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Den letzten Meter wirtschaftlich gestalten

15.11.2004  00:00 Uhr
Management-Kongress

Den letzten Meter wirtschaftlich gestalten

von Daniel Rücker, Playa de las Americas

Die Bundesregierung will eine engere Zusammenarbeit der Leistungserbringer. Das GKV-Modernisierungsgesetz hat deshalb finanzielle Anreize für die integrierte Versorgung geschaffen. Welche Rolle die Apotheker dabei spielen, ist noch umstritten.

Ein Prozent des GKV-Etats soll ab diesem Jahr als Anreiz für die integrierte Versorgung aufgewendet werden. Der große Boom ist dennoch bislang ausgeblieben. Zur Überraschung vieler Experten ist bei einem der ersten bundesweiten Verträge eine Gruppe mit im Boot, die kaum jemand auf der Rechnung hatte: Die Apotheker. Anfang des nächsten Jahres starten Hausärzte, Deutscher Apothekerverband und Barmer Ersatzkasse die hausarzt- und hausapothekerzentrierte Versorgung. Andere Krankenkassen schauen verwundert zu

Während die Barmer keine Berührungsängste gegenüber Apothekern hat, sind andere Krankenkassen zurückhaltender. Auch Gesundheitsökonom Professor Dr. Günter Neubauer ist sich nicht sicher, ob die Pharmazeuten einen festen Platz in der Integrierten Versorgung finden werden. Die unterschiedliche Bewertung hat einen schlichten Grund: Während die Barmer auf Qualität und Effizienz setzt, geht es anderen Kassen nur ums Geld.

Auch der Vorsitzende des schleswig-holsteinischen Apothekerverbandes, Dr. Peter Froese, ist davon überzeugt, dass sich die Apotheker noch stärker mit den Kosten einer Therapie beschäftigen müssen. „In Zukunft wird es unsere Aufgabe sein, den letzten Meter in der Arzneimittelversorgung wirtschaftlich und medizinisch so effizient wie möglich zu gestalten“, sagte Froese während einer von PZ-Chefredakteur Professor Dr. Hartmut Morck moderierten Podiumsdiskussion auf dem Management-Kongress von Lauer Fischer und der Pharmazeutischen Zeitung in Teneriffa. Deshalb werden sich die Beziehungen zu den Krankenkassen verändern. Statt Arzneilieferverträge werden Apotheker und Kassen Versorgungsverträge abschließen.

Diese Verträge werden auch Vereinbarungen zur honorierten Wirtschaftlichkeit beinhalten. Apotheker werden in Zukunft auch dafür bezahlt werden, dass sie ein Arzneimittel nicht abgeben, etwa bei einer Doppelverordnung. Ebenso werden sie für ihre Beteiligung an den Einsparungen aus Rabattverträgen nach § 130a SGB V zwischen Industrie und Krankenkasse beteiligt werden.

In Zusammenarbeit mit den Ärzten werden die Apotheker mehr Verantwortung für die Arzneimitteltherapie ihrer Patienten übernehmen. Dies wird aber nicht nur für die Kosten, sondern auch für die Qualität gelten. Damit die Zusammenarbeit funktioniert, müssen die Kommunikation und der Datenaustausch zwischen Ärzten und Apothekern vertraglich geregelt werden.

Auch ABDA-Präsident Hans-Günter Friese zählt auf die Einbindung der Apotheker in die Integrierte Versorgung. Er teilt die Einschätzung, dass sie dabei vor allem ihren pharmakoökonomischen Sachverstand in die Arbeit einbringen müssen. Friese bezeichnete es als richtige Weichenstellung, die Pharmakoökonomie ins Studium zu integrieren.

Mittlerweile steigt auch bei den Ärzten die Bereitschaft, enger mit den Apothekern zusammenzuarbeiten. Der Vorsitzende des niedersächsischen Hartmannbundes, Dr. Kuno Winn, hält dies auch deshalb für notwendig „damit die Krankassen Ärzte und Apotheker nicht gegeneinander ausspielen“. Die Erfahrungen mit dem grünen Rezept hätten gezeigt, dass die Kooperation zwischen den Heilberuflern gut funktionieren könne.

Winn sieht in der Zusammenarbeit mit den Apothekern deutliche Vorteile für die Ärzte: „Der Apotheker kennt die vollständige Medikation des Patienten, diese Informationen sind für den Arzt wichtig.“ Natürlich gibt es auch bei Winn klare Regeln für die Partnerschaft: „Der Apotheker muss die therapeutischen Entscheidungen des Arztes akzeptieren.“ Auf dieser Basis sieht er keine Probleme für die intensive Kooperation zwischen Ärzten und Apothekern.

BKK-Chef zweifelt

Bei den Krankenkassen ist die Rolle der Apotheker in der integrierten Versorgung umstritten. Vorreiter ist die Barmer Ersatzkasse, die in Kürze einen trilateralen Vertrag mit Ärzten und Apothekern abschließen will. Dagegen hält der Vorsitzende des BKK-Bundesverbandes, Wolfgang Schmeinck, Verträge mit Apothekern – vor allem mit Apothekerverbänden – für wenig sinnvoll.

Auch Schmeinck sieht den Nutzen der Hausapotheke. Sie sei möglicherweise für einige Apotheker der Türöffner zur Integrationsversorgung. Der BKK-Chef kann sich jedoch bestenfalls selektive Verträge mit einzelnen Apothekern vorstellen: „Mit 5000 bundesweit könnte man vielleicht was anfangen.“ Mehr seien sicherlich nicht nötig.

Statt Hausapotheken kann sich Schmeinck allerdings auch eine intensivere Zusammenarbeit mit ausländischen Versendern vorstellen. Er versucht erst gar nicht, dies unter qualitativen Gesichtspunkten zu rechtfertigen: „Beim Massengeschäft kommt es nur auf den Preis an.“ Die Betriebskrankenkassen würden sicherlich nicht im großen Stil auf Apotheker zukommen.

Keine Alternative zum Kombimodell

Der Gesundheitsökonom Professor Dr. Günter Neubauer kann Schmeincks Argumentation nachvollziehen. Es sei durchaus sinnvoll, wenn die Krankenkassen versuchten, durch einen Wettbewerb unter den Leistungserbringern die Kosten zu senken. Deshalb sei die Skepsis gegenüber Kollektivverträgen nachvollziehbar.

Einig waren sich die Experten in der Bewertung der neuen Preisverordnung. Ohne das Kombimodell hätten die Apotheker überhaupt keine Chance zur Teilnahme an der integrierten Versorgung. Erst ihre weitgehende Unabhängigkeit vom Arzneimittelpreis erlaube es ihnen, objektiv zu beraten.

Neubauer wie Schmeinck sehen bei vielen Apothekern allerdings weiterhin eine zu große Nähe zur pharmazeutischen Industrie. Neubauer: „Ärzte und Apotheker streiten sich immer noch darum, wer auf dem Schoß der Pharmaindustrie sitzen darf. Das ist ein großer Fehler. Als Berater hat der Apotheker nur dann eine Chance, wenn er vollständig auf der Seite des Patienten steht.“ Zumindest mit dem letzten Satz liegt er dann wieder sehr nahe bei Friese und Froese.

Ohnehin sehen sowohl der ABDA-Präsident als auch der Verbandsvorsitzende gute Perspektiven für die Apotheker. In den vergangenen Jahren hätten die Apotheker immer wieder Reformfreude gezeigt und dokumentiert, dass sie sich an die neuen Rahmenbedingungen im Gesundheitsmarkt anpassen können. Top

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