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Achillesferse im Gesundheitswesen

17.10.2005
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Arzneiverordnungsreport

Achillesferse im Gesundheitswesen

von Patrick Hollstein, Berlin

Im vergangenen Jahr haben die Krankenkassen laut Arzneiverordnungsreport bei den Medikamenten 2,5 Milliarden Euro eingespart. Angesichts der aktuellen Entwicklungen und Prognosen ist die Rekordmeldung für die Autoren kein Grund zur Freude. Ministerin Ulla Schmidt kündigte eine erneute Kostendämpfung an.

Auf 2,5 Milliarden Euro beziehungsweise 10,2 Prozent beziffern die Herausgeber des Arzneiverordnungsreports, Professor Dr. med. Ulrich Schwabe und Dr. Dieter Paffrath, die im vergangenen Jahr durch das GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) erzielten Einsparungen bei Arzneimitteln. Noch nie zuvor wurden in diesem Bereich die Ausgaben derart effektiv gesenkt wie 2004: Statt 24,1 Milliarden Euro mussten die Kassen nur 21,7 Milliarden Euro für Medikamente aufwenden ­ insgesamt 15,6 Prozent ihres Gesamtbudgets nach 16,7 Prozent im Vorjahr. Damit liegen die Arzneimittelausgaben wieder unter den Aufwendungen für die ärztliche Behandlung (23 Milliarden Euro). Mit 570 Millionen statt 749 Millionen Packungen war die Anzahl der Verordnungen sogar um ein Viertel rückläufig.

Fast die Hälfte der Einsparungen erbrachte der Ausschluss rezeptfreier Medikamente aus dem Leistungskatalog der GKV: Um 67 Prozent sanken die Ausgaben der Krankenkassen für OTC-Arzneimittel von 2,1 Milliarden Euro auf 705 Millionen Euro und brachten eine Nettoentlastung von 1,1 Milliarden Euro. Durch die Zuzahlungsänderungen mussten die Patienten 470 Millionen Euro mehr bezahlen, der erhöhte Herstellerrabatt brachte den Kassen eine weitere Milliarde Euro.

Dramatische Ausgabensteigerung

Zufriedenheit kommt bei den Autoren trotz des Rekordergebnisses nicht auf: Einerseits hätten laut Schwabe und Paffrath im vergangenen Jahr weitere 2,9 Milliarden Euro eingespart werden können. Andererseits sind nach dem Wegfall von erhöhtem Herstellerrabatt und fehlenden Vorzieheffekten im ersten Halbjahr 2005 die Arzneimittelausgaben der Kassen erneut um ein Fünftel in die Höhe geschossen. Die Zahl der Verordnungen ist um 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum angestiegen. Hinzu kommen die Auswirkungen einer unverändert hohen Strukturkomponente. Für das Gesamtjahr prognostizieren die Autoren daher Mehrkosten von 4 Milliarden Euro, die Anfang 2006 flächendeckende Beitragsatzerhöhungen notwendig machten.

Diese schloss zumindest Gesundheitsministerin Ulla Schmidt erneut kategorisch aus. Zwar sei die rationale Arzneimittelverordnung infolge der massiven Steuerung durch die Industrie tatsächlich die »Achillesferse im Gesundheitswesen«. Allerdings habe man mit der Gesundheitsreform hinreichend Maßnahmen gegen die zunehmende Verordnung teurer Medikamente eingeführt. Die müssten nun endlich konsequent genutzt werden. Schmidt drohte der Selbstverwaltung mit Sanktionen, sollte diese die mit dem GMG geschaffenen Möglichkeiten weiterhin nur zögerlich nutzen. Die »Unwirtschaftlichkeit der Arzneimittelverordnung« müsse ansonsten gesetzlich beendet werden.

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverbände hatten sich wenige Tage zuvor auf neue Rahmenvorgaben für die Arzneimittelausgaben geeinigt und für 2005 eine Steigerung um 13 Prozent auf 22,7 Milliarden Euro nachträglich legitimiert. Ursprünglich waren 6 Prozent vorgesehen gewesen. Für 2006 halten Kassen und Ärzte eine Steigerung um 5 Prozent auf 23,8 Milliarden Euro für vertretbar. Der Vorsitzende der KV Nordrhein, Dr. Leonhard Hansen, gab die Kritik an die Ministerin zurück. Im vergangenen Jahr seien die Ausgaben artifiziell heruntergerechnet worden. Insofern könne man nur von einer scheinbaren und vorhersehbaren Kostenexplosion sprechen. Die Höhe der Einsparung beziffert Hansen auf 700 Millionen Euro.

Apothekervergütung überprüfen

Auch die Autoren gaben in ihrem Report Empfehlungen für weitere Kostendämpfungsmaßnahmen: So müsse über eine dauerhafte Etablierung eines »Solidarbeitrags« der pharmazeutischen Industrie nachgedacht werden. Auch die Apothekervergütung, hier vor allem die Höhe des Fixzuschlages von 8,10 Euro, müsse kritisch überprüft werden. Über den genauen Umfang einer solchen Absenkung wollte sich Paffrath nicht äußern. Er ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass die Kassen auch Rabatte auf den Handelsstufen abschöpfen müssten. Die Untergrenze bei den Zuzahlungen müssten laut Schwabe abgeschafft werden, um Anreize für die Patienten zu schaffen. Weiterhin zogen die Autoren die Abschaffung von Arzneimittelmustern sowie die Einführung gleicher Arzneimittelpreise in Krankenhäusern und Apotheken in Betracht, um den Marketingmethoden der pharmazeutischen Industrie Herr zu werden. Deren Umsätze sowie die damit verbundenen Einsparpotenziale wurden erstmals im Arzneiverordnungsreport dargestellt, um den Kassen ein Werkzeug für Rabattverhandlungen an die Hand zu geben. Top

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