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Budget oder Qualität

27.11.2000  00:00 Uhr

GESUNDHEITSPOLITISCHES FORUM

Budget oder Qualität

von Daniel Rücker, Düsseldorf

Versorgung nach Bedarf oder nach Budget? Krankenkassenfunktionäre sind davon überzeugt, dass das eine das andere nicht ausschließt. Auf dem von PZ und Deutschem Ärzteblatt im Rahmen der Medica veranstalteten Gesundheitspolitischen Forum konnten Ärzte und Apotheker dieser Einschätzung nicht folgen. Sie sehen bereits deutliche Anzeichen für Leistungsausgrenzungen.

Für Dr. Michael Späth, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), ist es unmöglich, unter Budgetdruck medizinische Innovationen allen Patienten zugute kommen zu lassen. "Der Bedarf und die Möglichkeiten richten sich nicht nach dem Budget." Die großen Fortschritte in der Arzneitherapie könnten nur genutzt werden, wenn sich das System am medizinisch Notwendigen orientiere.

Als drastisches Beispiel für Rationierung bezeichnete Späth die Versorgung von Hepatitis-C-Patienten. Von den rund 800 000 Erkrankten in Deutschland erhielten nur 10 Prozent die indizierte medikamentöse Therapie. Da diese rund 40 000 DM pro Person und Jahr kostet, würde die Versorgung aller Patienten 32 Milliarden DM verschlingen und damit die GKV-Arzneimittelausgaben annähernd verdoppeln.

Unter dem Budgetdruck halten sich Ärzte seit einigen Jahren allgemein bei ihren Verordnungen zurück. So hat Heinz-Günter Wolf, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes (LAV) Niedersachsen, festgestellt, dass es bei vielen Ärzten "die Diagnose Migräne nicht mehr gibt". Statt der teuren Migränepräparate würden sie budgetfreundlicheres Paracetamol verordnen.

Dabei hält der LAV-Chef Budgets nicht zwingend für ein Teufelswerk. "Ein Budget als Summe der Kosten aller notwendigen Leistungen wäre akzeptabel." Dabei müssten Demographische Entwicklung und medizinischer Fortschritt ausreichend berücksichtigt werden.

So wie das Budget heute eingesetzt werde, sei eine medizinische Versorgung auf der Basis von Evidence Based Medicine nicht möglich, sagte Wolf weiter. Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich nicht rationieren.

Die Sorgen kann der Vorstandsvorsitzende des Verbands der Angestellten-Krankenkassen (VdAK), Herbert Rebscher, nicht nachvollziehen. "Die Deutschen stecken das meiste Geld in das Gesundheitswesen. Wir haben in allen Bereichen die größten Kapazitäten. Wenn dies bereits Rationierung ist, dann ist der Rest von Europa hoffnungslos unterversorgt." Rebscher sieht das Problem bei den Leistungsanbietern. Wenn die Zahl der niedergelassenen Ärzte und die Zahl der Krankenhausbetten steige, erhöhten sich auch die Kosten der von ihnen veranlassten Leistungen. Budgets seien die einzige Möglichkeit, die angebotsorientierte Nachfrage zu steuern.

Rebscher forderte eine Abkehr von der bisherigen Organisationsstruktur im Gesundheitswesen. Viele kleine Einzelpraxen seien in jedem Fall weniger ökonomisch als Zusammenschlüsse mehrerer Ärzte. Unzufrieden ist Rebscher auch mit der Trennung zwischen Krankenhäusern und ambulantem Bereich. Dabei will der Kassenfunktionär nicht dirigistisch vorgehen, sondern lediglich "Strukturen schaffen, in denen sich über Wettbewerb die besten Versorgungsformen durchsetzen".

Niedergelassene Ärzte und Apotheker würden eine Verlagerung bislang stationär erbrachter Leistungen in die Ambulanz begrüßen. Allerdings, so schränkt Wolf ein, müsse sich eine Ausweitung der ambulanten Leistungen auch in den zur Verfügung gestellten Mitteln niederschlagen.

Susanne Renzewitz von der Deutschen Krankenhausgesellschaft sieht erwartungsgemäß keinen Spielraum für weitere Kürzungen bei den Krankenhäusern. Diese hätten in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Betten und auch Personal abgebaut. Die Verweildauer im Krankenhaus sei rückläufig. Einzelne Leistungen könnten jetzt zwar noch aus der Klinik herausgenommen werden, doch entstünden parallel erheblich höhere Kosten durch innovative Therapien.

Rebscher zeigte wenig Bereitschaft, dem ambulanten Bereich mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Stattdessen möchte er lieber Patienten nach ihrer Entlassung aus der Klinik von Krankenhausapotheken versorgen lassen. "Wenn die Patienten immer früher aus der Klinik entlassen werden, verlängert sich der Zeitraum, in dem sie durch teurere öffentliche Apotheken versorgt werden. Über dieses Problem muss nachgedacht werden."

Mehr Zustimmung erntete der Kassenchef für seine Aufforderung, gemeinsam gegen weitere politisch motivierte Belastungen der GKV vorzugehen. Statt die Beiträge für Renten-, Pflege- oder Arbeitslosenversicherung zu erhöhen, würden Politiker lieber die Mehrkosten in die Krankenversicherung verschieben. So lasse sich der eigentliche Urheber der Erhöhung besser verschleiern. Der Beitragssatz der Krankenkassen steige zumeist erst einige Monate nach der Umverteilung, dann haben die meisten Versicherten den Zusammenhang bereits vergessen.

Rebscher befürchtet konkret, dass in den nächsten Jahren Ausgaben der Pflegeversicherung in die gesetzliche Krankenversicherung transferiert werden sollen. Für die Krankenkassen hätte dies fatale Folgen. Deshalb forderte er: "Wir müssen dagegen ein gemeinsames Bollwerk bilden." Top

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