Pharmazeutische Zeitung online

Warten auf die Entscheidung

23.08.2004
Datenschutz bei der PZ
dm-Markt

Warten auf die Entscheidung

von Daniel Rücker, Düsseldorf

Die endgültige Entscheidung über die Rezeptsammlung der Drogeriekette dm steht weiter aus. Nach der mündlichen Verhandlung am vergangenen Mittwoch will das Landgericht Düsseldorf sein Urteil erst am 1. September verkünden.

Die Bad Homburger Zentrale gegen den unlauteren Wettbewerb hat gegen die Drogeriekette Unterlassungsklage eingereicht und Eilverfahren angestrengt, weil diese in acht nordrhein-westfälischen Filialen Arzneimittelrezepte einsammelt und an die Venloer Europa-Apotheek weiterleitet. Die niederländische Versandapotheke schickt die Medikamente dann an die entsprechenden dm-Filialen. Die Patienten müssen die Arzneimittel dort abholen. In der vergangenen Woche hatte das Düsseldorfer Gesundheitsamt als zuständige Behörde dm das Geschäft verboten. Es folgte damit den Argumenten der Wettbewerbsschützer und der Apothekerkammer Nordrhein.

Ob das Landgericht Düsseldorf überhaupt eine Entscheidung in der Sache fällt, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Bei der mündlichen Verhandlung wollte dm-Anwalt Wolfgang Kuentzle dem Gericht nahe legen, das Verfahren wegen fehlender Zuständigkeit einzustellen. Die Drogeriemarktkette hat ihren Sitz in Karlsruhe. Nach Kuentzles Überzeugung müsste das Verfahren dort stattfinden. Die Wettbewerbszentrale ist dagegen der Überzeugung, dass das Verfahren nach Düsseldorf gehöre, weil die acht betroffenen dm-Filialen eigenständig handelten.

Das Gericht zeigte sich aus einem weiteren Grund nur mäßig interessiert an dem Verfahren. Nach der Unterlassungsverfügung des Gesundheitsamtes zog die vorsitzende Richterin die Eilbedürftigkeit in Zweifel. Die Drogeriekette habe zugesagt, sich an die Verfügung zu halten. Sie legte den Parteien nahe, das Verfahren als erledigt zu betrachten. Kuentzle stimmte dem direkt zu, die Wettbewerbszentrale nicht. Sie geht davon aus, dass dm gegen die Untersagungsverfügung vorgehen werde und im Laufe des nachfolgenden Verwaltungsverfahrens seine Rezeptsammlung und damit ein wettbewerbswidriges Verhalten möglicherweise fortsetzen werde.

In der Anhörung versuchte Kuentzle den Eindruck zu vermitteln, dm trete in der Kooperation mit der Europa-Apotheek lediglich als Logistik-Partner auf. Da die niederländische Apotheke seit Jahresbeginn nach Deutschland versenden dürfe, liege kein Verstoß gegen das Apotheken- oder das Arzneimittelgesetz vor. Diese Form der Distribution sei ebenso sicher wie der Versandhandel über Kurierdienste. Die Wettbewerbszentrale hält dem entgegen, der Gesetzgeber habe den Versand lediglich in einem eng begrenzten Rahmen erlaubt. Würde das Geschäftsmodell von dm-Markt und Europa-Apotheek für legal erklärt, hätte dies gravierende Konsequenzen für die Arzneimittelsicherheit.

Im Folgenden warf Kuentzle der Wettbewerbszentrale vor, allein die Interessen der Apothekerschaft am Erhalt ihres Monopols zu vertreten. Dies wies die Sprecherin Christiane Köber scharf zurück. Ihre Organisation unterstütze nicht einzelne Berufsgruppen, sondern setze sich für den Schutz der Verbraucher ein. Da dieser im vorliegenden Fall nicht gewahrt sei, habe sich die Bad Homburger Zentrale eingeschaltet.

