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Ärztliche Kollegialität ist schwer demoliert

26.05.1997
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-Politik

  Govi-Verlag

Ärztliche Kollegialität ist schwer demoliert

  Die dreijährige gesetzliche Budgetierungsphase des Gesundheitsstrukturgesetzes hat die ärztliche Kollegialität nahezu zerstört und die Ärzte ihrer Selbstverwaltung weitgehend entfremdet. Die durch mehr als 10.000 Neuzulassungen erheblich verschärften Verteilungskämpfe, die Dynamik der modernen Medizin und auch der Anspruch leistungsgewohnter Patienten haben die Leistungsmengenspirale in immer schnellere Rotation versetzt. Mit diesen Worten beschrieb Dr. Winfried Schorre, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) auf der Vertreterversammlung im Vorfeld des 100. Deutschen Ärztetages in Eisenach die Stimmungslage der Kassenärzte.

Erfolge verzeichnete der KBV-Vorsitzende dagegen im Verhältnis der Ärzteschaft zur Politik. So sei es der KBV gelungen, die Krankenkassen als die sonst immer federführenden Organisationen bei der Vorbereitung gesetzlicher Neuregelungen im Bundesgesundheitsministerium abzulösen und wesentliche Belange der niedergelassenen Ärzte im 2. GKV-Neuordnungsgesetz (NOG 2) zu verankern. Dieses Vertrauenskapital wolle der im März neu gewählte Vorstand nicht verspielen. Er legte der Vertreterversammlung einen Aufgabenkatalog bis zum Jahr 2000 vor, der die neue organisatorische Struktur und Aufgabenverteilung umreißt. Die Arbeiten sollen stärker projektbezogen und zielorientiert erfolgen, um die Effizienz zu steigern.

Hauptkonkurrent der Praxen sind Krankenhäuser

Zu den innerärztlichen Problemfeldern gehört nach Schorres Darstellung unter anderem die als Folge des 2. NOG stärker werdende Konkurrenz durch das Krankenhaus, das sich als Gesundheitszentrum mit ambulanten Aufgaben zu etablieren anschickt, um so den angelaufenen Bettenabbau zu kompensieren. Bei den sich verändernden Versorgungsstrukturen müsse es vor allem gelingen, den innerärztlichen Honorarverteilungskampf zu beenden und zu ordnen. Der Vorstand hat in seiner Sitzung am 24. Mai in Eisenach den Beschluß gefaßt, "die Ablösung der Praxisbudgets zum 1. Januar 1998 durch regionale Maßnahmen der Mengenbegrenzung auch im Zusammenhang mit der Vereinbarung der Regelleistungsvolumina" anzustreben. Regelleistungsvolumina bedeuten: Ein Punktzahlvolumen pro Praxis, bis zu dessen Obergrenze mit festem Punktwert vergütet wird und bei deren Überschreitung nur noch ein abgestaffelter Punktwert arztgruppenspezifisch zum Tragen kommt. Volumen und Punktwert müssen mit den Krankenkassen verhandelt werden.

Schorre rief die Kassenärzte zu Reformen auf, um den Untergang der ambulanten Versorgung durch frei praktizierende Kassenärzte zu verhindern und nicht in die Abhängigkeit von Profitorganisationen amerikanischer Prägung oder selbstherrlicher Krankenkassen zu gelangen. Er erinnerte an die "Eckpunkte zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens" aus dem Jahr 1994, die eine kooperative Praxisstruktur als Organisationsform der Zukunft fordern. Die auf Wunsch der KBV in das Gesetz aufgenommene Möglichkeit zum Abschluß von Strukturverträgen eröffne den Vertragspartnern auf Bundes- und Landesebene die Einführung solcher vernetzter Praxisstrukturen ohne vorhergehende Modellversuche. "Ziel des Vorstandes ist es dabei", so Schorre, "diese Kernelemente vernetzter Praxisstrukturen mit allen Kassenarten zu vereinbaren, so daß unter dem Gesichtspunkt einer bedarfsgerechten Versorgungsstruktur flächendeckend entsprechende vernetzte Praxisstrukturen für alle Versicherten geschaffen werden können". Die im Gesetz verankerte Möglichkeit der Vereinbarung von kombinierten Budgets könnte genutzt werden. Auch die Richtgrößen für Arznei- und Heilmittel könnten für die vernetzte Struktur mit einem erweiterten Verordnungsspielraum festgelegt werden.

Leistungskatalog mitbestimmen

Weiterhin soll nach Darstellung des KBV-Vorsitzenden der Grundsatz "soviel ambulant wie möglich" umgesetzt werden. Bei zu erwartenden Leistungsverlagerungen aus dem Krankenhaus in die ambulante Versorgung müsse das Geld der Leistung folgen. Die Kassen stünden aber vor dem Problem steigender Arbeitslosenzahlen und einer sinkenden Lohnquote. Hinzu komme ein starker politischer Druck auf die Beitragssätze. Deshalb müßten die Kassenärzte ihre Zurückhaltung bei der Übernahme von Mitverantwortung ablegen und bei der Definition des GKV-Leistungskatalogs mitwirken. Geradezu kontraproduktiv sei es jedoch, erneut die besonderen Therapierichtungen vor einer wissenschaftlichen Beurteilung in Schutz nehmen zu wollen. Wer solche Leistungen in Anspruch nehmen wolle, sollte als Patient selbst für die Kosten aufkommen.

Als Aberwitz bezeichnete Schorre den Vorschlag, allen Versicherten unaufgefordert regelmäßig schriftlich Informationen über die Behandlungskosten zuzustellen. Eine solche Information könnte zwar die bestehenden irrtümlichen Vorstellungen über die Höhe kassenärztlicher Liquidationen endgültig beseitigen, unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten lehnt die KBV aber solche geldverschwendende Transparenz ab.

Der Vorstand der KBV beabsichtigt schließlich, bis Ende 1997 das Konzept für ein EDV-gestütztes Arzneimittel-Informationssystem vorzulegen. Hiermit soll eine Zusammenführung von Arzneimittelinformation und EDV-gestützter Verordnung erfolgen. In diesem Zusammenhang soll auch die Möglichkeit einer digitalen Signatur geschaffen werden, heißt es in dem Arbeitskonzept.

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Eisenach
   

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