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Verordnung über Arzneimittel für seltene Krankheiten in Sicht

13.12.1999  00:00 Uhr

-PolitikGovi-Verlag

Verordnung über Arzneimittel für seltene Krankheiten in Sicht

von Dagmar Walluf-Blume, Frankfurt am Main

Die Verordnung über Arzneimittel für seltene Krankheiten (Orphan Medicinal Products) steht kurz vor der Zweiten Lesung im Europäischen Parlament und somit vor ihrer Verabschiedung. Ziel der Verordnung ist es, Anreize für Unternehmen zu schaffen, damit diese in die Erforschung, Entwicklung und das Inverkehrbringen dieser Medikamente investieren. Für Arzneimittel zur Behandlung von seltenen Krankheiten hat sich seit Anfang der 80-er Jahre der Begriff "Orphan Drug", auf deutsch Waisenkind-Arzneimittel, eingebürgert.

Die moderne Medizin kennt heute etwa 30 000 Krankheiten. Davon treten etwa 5000 extrem selten auf wie zum Beispiel bestimmte Formen von Krebs, einige Infektionskrankheiten sowie einige neurologische Erkrankungen. Die meisten, nämlich 80 Prozent, sind genetischen Ursprungs. Für die größte Zahl dieser zwar seltenen, aber zumeist schwer verlaufenden Krankheiten gibt es bis heute keine hinreichende medikamentöse Therapie.

In Europa rechnet man mit einem solchen, bisher meist unheilbaren Krankheitsfall auf 5000 bis 1 Million Geburten. Weltweit sind aber sehr viele Menschen von seltenen Krankheiten betroffen: Allein in Europa leben zwischen 25 und 30 Millionen, in den USA rund 20 Millionen dieser Patienten.

Ethische Verpflichtung

Aus der Sicht der Betroffenen besteht ein berechtigtes Interesse an der Erforschung therapeutischer Möglichkeiten zur Behandlung ihrer Leiden. Es ist aber auch eine ethische Herausforderung der Gesellschaft, für ausreichende therapeutische Möglichkeiten zu sorgen. Obwohl eine medikamentöse Intervention - wenn sie überhaupt möglich ist - meist nur ein Bestandteil eines Therapiekonzeptes ist, bringen geeignete Medikamente oft die erhoffte Hilfe und verbessern die Lebensqualität erheblich.

Die Ausbeute an Arzneimitteln zur Behandlung seltener Krankheiten in der Europäischen Union (EU) ist vergleichsweise gering. Faktoren, die eine intensive industrielle Pharmaforschung hemmen, sind unter anderem die kleine Patientenzielgruppe, die hohen Entwicklungskosten, das häufige Fehlen eines patentrechtlichen Schutzes und fehlende Forschungsanreize.

Die Erforschung und Entwicklung eines innovativen Arzneimittels bis zur Zulassung und Markteinführung erstreckt sich über einen Zeitraum von zehn bis 12 Jahre und kostet Schätzungen zufolge etwa 450 Millionen US-Dollar. Orphan Drugs müssen denselben Ansprüchen an Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit genügen wie andere zugelassene Arzneimittel. Diese Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen können am Markt nur dann erwirtschaftet werden, wenn die Arzneimittel für eine große Zahl von Patienten bestimmt sind, wie dies zum Beispiel bei Volkskrankheiten gegeben ist. Die kleine Patientengruppe, die auf die Orphan Drugs wartet, wird die hohen Entwicklungskosten jedoch kaum wieder einspielen können. Für pharmazeutische Unternehmen ist die Entwicklung von Orphan Drugs daher unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten häufig nicht interessant oder sogar nicht vertretbar.

Die USA haben bereits 1983 auf diese Situation reagiert und den Orphan Drug-Act verabschiedet. Japan ist dem amerikanischen Vorbild gefolgt und hat 1993 ein Orphan Drug-System eingeführt. Seit 1998 verfügt auch Australien über ein analoges Verfahren. Mit diesen Gesetzen werden pharmazeutische Unternehmen gefördert, die sich mit dem Nischenmarkt der medikamentösen Therapie von seltenen Krankheiten beschäftigen.

