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Hans-Günter Friese im Live-Chat

21.07.2003
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tagesschau.de

Hans-Günter Friese im Live-Chat

von Daniel Rücker, Eschborn

Am vergangenen Montag, wenige Stunden nach der Präsentation der Eckpunkte zur Gesundheitsreform, stand ABDA-Präsident Hans-Günter Friese im Live-Chat „tacheles.02“ Rede und Antwort. tacheles.02 ist der politische Salon von politik-digital.de und tagesschau.de, er wird unterstützt von tagesspiegel.de.

Friese zeigte in dem Chat deutlich die Konsequenzen der geplanten Gesundheitsreform auf: „Damit ist die Apotheke und mit ihr der Apotheker in seiner Unabhängigkeit tangiert. Denn wir befürchten, dass aus Mehrbesitz Fremdbesitz entsteht und dann der gewollte unabhängige Ratschlag des Apothekers durch die Weisung des Fremdkapitals überlagert wird. Heute ist also ein rabenschwarzer Tag für den Patienten, der nach wie vor unabhängig beraten werden will.“

Eine Apotheke, die von den Interessen externer Kapitalgeber abhängig sei, berate die Patienten nach anderen Kriterien als ein freier Heilberufler. Friese: „Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Kapitalgeber auch sein eingebrachtes Kapital vermehrt sehen will, und damit steht nicht das Optimum an Therapie im Vordergrund. Außerdem ist der Apotheker in einer Kette weisungsgebunden und in soweit nicht mehr freiberuflich tätig mit seiner persönlichen Verantwortung und Haftung.“

Friese betonte auch, dass Qualität und Sicherheit bei der Gesundheit an erster Stelle stehen müssten. Dies gelte in besonderem Maße für die Arzneimittelversorgung. In den jetzt vorgestellten Eckpunkten kann er dieses Leitmotiv nicht erkennen: „Die Reformvorhaben der Bundesregierung haben dagegen das Ziel, die Arzneimittelversorgung durch wohnortnahe, unabhängige Apotheken gegen ein unpersönliches, rein kommerzielles Verteilungssystem mit Versandhandel und kapitalgesteuerten Apothekenketten auszutauschen.“

Schlechtere Therapie

Das gilt auch für die Herausnahme der meisten OTC-Produkte aus der Erstattungsfähigkeit und den zu erwartenden Substitutionseffekten. Friese: „Dies bedeutet eine Verschlechterung der Therapie, weil damit der Patient ein Arzneimittel bekommt, dass eine höhere Risiko-Nutzen-Relation hat. Außerdem dürfte eine Therapie mit einem verschreibungspflichtigen Arzneimittel teurer sein.“

Den Vorwurf, die Apotheker allgemein und die ABDA im Speziellen hätten sich zu lange den absehbaren Entwicklungen auf dem Arzneimittelmarkt entzogen, wies Friese zurück, Er verwies dabei auf aponet.de, das offizielle Gesundheitsportal der Apotheker: „Wir Apotheker haben uns den gesellschaftlichen Entwicklungen gestellt und eigene offensive Konzeptionen vorgelegt: So ist es zum Beispiel schon seit zwei Jahren möglich, über das Internet Arzneimittel in einer Apotheke der Wahl zu bestellen und im Einzelfall auch ausgeliefert zu bekommen. Für uns bedeutet dies eine Weiterentwicklung des Systems, aber keine irreversible Zerstörung.“

Der ABDA-Präsident wandte sich auch vehement gegen die Behauptung, die Apotheker seien nicht am Wettbewerb interessiert. Das Gegenteil sei richtig: „Schon jetzt stehen die Apotheken in Deutschland wegen der hier geltenden Niederlassungsfreiheit in einem enormen Wettbewerb. Dies ist der Grund für die Spitzenleistung, die die Apotheken in ihrem Dienstleistungspaket erbringen. Außerdem ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis der deutschen Apotheken im internationalen Vergleich Spitze. ... Ich befürworte ausdrücklich einen pharmazeutischen Dienstleistungs-Wettbewerb. Mögen die Patienten doch die übernächste Apotheke aufsuchen, wenn sie sich nicht gut beraten fühlen. Der Wettbewerb lässt es ja gerade zu.“

Der Chat bot auch die Gelegenheit, vor einem sicherlich nicht apothekenfreundlichem Auditorium das Vorurteil vom reichen Apotheker zurechtzurücken. Das Beitragssatzsicherungsgesetz habe das Vorsteuereinkommen um bis zu 50 Prozent verringert, erklärte Friese. Auch in diesem Punkt habe die Politik versagt: „Die wirtschaftliche Lage wird für viele Apotheken leider das Aus bedeuten. Und hier ist im Besonderen die Politik zu fragen, warum sie nicht das eigentliche Sparopfer für die Apotheke mit 350 Millionen Euro eingehalten hat.“ Der Ertragsverlust sei dreimal höher als angeblich gesetzlich gewollt.

Schlechtere Versorgung

Leidtragende seien nicht nur die Apothekenleiter, sondern vor allem die Angestellten: „ Seit Jahresbeginn mussten die Apotheken in Deutschland bereits rund 10.000 Arbeitsplätze abbauen.“ Bis zum Jahresende erwartet die ABDA den Verlust von insgesamt 20.000 Arbeitsplätzen – „nicht durch Gegebenheiten des Marktes, sondern als Folge gesetzgeberischer Maßnahmen“. Würden die jetzt veröffentlichten Eckpunkte umgesetzt, seien weitere Apothekenpleiten nicht auszuschließen. Damit gehe zwangsläufig eine Verschlechterung der wohnortnahen Versorgung einher.

Nach einer Stunde und insgesamt 26 Antworten des ABDA-Präsidenten ging der Chat zu Ende. Auch wenn sicherlich nicht alle Diskutanten am Ende vollends auf die Linie der Apotheker eingeschwenkt sein dürften, bot das Diskussionsforum doch eine der seltenen Gelegenheit, mit einer sehr heterogenen Zielgruppe die Bedenken der Apotheker gegen eine immer weiter fortschreitende Kommerzialisierung der Arzneimittelversorgung zu diskutieren. Wer sich für den Chat im Wortlaut interessiert, findet ihn hier.

 

Die Initiatoren des Chats zeigten sich mit dessen Verlauf mehr als zufrieden. Trotz besten Wetters in vielen Teilen der Republik waren rund 170 Personen gleichzeitig im Chat. Da es laufend Zu- und Abgänge während der Dauer des Chats gibt, dürfte die tatsächliche Zahl der Chatter weitaus höher liegen. Die korrigierte Abschrift des Chats finden Sie unter www.politik-digital.de/salon/transcripte/hfriese.shtml und bei www.tagesschau.de.

 

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