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Schmidt rügt Verschreibungspraxis der Ärzte

09.06.2003  00:00 Uhr

GEK-Arzneimittelreport

Schmidt rügt Verschreibungspraxis der Ärzte

von Thomas Bellartz, Berlin

Großer Bahnhof für den Arzneimittelreport der Gemünder Ersatzkasse (GEK). Das Thema: altbekannt. Umstritten, unnötig und zu teuer seien viele Medikamente, die von Ärzten verschrieben werden. Ulla Schmidt (SPD) kennt die Schuldigen. Der Verbalschlag auf Pharmabranche und Ärzteschaft ist gekonnt.

Professor Dr. Gerd Glaeske lieferte die Steilvorlage, wie schon so oft in den vergangenen Monaten. Die Gesundheitsministerin musste nur noch verwandeln. Und Schmidt verwandelte – selbstbewusst und zielsicher.

Und natürlich dreht sich alles vor dem nüchternen blauen Hintergrund im großen Saal der Bundespressekonferenz um Arzneimittel. Das Fazit des GEK-Reports ist auch im dritten Erscheinungsjahr das gleiche geblieben: Die Beitragssätze zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) könnten um bis zu 0,4 Prozentpunkte niedriger sein. Allerdings dürften Ärztinnen und Ärzte dann keine umstrittenen oder unnötig teuren Medikamente mehr verschreiben.

Die Ergebnisse der von Glaeskes Bremer Zentrum für Sozialpolitik erarbeiteten Studie bezeichneten GEK-Chef Dieter Hebel und auch Glaeske selbst als repräsentativ für alle Krankenkassen. Hebel unterstützt Schmidt ausdrücklich bei der Einführung der Positivliste für Arzneimittel und favorisiert ebenso das mit der Gesundheitsreform geplante Institut für Qualität in der Medizin. Beide Vorhaben werden von der Union abgelehnt. Mit der Positivliste soll die Zahl der auf Kassenkosten verschreibungsfähigen Medikamente auf 20.000 halbiert werden.

Lob von Schmidt

Schmidt lobte den Report als „wichtigen Beitrag“ für die Arbeit ihres Ministeriums. Grund für die erheblichen Ausgabensteigerungen der Krankenkassen seien unter anderem die „zahlreichen Verordnungen von Arzneimitteln“. Von kostengünstigen Verordnungen machten die Ärzte zu wenig Gebrauch. Schmidt verwies auf die 1,2 Millionen Arzneimittel-Abhängigen in Deutschland, zwei Drittel davon seien Frauen. Daher müsse es ein stärkeres Qualitäts- und auch Kostenbewusstsein bei allen Beteiligten geben. Das sei mit ein Grund für die Einführung der Positivliste und die Einrichtung des Qualitätsinstituts.

Die jüngsten Klagen von Apothekern und Pharmagroßhändlern über die aktuelle Lage könne man „nicht ernst nehmen“. In Deutschland werde immer noch zu viel verschrieben, klagte Schmidt über die Verschreibungspraxis der Ärzteschaft. „Den Kugelschreiber hält immer noch der Arzt“, stellte Schmidt provokant fest.

Glaeske betonte, man könne bei einem weiteren Ausbau der Generika-Verschreibungen zu drastischen Einsparungen kommen. Viele Arzneimittel würden verschrieben, obwohl längst bekannt sei, dass sie unwirksam seien „oder sogar schädlich“.

Schmidt wies Behauptungen aus der Union zurück, die Positivliste sei ein „Angriff auf den Standort Deutschland“. Sie solle vielmehr „ein verlässliches Instrument zur rationalen und qualitätsgesicherten Arzneimitteltherapie“ sein. Die Arzneiausgaben der Kassen seien mit 5 Prozent im Jahr 2002 und 2,5 Prozent im ersten Quartal 2003 überproportional gestiegen. „Dafür gibt es im Wesentlichen keine medizinischen Gründe, auch wenn das immer wieder behauptet wird.“ Zu oft würden Medikamente verschrieben, deren hoher Preis nicht durch einen entsprechenden Nutzen gerechtfertigt sei. Von kostengünstigen Alternativen werde zu wenig Gebrauch gemacht.

Die GEK hätte nach Angaben des Reports im vergangenen Jahr 67 Millionen Euro sparen können, wenn beim Verschreiben „weniger den Informationen der Hersteller gefolgt würde, die auch bei überflüssigen oder unnötig teuren Arzneimitteln am Umsatz und Absatz ausgerichtet sind“, sagte Glaeske.

Dabei gehe es zum Beispiel um Blutdrucksenker, Magen-Darm- und Schmerzmittel sowie Präparate zur Behandlung von Diabetes. 5,9 Prozent der GEK-Arzneimittelausgaben entfielen auf Medikamente, die therapeutisch nicht erforderlich seien. „Jede achte Packung, die verordnet wird, dient nicht der Gesundheit der Versicherten, sondern ausschließlich dem Umsatz der Hersteller und Apotheken“, sagte Glaeske. Top

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