Im Gegensatz zu den USA und Japan gibt es in Europa bei der Entwicklung von Orphan Drugs noch keine länderübergreifenden gesetzlichen Hilfen für pharmazeutische Unternehmen. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hat seit Jahren gefordert, diesen Standortnachteil in Europa zu beseitigen.

Während in den USA Krankheiten als selten gelten, die bei weniger als 200.000 Amerikanern auftreten, ist der Maßstab in der europäischen Verordnung enger gesetzt. Ein Arzneimittel kann als Orphan Drug ausgewiesen werden, wenn es zur Diagnose, Vorbeugung oder Behandlung einer Krankheit bestimmt ist, von der in der Europäischen Gemeinschaft weniger als fünf von 10.000 Personen betroffen sind.

Außerdem soll die Entwicklung von Arzneimitteln auch dann gefördert werden, wenn sie für Erkrankungen bestimmt sind, die im Prinzip nicht unter die Kategorie seltene Krankheiten fallen, bisher aber noch nicht vom Fortschritt der Medizin profitiert haben. Dazu gehören lebensbedrohende oder zu Invalidität führende Krankheiten sowie einige chronische Erkrankungen. Der Antragsteller muß jedoch der Zulassungsbehörde nachweisen können, dass diese Arzneimittel ohne Anreiz nicht entwickelt würden, da sie am Markt nicht rentabel sind.

Orphan Drug-Verordnung der EU

Die europäische Orphan-Drug-Verordnung sieht, ähnlich dem amerikanischen Vorbild, Anreize zur Forschungsförderung vor. Beispielsweise wird dem pharmazeutischen Unternehmer für sein als Orphan Drug ausgewiesenes Arzneimittel entweder ein partieller Nachlass oder eine vollständige Befreiung der Zulassungsgebühren gewährt. Diese sind in der EU sehr hoch und betragen im zentralisierten Verfahren 200.000 ECU.

Einen wesentlichen Anreiz stellt das Alleinvertriebsrecht dar, das in Europa auf zehn Jahre festgelegt wird. Allerdings kann die Marktexklusivität unter bestimmten Bedingungen auf sechs Jahre verkürzt werden. Dies geschieht auf Antrag eines Mitgliedstaates, sofern dieser nachweisen kann, dass die Kriterien für die Ausweisung als Orphan Drug nicht mehr zutreffen.

USA reizt zur Forschung

Der amerikanische Orphan-Drug-Act hält weitere wirkungsvolle Vergünstigungen für die pharmazeutischen Unternehmer bereit, die in der europäischen Verordnung nicht vorgesehen sind. Ein entscheidender Vorteil ist, dass über die reguläre Steuerabschreibung hinaus eine Steuergutschrift in Höhe von 50 Prozent der Kosten für die klinische Forschung gewährt wird. Die klinische Forschung ist der teuerste Teil der gesamten Arzneimittelentwicklung.

Die insgesamt günstigen Bedingungen haben tatsächlich die erwarteten Forschungsaktivitäten ausgelöst. Bis Mitte 1999 hat die Food and Drug Administration (FDA) etwa 720 Forschungsprojekte mit dem Orphan-Drug-Status versehen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits über 180 Arzneimittel als Orphan Drugs zugelassen. Mehr als acht Millionen US-Amerikaner bekamen somit die Möglichkeit einer medikamentösen Therapie. In Japan wurden von Anfang 1993 bis Ende 1996 insgesamt 106 Orphan Drugs designiert und 30 zugelassen.