Ablehnung nicht ausgeschlossen

Der Ausgang des Verfahrens schien nach der Verhandlung offen. Eine Entscheidung im Sinne von Wettbewerbszentrale und Apothekerschaft ist zwar denkbar. Wenn das Gericht am 1. September um 9.30 Uhr sein Urteil verkündet, ist aber auch eine Ablehnung der Klage wegen Nicht-Zuständigkeit möglich. In jedem Fall will dm sich zwar an die Unterlassungsverfügung halten, gleichzeitig aber auch juristisch gegen sie vorgehen. Europa-Apotheek-Sprecher Klaus Gritschneder ließ gegenüber der PZ keinen Zweifel daran, dass die Kooperationspartner das Projekt fortsetzen wollen. Bis zum 1. September soll das Konzept überarbeitet werden, um die Verfügung des Gesundheitsamtes auszuhebeln. Gritschneder: „Wir geben jetzt sicherlich nicht auf.“

Die Präsidentin der Apothekerkammer Nordrhein, Anneliese Menge, befürchtet deutliche Nachteile für die Patienten, sollten dm und Europa-Apotheek ihre Zusammenarbeit fortsetzen dürfen. «Das ist ein echter Rückschritt für die Patienten. Sie bekommen keine Auskunft etwa über mögliche Wechselwirkungen der Medikamente und müssen auch noch drei Tage auf ihre Mittel warten». Den Drogisten gehe es nur darum, den deutschen Arzneimittelmarkt mit jährlich 43 Milliarden Euro Umsatz zu erschließen.

Menges Kritik an dm wird von den Vertretern der Apothekerschaft geteilt. Das Modell missachte die Besonderheit von Arzneimitteln, sagt der Geschäftsführer des Landesapothekerverbandes Westfalen-Lippe Dr. Rötger von Dellingshausen. Das Düsseldorfer Gesundheitsamt habe dm aus gutem Grund verboten, apothekenpflichtige Arzneimittel in Verkehr zu bringen.

 

Kommentar: Zweifelhafte Investition in die Zukunft Auf den ersten Blick erscheint das Angebot harmlos: Ein Patient wirft sein Rezept im Drogeriemarkt in eine Box. Das Rezept wird in eine holländische Apotheke geschickt. Die packt ein Päckchen mit dem gewünschten Medikament, das der Patient drei Tage nach der Bestellung in derselben Drogeriefiliale abholen kann. Viele Verbraucher werden wieder einmal nicht verstehen, warum Apotheker und Wettbewerbszentrale gegen dieses Geschäftsmodell vorgehen.

Bei näherer Betrachtung werden die Gefahren jedoch schnell deutlich. Was dm und die Europa-Apotheek hier vorhaben, entfernt die Arzneimittelversorgung immer weiter von der direkten Kontrolle durch die Apotheker. Auch nach der eingeschränkten Freigabe des Versandhandels hat der Gesetzgeber die Distribution vollständig unter pharmazeutischer Aufsicht belassen.

Damit ist nun Schluss. Unterstellt man der Europa-Apotheek, sie arbeite nach denselben Regeln wie eine deutsche Apotheke, bleibt immer noch der Partner dm. Hier arbeiten in der Regel weder Apotheker noch PTAs. Patienten, die eine Beratung wünschen, werden an ein Telefon verwiesen, das sie mit der niederländischen Apotheke verbindet. Anonymer geht es nicht mehr. Viele Patienten wird dies abschrecken, sie werden auf die Beratung verzichten.

Wenn nun die Beschwichtiger wieder sagen, der Versandhandel – mit oder ohne dm und eBay – werde den Umsatz der öffentlichen Apotheken nicht ernsthaft gefährden, dann haben sie vordergründig natürlich recht. In den dm-Filialen kam es während der Pilotphase zu keinen Warteschlangen vor den Rezeptboxen.

Das tatsächliche Problem ist aber ein anderes: Die Geschäftsmodelle von eBay und dm haben eines gemein: Sie verändern, wie Menschen Arzneimittel wahrnehmen. Sie machen aus den als beratungsintensive Waren der besonderen Art anerkannten Arzneimitteln schlichte Konsumgüter. Dass Arzneimittel nur dann wirken, wenn sie richtig angewendet werden, tritt in den Hintergrund; die Risiken, die mit der Einnahme hochwirksamer Präparate verbunden sind, ebenfalls. Die Drogeriekette und eBay bewirken noch etwas: Sie untergraben Stück für Stück die Apothekenpflicht. Das – und nicht die aktuellen Umsatzerwartungen – dürfte auch der wesentliche Grund sein, warum Drogisten wie dm viel Geld in solche Projekte steckt. Sie sehen es als Investition in die Zukunft.

Daniel Rücker
Stellvertretender Chefredakteur

  Top

© 2004 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa