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Der Vertrag ist ein wichtiges Signal

25.10.2004  00:00 Uhr
Integrierte Versorgung

Der Vertrag ist ein wichtiges Signal

von Hartmut Morck und Daniel Rücker, Hamburg

Zusammen mit dem Hausärzteverband und der Barmer Ersatzkasse steigt der Deutsche Apothekerverband in die hausarztbasierte Versorgung ein. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Hausapotheke. Im Interview erläutern Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Hausärzteverbandes, Barmer Vorstandsmitglied Klaus Richter und ABDA-Vizepräsident Heinz-Günter Wolf das Projekt.

PZ: Barmer, Hausärzteverband und Deutscher Apothekerverband wollen in den nächsten Wochen einen Vertrag zur hausärztlichen Versorgung abschließen. Was ist der Hintergrund dieser Zusammenarbeit?

Weigeldt: Der Hausärzteverband bemüht sich bereits seit Jahren eine freiwillige hausarztbasierte Versorgung zu etablieren. Andere Staaten haben damit bereits sehr gute Erfahrungen gemacht. Es geht darum, Qualität und Wirtschaftlichkeit zu optimieren.

Das GKV-Modernisierungsgesetz hat nun Möglichkeiten der Integrierten Versorgung deutlich verbessert. Das betrifft auch die Vergütung. Außerdem gibt es nun eine Anschubfinanzierung.

Wir haben dann mit allen Krankenkassen Verhandlungen aufgenommen und sind mit der Barmer sehr gut vorangekommen. Wir haben uns darauf geeinigt, bei der hausarztbasierten Versorgung nicht nur auf eine Indikation zu setzen, sondern den integrativen Aspekt in den Mittelpunkt zu stellen.

Hier finden wir eine Schwachstelle vor: Die Schnittstelle zwischen Ärzten und Apothekern ist nicht ordentlich definiert. Wir haben deshalb die Apotheker mit ins Boot genommen. Jetzt sind wir so weit, dass wir einen Vertrag unterzeichnen können. er wird zwischen Hausarztverband, DAV und Barmer abgeschlossen.

PZ: Welchen Inhalt hat der Vertrag?

Weigeldt: Ziel der Vereinbarung ist es, die Qualität der Versorgung zu verbessern und Wirtschaftlichkeitsreserven zu erschließen. Grundlage ist die hausarztbasierte Versorgung. Die Versicherten der Barmer können sich beim Hausarzt und bei dem Apotheker ihrer Wahl in dieses Programm einschreiben. Der Vertrag ist ein Angebot an Hausärzte und Apotheker. Sie können frei entscheiden, ob sie bei der Integrierten Versorgung mitmachen. Im Prinzip sind dies Einzelverträge, die aber nicht die üblichen Nachteile haben. Rahmenbedingungen und Vergütung sind bereits im Vertrag zwischen den Verbänden geregelt.

Ein guter Indikator dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind, ist der enorme Gegenwind, den wir haben. Zum einen aus dem Lager der Krankenkassen und zum anderen aus dem Lager der Ärzteschaft. Unsere Körperschaften öffentlichen Rechts waren nicht begeistert, dass wir als Hausärzteverband den Vertrag geschlossen haben.

PZ: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ist nicht begeistert?

Weigeldt: Das müssen sie schon die KBV fragen.

PZ: Wir nehmen an, dass Ihnen die KBV ihre Meinung auch ungefragt gesagt hat.

Weigeldt: Ich bin als Vorsitzender des beratenden Ausschusses für die hausärztliche Versorgung ja auch KBV. Ich habe mir gesagt, die Sache ist in Ordnung. Ein offizielles Statement gibt es nicht. Mein Wunsch an die KVen ist: Lasst es doch einfach mal laufen. Ihr könnt es ohnehin nicht verhindern.

PZ: Was verspricht sich die Barmer von der hausarztbasierten Versorgung?

Richter: Das GMG hat uns die Möglichkeit gegeben, in flexibleren Verträgen die Versorgung zu verbessern. Wir haben vor allem in der hausarztbasierten Versorgung einen Bedarf gesehen. Unsere Versicherten erkundigen sich immer wieder nach Hausarztmodellen.

Gleichzeitig wollten wir auch die Sektorgrenzen im Gesundheitswesen überwinden. Da bietet es sich an, die Zusammenarbeit zwischen den beiden akademischen Heilberufen aufs Korn zu nehmen. Für unsere Versicherten ist es ein großer Vorteil, wenn Ärzte und Apotheker enger zusammenarbeiten.

Wichtig ist die Freiwilligkeit. Der Patienten entscheidet selbst, ob er sich bei Arzt und Apotheker einschreibt. Genauso entscheiden auch Ärzte und Apotheker allein, ob sie bei der hausarztbasierten Versorgung mitmachen. Es sollen nur diejenigen mitmachen, die von dem Projekt überzeugt sind.

Wir sind uns sicher, dass wir mit dem Vertrag die Probleme lösen können, die durch häufigem Arzt- oder Apothekenwechsel entstehen. Die Arzneimittelsicherheit wird verbessert; negative Interaktionen werden seltener. Außerdem kümmern wir uns um die Wirtschaftlichkeit. Aus diesen Gründen war es zwingend notwendig, die Apotheker mit ins Boot zu holen.

PZ: Welchen Vorteil haben die Apotheker von der Zusammenarbeit?

Wolf: Aus unserer Sicht ist der neue Vertrag die logische Weiterentwicklung des Hausapothekenmodells. Unsere Zusammenarbeit mit der Barmer hatte immer den Nachteil einer nicht definierten Schnittstelle zu den Hausärzten. Was nützen dem Apotheker seine Informationen über die Gesamtmedikation des Patienten, wenn er keinen ärztlichen Ansprechpartner hat. Wir institutionalisieren jetzt das, was zwischen Arzt und Apotheker eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber noch zu häufig an persönlichen Ressentiments scheitert.

PZ: Haben sie dieselben Aufgaben wie als Barmer-Service-Apotheke?

Wolf: Im Grundsatz ja. Wir haben uns aber noch einiges zusätzlich vorgenommen. So soll es gemeinsame Fortbildungen mit den Hausärzten geben. Außerdem wollen wir die Zusammenarbeit zwischen den beiden Berufsgruppen weiter ausbauen.

Neu sind auch die Wirtschaftlichkeitselemente. Nach unserer Überzeugung sollen sich die Kassen Rabatte auch von den Pharmaherstellern direkt an der Quelle abholen. Das GMG bietet ja auch Möglichkeiten, dass Kassen und Hersteller direkte Vereinbarungen treffen. Diese Verträge bringen aber nur Erfolg, wenn Ärzte und Apotheker bei der Verordnung und Abgabe helfen.

In der Integrierten Versorgung lässt sich dies gut umsetzen, weil wir abweichende Aut-idem-Bestimmungen vereinbaren können.

PZ: Wie sieht das konkret aus?

Wolf: Ärzte, Apotheker und Barmer werden prüfen, ob die Erarbeitung und Verständigung auf eine Empfehlungsliste für Arzneimittel möglich ist. Anhand dieser Liste kann die Barmer mit Herstellern über Lieferkonditionen für die Präparate verhandeln. Hausärzte und Apotheker werden informiert.

Richter: Wichtig ist dabei, dass die Ärzte nicht gezwungen werden, sich an eine etwaige Empfehlungsliste zu halten. Es ist keine Positivliste.

Es ist mir auch ganz wichtig, dass die Empfehlungsliste von allen Beteiligten und gemeinsam mir Sachverständigen vor den Verhandlungen mit der Industrie aufgestellt wird, nicht nachher.

PZ: Gleichberechtigt?

Weigeldt: Ja. Wir wollen möglichst viel zusammen machen und mit möglichst geringem bürokratischen Aufwand. Der Vorteil ist, dass die Beteiligten alle aus der Praxis kommen und die Notwendigkeiten kennen. Ich gehe davon aus, dass wir uns ohne größere Konflikte auf gemeinsame Empfehlungen einigen werden.

PZ: Das Modell setzt doch zwingend den Daten- und Informationsaustausch zwischen Hausapotheker und Hausarzt voraus. Wie ist dies vertraglich geregelt?

Wolf: Vor allem bei der Behandlung multimorbider und chronisch kranker Versicherter ist die Kommunikation zwischen Arzt und Apotheker unbedingt notwendig. Im Vertrag wird festgelegt, wie der Datenaustausch zwischen Ärzten und Apothekern ablaufen soll. Der Arzt muss wissen, welcher Hausapotheker seinen Patienten betreut, der Apotheker muss den Hausarzt kennen. Wichtig ist, dass es für beide Berufsgruppen selbstverständlich sein muss, die benötigten Informationen per Fax, Telefon oder E-Mail zur Verfügung zu stellen.

PZ: Stichwort multimorbide Patienten. Im Hausapothekenvertrag ist die Hausbelieferung geregelt. Gilt dies auch für die hausarztzentrierte Versorgung?

Wolf: Unser Vertrag beinhaltet die bedarfsgerechte Betreuung der Patienten. Dazu gehört bei nicht mobilen Patienten auch der Homeservice. Das gilt für Arzt und Apotheker.

PZ: Herr Weigeldt, mussten Sie bei Ihren Kollegen viel Überzeugungsarbeit leisten, mit den Apothekern zusammenzuarbeiten? Gab es keine Widerstände?