Weltweit haben sich kleine und mittelständische Unternehmen an der Orphan-Drug-Entwicklung beteiligt. Dies betrifft insbesondere biotechnologisch hergestellte Arzneimittel. Kleine und mittelständische Unternehmen wie auch junge Biotechnologieunternehmen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie sich mit Nischenmärkten befassen. Darin liegt deren Stärke. Die Entwicklung von Orphan Drugs ist in diesem Sinne auch als Chance zu bewerten und kann zur Zukunftssicherung dieser Betriebe beitragen.

Forschen im Verbund

Jungen Biotechnologieunternehmen fehlt nicht selten das Know-how, ein Forschungsprojekt zu einem zulassungsfähigen Arzneimittel zu entwickeln. Häufig wird daher eine Kooperation mit einem erfahrenen pharmazeutischen Unternehmen gesucht, um die Arzneimittelentwicklung voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund hat der BPI ein Partnerschaftsforum eingerichtet. Dessen Ziel ist es, pharmazeutische Unternehmen mit Start up-Unternehmen zum gegenseitigen Nutzen zusammenzubringen. In einer Partnerschaft unterstützt das BPI-Mitgliedsunternehmen ein junges Unternehmen mit Informations- und Know-how-Transfer, der alle Phasen der Forschung und Entwicklung sowie die Bereiche Zulassung, Logistik, Marktforschung, Lizenzwesen, betriebswirtschaftliche Führung eines Unternehmens umfassen kann.

Obwohl die Orphan-Drug Verordnung in der EU erst in Kraft kommt, wurden seit Bestehen des zentralisierten Zulassungsverfahrens einige Arzneimittel mit Orphan Drug-Status zugelassen (siehe Kasten). Als Vergünstigung wurde lediglich ein Nachlass oder ein vollständiger Verzicht der Zulassungsgebühren gewährt.

Die Orphan-Drug-Verordnung wird in der EU nicht für sich alleine stehen. Weitere Maßnahmen wurden und werden zur Förderung dieses Forschungsbereichs ergriffen. Beispielsweise hat die Europäische Kommission ein Aktionsprogramm für die Erforschung seltener Krankheiten im Sinne der Orphan-Drug-Förderung vorgesehen. Dazu gehört unter anderem die Einrichtung einer europäischen Datenbank für seltene Krankheiten, die nicht zuletzt die Voraussetzung dafür ist, dass Forschungsaktivitäten gebündelt werden können. Außerdem sollen Patientenorganisationen unterstützt werden. Die EU-Kommission hat für das gesamte Programm 6,5 Millionen Euro bewilligt.

Die "Verordnung über Arzneimittel für seltene Krankheiten" ist für die europäische pharmazeutische Industrie ein Schritt in die richtige Richtung. Zweifelsohne wird die Entwicklung von Orphan Drugs angeregt. Da Steuernachlässe, wie sie in den USA praktiziert werden, auf EU-Ebene nicht möglich sind, fällt den Mitgliedstaaten die Aufgabe zu, diese in geeigneter Form zu gewähren.

Die pharmazeutische Industrie ist an einer unbürokratischen und raschen Umsetzung der Orphan-Drug-Verordnung interessiert und wird mit der europäischen Zulassungsbehörde konstruktiv zusammenarbeiten. Der BPI ist zuversichtlich, dass die Patienten bald von dieser zukunftsweisenden Entwicklung in der Europäischen Union profitieren können.

Seltene Krankheiten (eine Auswahl)

Krankheit

Arzneistoff AIDS-assoziierte Pneumocystis Carinii Pneumonie Atovaquon Amyotrophe Lateralsklerose Riluzol Chorea Huntington, Cytomegalievirus-Retinitis Ganciclovir Essentielle Thrombocytämie Anagrelid Bösartige Gliome Polifeprosan 20, Carmustin Haarzell-Leukämie Cladribin Lepromatöse Lepra Clofazimin Morbus Gaucher Alglucerase Nephropathische Cystinose Cysteaminbitartrat Non-Hodgkin B-Zell Lymphom Rituximab Sucrase-Isomaltase Defizit Sacrosidase Wilson-Krankheit Zinkacetat

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Dagmar Walluf-Blume
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