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WIdO nimmt Verordnungen aufs Korn

23.09.1996
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-Politik

  Govi-Verlag

WIdO nimmt Verordnungen aufs Korn

  Die Ausgaben für Arzneimittel haben 1995 mit über 33 Milliarden DM annähernd das Niveau von 1992 erreicht. Auch die Zahl der Verordnungen nahm 1995 wie im Vorjahr um 6,3 Prozent wieder deutlich zu. Mit dem Arzneiverordnungs-Report ist jetzt zum 12. Mal eine Jahresanalyse des deutschen Arzneimittelmarktes vorgestellt worden.

Nach den Analysen des GKV-Arzneimittelindexes im Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) sollen sich ohne Abstriche bei der Qualität 3,3 Milliarden DM sparen lassen, wenn Einsparmöglichkeiten bei Generika und patentierten Wirkstoffen genutzt würden. Immer noch würden Arzneimittel für 7,1 Milliarden DM verschrieben, deren Wirksamkeit umstritten sei.

In zwei Jahren sind die Einsparungen des Gesundheitsstrukturgesetzes (GSG) weitgehend aufgezehrt worden, stellte Professor Dr. Ulrich Schwabe vom Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg fest. Auffällig sei, daß sich die jährliche Zuwachsrate 1995 gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt habe. Die Arzneimittelausgaben haben in den alten Bundesländern das Niveau des Budgets erreicht, in den neuen Ländern lagen sie darüber.

Immer wieder entzündeten sich Diskussionen am Begriff des "umstrittenen" Arzneimittels, so Professor Volker Dinnendahl, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker. Die im Arzneiverordnungsreport gegebene Definition stamme aus dem Jahr 1976. Damals seien Arzneimittel als umstritten bezeichnet worden, bei denen ein klinisch relevanter therapeutischer Effekt nicht überzeugend nachgewiesen worden war, obwohl in vielen Fällen pharmakologische Wirkungen im Tierexperiment beschrieben worden seien. Dinnendahl warnte davor zu glauben, die sieben Milliarden DM - mit diesem Volumen werden die "umstrittenen" Arzneimittel beziffert - könnten problemlos eingespart werden, wenn die Ärzte im Sinne der Kritiker verschreiben würden. Vielmehr gehe es darum, nicht an, sondern mit Arzneimitteln zu sparen. Dabei wollten die Apotheker koordinierend und unterstützend die ärztliche Therapie begleiten.

KBV: Arzneiverordnungsreport ist untauglich

Als untauglich bezeichnete Dr. Lothar Krimmel, Kassenärztliche Bundesvereinigung, den Arzneiverordnungsreport. Der Nutzen innovativer Präparate werde pauschal in Frage gestellt, die Weiterentwicklung bekannter Wirkstoffe als nutzlose "Me-too-Entwicklung" abqualifiziert, die Gruppe der "umstrittenen" Arzneimittel werde pauschal als überflüssig bezeichnet, und die Einsparberechnungen auf der Grundlage der Liste der "unstrittigen" Arzneimittel seien reine Luftbuchungen.

In Zukunft müßten die Ansprüche der Versicherten insbesondere im Arzneimittelbereich beschnitten werden, befürchtet Krimmel. In den beiden vergangenen Jahren seien die Diskussionen um den Leistungskatalog der GKV vermieden und statt dessen die ärztlichen Arzneimittelbudgets auf dem Stand von 1993 eingefroren worden. "Heute wissen wir, daß diese Unaufrichtigkeit der Krankenkassen und der Gesundheitspolitik die Kassenärzte spätestens im Jahre 1997 in den kollektiven Ruin treiben würde." Dem Kassenarzt werde zugemutet, nach Erreichen der nicht von ihm selbst beeinflußten Budgetgrenzen Arzneimittel um den Preis der Vernichtung der eigenen Existenz zu verordnen. Die KVen werden unter dem "massiven budgetbedingten" Rationierungsdruck eine "gerade noch ausreichende Versorgung" anstreben, kündigte Krimmel an. Die Kassenärzte wollen es laut Krimmel nicht länger hinnehmen, daß die Gesundheitspolitik sowohl Standortpolitik für die Pharmaindustrie als auch Mittelstandspolitik für die Apotheker betreibt.

Das WIdO sollte sich mit seinen Aussagen mehr an den positiven Erfahrungen in den Arztpraxen, als an theoretisch-pharmakologischen Bewertungskriterien orientieren, konterte der Bundesfachverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH). Überdies sei eine Arzneimitteltherapie bei gleicher Wirkung häufig kostengünstiger als andere Therapieformen. Die eigentliche Botschaft des Arzneiverordnunsgreports muß dagegen für den Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA), Professor Dr. Frank Münnich, lauten: Arzneimittelbudgets, die seit drei Jahren im wesentlichen unverändert sind, werden dem medizinischen Fortschritt und dem wachsenden Bedarf nach modernen Therapieformen nicht gerecht".

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Bonn    

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