Weigeldt: Wir haben den Vertrag noch nicht öffentlich gemacht. Natürlich gibt es immer Widerstand. Ich halte unseren Vorschlag aber für äußerst vernünftig und rechne mit einer großen Zustimmung.

Vielleicht bietet sich dadurch auch die Chance, dass die kleineren Streitigkeiten – und mehr ist es meiner Meinung nach nicht - zwischen Ärzten und Apothekern endlich aufhören. Der Vertrag klärt eindeutig wer für was zuständig ist. Die Reibungspunkte fallen dadurch weg. Die angeblichen Konflikte zwischen Ärzten und Apothekern werden überbewertet.

Beide Seiten werden erkennen, dass sie von dem Vertrag profitieren. Vieles wird sich unbürokratischer mit weniger Papier regeln lassen. Das kann uns doch nur recht sein.

Wolf: Der Vertrag basiert auf Freiwilligkeit. Wer nicht mitmachen will, der soll es lassen.

PZ: Wer darf denn mitmachen?

Weigeldt: Hausärzte müssen in jedem Fall eine funktionsfähige EDV-Anlage haben. Dies ist die Voraussetzung für eine vernünftige Kommunikation. Außerdem gibt es eine Pflicht zur regelmäßigen Fortbildung und zur Teilnahme an Qualitätszirkeln.

Richter: Im Vergleich zu anderen Hausarztverträgen und Entwürfen im Markt haben wir sehr anspruchsvolle Qualitätsanforderungen aufgestellt.

Wolf: Apotheker müssen dieselben Voraussetzungen erfüllen, wie bei der Barmer-Service-Apotheke. Ärzte und Apotheker laufen hier im Gleichschritt.

PZ: Was muss bis zur Vertragsunterzeichnung noch geregelt werden?

Wolf: Aus meiner Sicht muss nur noch das Kleingedruckte geklärt werden.

Richter: In den Kernpunkten ist der Vertrag ausgehandelt. Der technische Ablauf muss noch im Detail geregelt werden. Ich erwarte die Unterschrift im Dezember. Zum 1. Januar könnte er dann in Kraft treten.

PZ: Wird es einen bundesweiten Start geben?

Richter: Ich rechne damit. Wir haben auch diskutiert, zuerst nur in einigen Pilotregionen zu starten. Für eine bundesweit agierende Kasse wie die Barmer ist dies aber weniger sinnvoll. Ganz ausdiskutiert ist dies aber noch nicht.

PZ: Der Vertrag wurde nach unserer Wahrnehmung fast schon konspirativ ausgehandelt. Was ist der Grund dafür?

Wolf: Wir haben einfach sehr schnell gearbeitet. Da blieb nicht viel Zeit, die Öffentlichkeit zu informieren. Außerdem hat der DAV-Vorsitzende Hermann Keller bei der Expopharm-Eröffnung den Vertrag in seinen Grundzügen bereits vorgestellt. In der Klausurtagung am vergangenen Montag hat der DAV den Vertrag diskutiert.

Richter: Wir haben im Mai erstmals über das Thema geredet. Im August haben wir die Apotheker einbezogen. Seitdem sind gerade mal drei Monate vergangen. Das ist für einen so komplexen Vertrag wirklich eine sehr kurze Zeit.

PZ: Wollen Sie die Fachärzte und Krankenhäuser langfristig an den Vertrag anbinden?

Richter: Das ist gut möglich. Wir haben bewusst einige Schnittstellen in dem Vertrag eingerichtet, die eine Zusammenarbeit mit Fachärztegruppen ermöglicht.

Weigeldt: Wir reden bereits mit einigen Gruppen, zum Beispiel mit den Urologen. Auch in anderen Facharztgruppen ist die Erkenntnis gereift, dass man im Gesundheitswesen stärker zusammenarbeiten muss.

Wir werden auch wegen der Disease-Management-Programme intensiv mit den Fachärzten zusammenarbeiten müssen. Die gehören auch in die Integrierte Versorgung.

PZ: Hausarztmodell, Integrierte Versorgung, Einbindung von Disease-Management-Programmen: Ulla Schmidt muss sich über den Vertrag doch ein Loch in Bauch freuen. Hat Sie Ihnen schon ein Glückwunschtelegramm geschickt?

Richter: Meines Wissens nicht. Ich glaube aber, dass die Bundesgesundheitsministerin den Vertrag als vernünftige Umsetzung des GMG sieht.

Weigeldt: Dorther weht zumindest kein Gegenwind.

Wolf: Der Vertrag ist ein ganz wichtiges Signal. Er zeigt, dass die Selbstverwaltungen der Heilberufler funktionieren und Eingriffe des Staates nicht notwendig sind. Top

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