahren durch unerfüllbare Hoffnungen, die Zeitungsartikel über angebliche Wundermittel wecken können, verwies der Geschäftsführer der Apothekerkammer Hamburg, Dr. Reinhard Hanpft. Im Einzelfall bedeute es große Mühe, die durch solche Berichte hervorgerufenen Erwartungen auf ein gesundes Maß zurückzuschrauben. Michael Höckel, Fachapotheker für Offizinpharmazie, Kassel, schilderte den großen Aufwand, den die damit verbundene Recherche im Internet, beim Großhandel oder den Arzneimittelinformationsstellen der Apothekerkammern mit sich bringen kann.

Beweggründe hinterfragen

Dieser Aufwand lohne sich jedoch, da nicht das Ergebnis, sondern die Recherche selbst schon zur Zufriedenheit des Patienten beitrage, zeige sie doch, dass der Apotheker "sich kümmert". Das "Hinterfragen der Beweggründe des Patienten, sich seiner annehmen" nannte Höckel als wesentlichen Aspekt in der Beratung und Betreuung onkologischer Patienten.

Vom "Zuhören und Mitfühlen als großes Gut, das viele Berufszweige sich wieder aneignen sollten", sprach Sigrid Werner-Ingenfeld, Wissenschaftsredakteurin beim Norddeutschen Rundfunk in Kiel. Sie verwies auf die große Veränderung der Medienlandschaft. Man müsse unterscheiden zwischen der Information und der Story, in der ein Medikament zufällig Erwähnung findet. Als Fachmann müsse man gegebenenfalls genauso emotional "dagegenhalten, um den gleichen Effekt zu erzielen". Resümee der Veranstaltung: Apotheker und Ärzte müssen sich zusammenschließen, um die oftmals Unheil stiftende Macht der Medien auf dem Sektor der Medizin in Grenzen zu halten.

Zukunft ist machbar

Nicht nur die Podiumsdiskussion sowie das sich anschließende Plädoyer von Ursula-Goldmann-Posch, Betroffene und Autorin des Buches "Der Knoten über meinem Herzen", zur Stärkung des Bewusstseins für Brustkrebs, der gesamte Kongress, bei dem sich Apotheker und Fachkräfte über die Herstellung und Wirkung von Zytostatika informierten, ließ Nähe zum Patienten spüren. Deutlich spürbar war auch das Bemühen der Organisatoren um Stärkung der Kooperation zwischen Offizin- und Krankenhausapothekern.

Geboten wurden nicht nur Vorträge zur Qualitätssicherung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern im Krankenhaus sowie zu innovativen Ansätzen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus- und Offizinapothekern. Geboten wurden auch Seminare zum Beispiel zur Zusammenarbeit zwischen Offizin-Apothekern und Onkologen oder zur Pharmazeutischen Betreuung von krebskranken Menschen - alles gemäß der Devise "Zukunft hat keiner, es sei denn er macht sie".

 

Mehr über den Norddeutschen Zytostatika-Workshop: 

Krebspatienten brauchen pharmazeutische Betreuung
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