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Apotheken sollen Schlüsselrolle übernehmen

29.12.2003
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Pille danach

Apotheken sollen Schlüsselrolle übernehmen

von Patrick Hollstein, Berlin

Nachdem sich das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) für eine Entlassung der „Pille danach“ aus der Verschreibungspflicht ausgesprochen hat, könnte bald eine entsprechende Verordnung auf den Weg gebracht werden. Die Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, Magdalene Linz, forderte die deutschen Apotheker auf, sich ebenfalls zur geplanten Freigabe zu bekennen.

Auf einer Veranstaltung zur rezeptfreien Vergabe der „Pille danach“ forderte Linz die Bundesapothekerkammer (BAK) dazu auf, die Entlassung rein gestagenhaltiger Notfallkontrazeptiva aus der Verschreibungspflicht offiziell zu befürworten und voranzutreiben. Die BAK habe gegenüber der Bundesregierung bereits erklärt, die Apotheken würden im Falle der Freigabe die neuen Aufgaben übernehmen. Einen offiziellen Beschluss habe es aber nicht gegeben, kritisierte Linz. Sie bedauerte den mangelnden Einsatz der BAK, machte aber auch gegenüber dem Publikum deutlich, dass sie sich als Kammerpräsidentin in der nächsten Zeit verstärkt für ein entsprechendes befürwortendes Urteil einsetzen will.

Im Juli hatte der Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht beim BfArM sein Votum für die rezeptfreie Abgabe von Notfallkontrazeptiva, die auf dem Wirkstoff Levonorgestrel (LNG) basieren, abgegeben. Die kontrazeptive Wirksamkeit sei unbestritten, ein Abhängigkeitspotenzial oder schwer wiegende unerwünschte oder toxikologische Arzneimittelwirkungen nicht nachzuweisen, erklärte Dr. Ulrich Hagemann, stellvertretender Abteilungsleiter für Pharmakovigilanz beim BfArM. Auch die Notwendigkeit einer ärztlichen Diagnose sei nicht gegeben, Informationsmaterialen wie die Packungsbeilage sowie die Beratung durch den Apotheker gewährleisteten eine sichere Anwendung durch die Verbraucherinnen. Hagemann verdeutlichte, dass erstmals auch Aspekte, die über rein medizinisch-wissenschaftliche Kriterien hinausgehen, bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt wurden. Als Beispiele nannte er die Gleichstellung von Mann und Frau oder die Reduktion von Risiken im Zusammenhang mit ungewollten Schwangerschaften.

Sollte das BMGS dem Vorschlag des Instituts folgen, könnte bereits im ersten Halbjahr des nächsten Jahres eine entsprechende Verordnung auf ihren Weg durch die parlamentarischen Gremien gebracht werden. In mehr als 28 Ländern sind LNG-haltige Notfallkontrazeptiva mittlerweile aus der Verschreibungspflicht entlassen worden. Auf Grund ihres günstigen Wirkprofils ist die Substanz vielfach bereits Standard der hormonellen Nachverhütung.

Schwellenangst abbauen

Obwohl in Ländern wie Frankreich oder Schweden die Abgabe der „Pille danach“ auch durch Dritte, zum Beispiel durch Schulkrankenschwestern oder durch Hebammen, erlaubt ist, findet die Belieferung nach wie vor zum größten Teil in der Apotheke statt. Etwa 85.000 Packungen werden in Frankreich pro Monat verkauft. Die Abgabe erfolge trotz der Möglichkeit der anteiligen Erstattung in 98 Prozent der Fälle in der Selbstmedikation, berichtete Dr. Elisabeth Aubény, Gynäkologin und Vorsitzende der Französischen Vereinigung für Kontrazeption. Dabei sei kein Rückgang der regulären Verhütungsmethoden zu verzeichnen – der Verkauf empfängnisverhütender Pillen steige weiter an. Hinsichtlich der Abbruchzahlen sei ein leichter Rückgang zu beobachten; für eine Auswertung sei es jedoch noch zu früh, so Aubény.

Ein Gesetz vom Dezember 2000 erlaubt in Frankreich sogar die kostenfreie Abgabe an Minderjährige – ohne Zugangshürden wie Identitäts- oder Altersnachweis. Ziel derartig freizügiger Regelungen sei vor allem die Absenkung der Schwellenangst beim Zugang zu weitgehend unproblematischen Nachverhütungsmethoden, sagte Aubény. Vor dem Hintergrund dramatisch steigender Abbruchzahlen für Teenager gelte es, insbesondere für Jugendliche einfache Wege zur Inanspruchnahme entsprechender medizinischer Angebote zu schaffen. Die Notwendigkeit der ärztlichen Verordnung verzögere die rechtzeitige Anwendung der Präparate und stelle – insbesondere für junge Frauen – eine entscheidende zusätzliche Hemmschwelle dar.

Neue Verantwortung für Apotheken

Hohe fachliche und kommunikative Anforderungen stellt die Freigabe an das pharmazeutische Personal in den Apotheken. Sigrid Weiser vom Pro-familia-Bundesverband verwies auf die neue, verantwortungsvolle Rolle der Apotheker. Neben spezifischem pharmazeutischen und medizinischen Fachwissen forderte sie von den Pharmazeuten Einfühlungsvermögen und einen vertraulichen Beratungsstil. Das Aufklärungsgespräch dürfe nicht moralisierend geführt werden. Eine nicht wertende und unvoreingenommene Einstellung der abgebenden Person sei ebenso wichtig wie die Fähigkeit, weiteren Beratungsbedarf zu erkennen, und die Bereitschaft zur Weitervermittlung an entsprechende Beratungsstellen. Auch geeignete räumliche Bedingungen oder ein entsprechender Vorrat der Präparate in der Apotheke müssten erfüllt sein, sagte Weiser. Gemeinsam mit den Apotheken will pro familia neue Kooperationsnetze aufbauen, um fachliche Standards für die Beratung zu sichern. Darüber hinaus soll ein Curriculum für die Fortbildung des pharmazeutischen Personals entwickelt werden.

Auch Hagemann machte sich für eine zentrale Rolle der Apotheken bei der Nachverhütungsberatung stark. Nach Meinung des Experten vom BfArM seien schon Arzneimittel mit weitaus höheren Risiken aus der Verschreibungspflicht entlassen worden. Durch ihre Ausbildung zum Arzneimittelfachmann und ihre Erfahrung als Berater verfügten die Apotheker über eine Kompetenz, die eine sichere Anwendung der Notfallkontrazeptiva gewährleiste. Als entscheidende Vorteile fügte Linz die flächendeckende Versorgungsstruktur sowie die niedrige Zugangsschwelle der Apotheken hinzu. Sie machte aber auch deutlich, dass die Apotheker keine Konkurrenzsituation mit den Ärzten anstrebten. Top

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