Pharmazeutische Zeitung online

Es wird tumb gehandelt

18.12.2000
Datenschutz bei der PZ

INTERVIEW

Es wird tumb gehandelt

von Thomas Bellartz, Daniel Rücker, Bonn

ABDA-Präsident Hans-Günter Friese äußerte sich in einem Interview am Rande des E-Commerce-Workshops gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung, wie die deutschen Apothekerinnen und Apotheker in Fragen des Internet Position beziehen.

PZ: Andrea Fischer lehnt den E-Commerce mit Arzneimitteln nicht mehr rundweg ab. Das muss die Apotheker beunruhigen.

Friese: Die Ministerin hat erkennbar einen Trendwechsel vollzogen. Aber sie ist bislang nicht darauf eingegangen, wie sich das System nach ihrer Meinung verändern soll. Vor allem ist bislang völlig unklar, wie wir Apotheker nach einem Systembruch, der naturgemäß auch massive Ertragseinbußen nach sich ziehen wird, unseren Verpflichtungen und Aufgaben – hier nenne ich stellvertretend nur die flächendeckende Arzneimittelversorgung rund um die Uhr - weiterhin nachkommen sollen.

PZ: Den Apothekern wird zurzeit von einigen Beteiligten vorgeworfen, den Wunsch der Menschen zu blockieren, Arzneimitteln über das Internet zu bestellen.

Friese: Das ist völlig falsch. Wir begrüßen das Internet und seine Möglichkeiten zur Information und auch zur Vorbestellung von Arzneimitteln. Was wir ablehnen ist jede Form von Versandhandel. Denn der birgt eine Vielzahl von Gefahren für die Arzneimittelsicherheit und den Verbraucherschutz. Wir wollen unsererseits dieses Medium auf eine seiner modernsten Arten nutzen. Konkret bedeutet das: Vorbestellung im Internet und Abholung in einer lokalen Apotheke vor Ort. Internetstrategen verkaufen das sogenannte "Pick-up-System" als Lösung für die Probleme des Versandes, der bei Arzneimitteln zudem großes und völlig überflüssiges Gefahrenpotenzial birgt. Mit 21 500 Apotheken haben wir wohnortnah solche "Pick-up-Stellen" in der ganzen Republik. Elektronisch läuft die Bestellung, die Abgabe in der Apotheke - mit der Möglichkeit der direkten Beratung - sichert Qualität, Zuverlässigkeit und Sicherheit. Das ist gelebter Verbraucherschutz.

PZ: Wie wollen Sie dabei die Öffentlichkeit für Ihre Position gewinnen?

Friese: Indem wir weiterhin – wenn es sein muss gebetsmühlenartig – auf die Arzneimittelsicherheit und den Verbraucherschutz verweisen. Ich denke, dass die Sensibilität hierfür gerade in BSE-Zeiten, in denen ein unklarer Vertriebsweg große Probleme bereitet, gestiegen ist. Versandhandelsbefürworter bringen übrigens nur ein Argument: das der Kosten. Und das haben wir auf dem Symposium erneut eindrucksvoll widerlegen können.

PZ: Ist eine solche Veranstaltung sinnvoll?

Friese: Es ist ein Schritt zur Versachlichung. Das Symposium hat uns Gelegenheit gegeben, unsere Argumente vorzustellen. Ich denke, es ist uns gelungen, auch Befürworter zu sensibilisieren. Vor allem aber war es ein Schritt in Richtung Wahrhaftigkeit. Die, die sich heute so vehement für die scheinbaren Wünsche der Internet-User nach mehr Freiheit einsetzen, wollen nichts anderes als den Systembruch. Sie wollen, wie schon seit Jahren, das Arzneimittel von der öffentlichen Apotheke wegziehen, um den Versandhandel zu fördern. Jetzt meinen sie mit dem Internet endlich einen brauchbaren Hebel gefunden zu haben.

PZ: Die Krankenkassen wünschen sich einen freien Wettbewerb zwischen Offizin- und Internetapothekern. Kann dieser überhaupt "fair" stattfinden?

Friese: Nein, in keinem Fall. Klar ist: Bei zwei parallelen Vertriebswegen spielen wir am Ende nur noch die Rolle des Liberos. Versandhandel ist immer Rosinenpickerei. Das sagte ja auch Dr. Reinhard Büscher von der Europäischen Kommission. Internet-Apotheken wollen nur teure Arzneimittel versenden und schnelles Geld machen.

Die weniger profitablen Aufgaben, wie Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung inklusive Nacht- und Notdienst blieben dann für die öffentlichen Apotheken. Das ergibt keinen Sinn, weder für die Apotheken in Deutschland noch für die Patienten. Dagegen werden wir uns wehren.

PZ: Den Krankenkassen scheint dies doch relativ egal zu sein, obwohl gerade sie an einer qualitativ hochwertigen Versorgung aller Versicherten interessiert sein müssten.

Friese: Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Kassen nur noch darüber nachdenken, wie man den Systembruch hinbekommt, ohne an die Folgen zu denken. Wie sonst ist es zu erklären, dass ein intelligenter Kollege bei den Kassen keineswegs über die Unmöglichkeit nachdenkt, Vollsortimenter, wie es die öffentlichen Apotheken nun einmal sind und sein müssen, in einen Wettbewerb gegen Teilsortimenter – und nichts anderes sind Internet-Apotheken – zu schicken. Hier wird tumb nach dem Prinzip "Wir wollen sparen – koste es was es wolle" gehandelt.

PZ: Wenn das Gesundheitsministerium tatsächlich dem E-Commerce den Weg ebnen wollte, müsste die Regierung zuerst die rechtlichen Rahmenbedingungen verändern. Schließlich ist der Versandhandel mit Arzneimitteln verboten und auch die Arzneimittelpreisverordnung wäre hinderlich. Glauben Sie, dass der Elan der Ministerin so weit geht, derartig weitreichende Gesetzesänderungen in naher Zukunft anzugehen?

Friese: Ich bin mir sicher, dass das in dieser Legislaturperiode nicht geschehen wird. Bevor die Frage nach dem "ob" des Versandhandels mit Arzneimitteln beantwortet werden kann, müssen sehr, sehr viele Fragen zum "wie" geklärt sein. Diese Umkehrung der Fragestellung haben wir mit dem Workshop erreicht. Und bei den vielen Nachforschungen "wie" denn überhaupt Versandhandel mit Arzneimitteln sinnvoll und möglich ist, wird sich herausstellen - davon bin ich überzeugt - dass der bisherige Vertriebsweg über die Apotheke doch der sicherste, schnellste und kostengünstigste ist! Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa