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In der Partnerschaft die notwendigen Reformen angehen

19.05.1997
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-Politik

  Govi-Verlag

In der Partnerschaft die notwendigen
Reformen angehen

  Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) sieht einen Übergang von den Zuzahlungen auf Packungsgrößen auf eine prozentuale Beteiligung der Patienten bei allen Arzneimittelgruppen voraus. Der Geschäftsführer des BPI-Geschäftsbereichs Wirtschafts-, Gesundheits- und Sozialpolitik, Peter Dewein, begründete dies im Presseseminar seines Verbandes am 14. Mai 1997 "Partnerschaft im Gesundheitswesen: Wie fallen die Entscheidungen?" in Mayschoß nicht zuletzt mit der dann besseren Transparenz als auch mit dem derzeit wenig kalkulierbaren Patientenverhalten.

Betrachte man die Zuzahlungsregelungen der letzten 30 Jahre, sei kein gewünschter Steuerungseffekt festzustellen. Ihnen allen sei gemeinsam gewesen, daß der Versicherte nicht über den Preis des Arzneimittels und der damit in Anspruch genommenen Gesundheitsleistung ausreichend informiert worden war. Ein wirtschaftlicher Umgang mit Arzneimitteln setze aber Transparenz voraus. Den Patienten werde derzeit auch nicht deutlich gemacht, warum sie für eine Arzneimittelpackung, die 10 DM koste, ebenso 9 DM zuzahlen müßten wie bei einer 200 DM teuren Packung in der gleichen Zuzahlungsstufe.

Künftige Zuzahlungen werden sich nach Deweins Prognose daher im Prozentsatz des Apothekenverkaufspreises ausdrücken. Diese transparente und einfach umzusetzende Regelung sei von den Versicherten, aber auch von den Ärzten und in den Apotheken unmittelbar nachzuvollziehen.

Zugleich warnte Dewein vor der Hoffnung, die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen würden mit der erzwungenen Verordnungsänderung bei der Ärzteschaft automatisch sinken. Eine vom BPI vorgenommene Analyse über das Verordnungsverhalten 1996 zeige deutlich, daß die Ärzte zwar weniger, dafür aber teurer verordnet hätten. Diese Tendenz habe sich im ersten Quartal 1997 fortgesetzt. Bei weiterhin rückläufiger Verordnungsmenge um 10,7 Prozent sei der Struktureffekt mit 8,9 Prozent stark positiv.

Medizinisch-pharmazeutischen Beirat beim Bundesausschuß bilden

Der Vorsitzende des BPI, Professor Dr. Hans Rüdiger Vogel, forderte erneut die Bildung eines medizinisch-pharmazeutischen Beirats beim Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen. Denn der entwickele sich durch die Reformgesetze noch stärker zum eigentlichen Entscheidungszentrum im Gesundheitswesen. Auf diese Weise wäre bei anstehenden Entscheidungen ein undogmatischer und partnerschaftlicher Umgang möglich, außerdem könnten Konflikte und Auseinandersetzungen schon im Vorfeld entschärft werden. Einem solchen Beirat sollten Vertreter der Apothekerschaft, der pharmazeutischen Industrie und der pharmazeutischen Wissenschaft angehören.

Vogel übte zugleich Kritik an den Politikern. In der dritten Stufe der Gesundheitsreform hätten sie selbst den Partnerschaftsgedanken gefordert. "Vorfahrt für die Selbstverwaltung" räumten die Reformgesetze jedoch im wesentlichen den Krankenkassen und der Ärzteschaft ein, die jetzt zu Lasten Dritter Vereinbarungen treffen könnten.

Ein Gastreferent des BPI-Presseseminars war der neue Vorsitzende des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen, Karl Jung, der sich selbst als "Ruhestandsbeamter" des Bundesgesundheitsministeriums und Bundesarbeitsministeriums titulierte. Jung gab seinen Zuhörern eine gute Ahnung von der Behäbigkeit dieser unter der Aufsicht des Bundesgesundheitsministeriums arbeitenden 50 Jahre alten Institution. Die ehrenamtlichen Mitglieder sind neun Ärzte und neun Vertreter der Krankenkassen. Hinzu kommen drei "unparteiische" Mitglieder. Jedes Mitglied hat fünf Stellvertreter und kann zu jeder Sitzung zwei Vertreter mitbringen. Behäbig machen auch die zahlreichen gesetzlichen Regelungen, die Grundlage aller Beschlußvorlagen sind. Sie werden seit der ab Januar 1997 angelaufenen 11. Amtsperiode von nunmehr 16 Arbeitsunterauschüssen (vorher waren es 25) und zahlreichen weiteren Unterausschüssen erarbeitet.

Eine unzulängliche Handhabung bescheinigte Jung dem großen Richtlinien-Katalog des Bundesausschusses plus seiner Sonderrichtlinien. Viele Richtlinien seien seit vielen Jahren unverändert. Möglichst kurzfristig müßten nun neue Richtlinien erlassen werden, etwa zur häuslichen Krankenpflege, um eine Abgrenzung zur Pflegeversicherung zu schaffen. Arbeitsdruck bestehe hinsichtlich der Rahmenempfehlungen zu Modellmaßnahmen.

Jung kündigte unter anderem eine Fortsetzung der Bildung von Festbetragsgruppen an und meinte, daß sich der Anteil von 64 Prozent noch steigern lasse. Die Arbeit negativ zu bewertender Arzneimittel gehe gleichfalls weiter, hier würden die Möglichkeiten des Bundesausschusses nicht eingeengt. Die Preisvergleichslisten sollen neu und effektiver aufgelegt werden, um zeitnah informieren zu können. Hier sei allerdings noch nicht geklärt, wie diese Arbeit finanziert werden soll, zumal der Output der Bemühungen (zum Beispiel bei onkologischen Präparaten) minimal sei. Darüber hinaus werde die Ausschlußliste von Leistungen den Bundesausschuß beschäftigen.

Für die vom BPI in der Veranstaltung begrüßten Richtgrößen fand Jung kein gutes Wort, er sagte vielmehr voraus, daß Politiker und Leistungserbringer dann „in drei Jahren vor dem gleichen Scherbenhaufen stehen" wie derzeit mit der Budgetierung von Arzneimitteln. Der Bürokratieaufwand werde schlicht zu hoch. Auch der Vorschlag, die Patienten über die Kosten ihrer Therapie zu informieren, sei nicht durchführbar. Der Versand der Informationsbriefe würde 500 Millionen DM kosten - ganz zu schweigen von den nötigen Übersetzungen aus dem "Fachchinesischen".

PZ-Artikel von Erdmuthe Arnold, Mayschoß
   

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