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Versandhandel: Einsparungen im Promillebereich

21.04.1997
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-Politik

  Govi-Verlag

Versandhandel: Einsparungen im
Promillebereich

  Obwohl sich der Gesetzgeber strikt gegen den Versandhandel mit Arzneimitteln in Deutschland ausgesprochen hat, halten die Krankenkassen an ihrer Forderung nach einer Liberalisierung des Arzneimittelvertriebes fest. Bei den anderen Protagonisten des Gesundheitssystems stoßen sie allerdings auf keine Sympathie. Trotzdem besteht kein Grund zur Entwarnung, denn bei der Aussicht auf schnellen Profit sieht nicht jeder die Notwendigkeit, sich an Gesetze zu halten.

"Jeder Versand von Arzneimitteln schließt unausweichlich das Recht des Patienten auf Beratung und Information durch den Apotheker und in der Apotheke aus", konstatierte Dr. Johannes Pieck, Sprecher der Geschäftsführung der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, auf einer Euroforum-Veranstaltung in Frankfurt. Ohne den "Dolmetscher Apotheker" bleibe der Beipackzettel für viele Patienten unverständlich. "Die Position des Patienten würde durch den Versandhandel in keiner Weise verbessert. Gleichzeitig sei der ökonomische Nutzen marginal. Pieck: "Bezogen auf die Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung ergibt sich ein Einsparpotential von höchstens 0,0459 Prozent." Die Kritik der Krankenkassen an den scheinbar zu hohen Vertriebskosten für Arzneimittel sei vollkommen unberechtigt. Unter Berücksichtigung des gesetzlichen Abschlages von 5 Prozent liege die Handelsspanne deutscher Apotheken im EU-Vergleich an vorletzter Stelle.

Scharfe Kritik übte Pieck an dem Londoner Unternehmen Express Medical Services (EMS), das seit einiger Zeit apothekenpflichtige Medikamente nach Deutschland versendet. EMS verweigere jegliche Angaben zu seinem pharmazeutischen Status und zu seinen Eigentümern. Zudem werbe es für sich auf eine Art und Weise, die rechtlich angreifbar und rundum unseriös sei. Das Unternehmen handele ohne jegliche rechtliche Grundlage, führte Pieck weiter aus. Zwar erlaube der deutsche Gesetzgeber, jedem Bewohner der Bundesrepublik, Fertigarzneimittel aus EU-Staaten auch dann zu beziehen, wenn sie in Deutschland nicht zugelassen sind; dies sei jedoch ein reines Individualrecht. Es gebe niemandem das Recht, einen in Deutschland verbotenen Arzneimittelversand zu organisieren. Die ABDA werde alle rechtlichen Möglichkeiten nutzen, gegen EMS vorzugehen.

Eine Gefährdung des qualitativ hochwertigen Distributionssystems in Deutschland befürchtet Professor Dr. Hilko Meyer, Geschäftsführer des Bundesverbandes des pharmazeutischen Großhandels. Wenn teure und häufig verkaufte Arzneimittel über einen Versandhandel vertrieben würden, entstünden Großhandel und Apotheken Einnahmeverluste, die die flächendeckende und schnelle Versorgung mit seltener benötigten Arzneimitteln gefährde oder drastisch verteuere. "Wenn man die Rosinen herauspickt, kann das übrige System nicht mehr funktionieren.

Hausärzte ängstigen sich vor mächtigen Versandapotheken

Auch die Hausärzte haben starke Vorbehalte gegen den Versandhandel. Hauptgrund für ihre ablehnende Haltung scheint aber nicht die Sorge um die Arzneimittelsicherheit zu sein, sondern die Angst vor übermächtigen Versandapotheken, die anhand von Anwendungsstudien Standards vorgeben und so in die ärztliche Therapiefreiheit eingreifen. Diese Erfahrung machte Dr. Klaus-Dieter Kossow, Bundesvorsitzender des Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands, zumindest bei einem Besuch in den USA. Dort konfrontieren große Versandapotheken die Ärzte mit ihrem Verschreibungsverhalten und geben bei Bedarf Anweisungen, dieses zu ändern. Auch die Patienten würden darüber informiert, wenn sie einen Arzt aufsuchen, der nach Meinung der Versandapotheke unökonomisch verordnet. Dieser Entwicklung will der Verbandsvorsitzende mit einem konsequenten Disease Management begegnen, wobei nicht die Arzneimittelkosten, sondern die Fallkosten im Mittelpunkt stehen sollten. Hierbei hofft er auch auf die Unterstützung durch die Apotheker.

Die Krankenkassen zeigen sich offensichtlich nur wenig beeindruckt von der breiten Front der Versandhandelsgegner. Wolfgang Kaesbach vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen kündigte an, daß bei der Suche nach Wirtschaftlichkeitsreserven auch weiterhin der Vertriebsweg für Arzneimittel eine Rolle spielen werde. Einen unkontrollierten Versandhandel lehnt der Kassenfunktionär zwar ab, von Apothekern geführte Versandapotheken hält er aber für eine "notwendige Ergänzung zur Einzelapotheke".

Ins Visier genommen haben die Krankenkassen vor allem die Aufschläge für teure Medikamente. Hier sei der Versandhandel weitaus günstiger als die Abgabe über die Apotheke. Kaesbach kann sich deshalb vorstellen, daß die Krankenkassen von ihren Forderungen zum Versandhandel abrücken, wenn die Arzneimittelpreisverordnung im oberen Bereich gekappt würde. Hierzu bemerkte Pieck, daß dies die Apotheker schon seit einiger Zeit angeboten hätten. Wirtschaftlich vertretbar sei eine Begrenzung der Apothekenhandelsspanne bei teuren Medikamenten jedoch für die Apotheken nur, wenn gleichzeitig die Handelsspanne für preiswertere Arzneimittel leicht angehoben werde.

Daß die Vorbehalte von Apothekern und dem Großhandel gegen den Versandhandel nicht aus der Luft gegriffen sind, verdeutlichte der Auftritt von Karl Heinz Thieler, der bis zum Beginn dieses Monats Geschäftsführer von Express Medical Services (EMS) war. Zu seiner jetzigen Beziehung zu der Londoner Versandhandelsfirma wollte er keine Auskunft geben. Nach seinen Angaben wurde EMS 1995 in London gegründet. Niedrige Versandkosten und niedrige Arzneimittelpreise in Großbritannien hätten den Ausschlag für diesen Standort gegeben. Die Preisunterschiede innerhalb der EU seien die Existenzgrundlage für das Unternehmen. Zudem gibt es in Großbritannien keine Mehrwertsteuer für rezeptpflichtige Arzneimittel. Auf der EMS-Preisliste, die an Ärzte versendet wird und im Internet eingesehen werden kann, sollen zur Zeit etwa 200 Medikamente stehen. Nach Thielers Angaben hält sich das Unternehmen an die deutschen Richtlinien bei verschreibungspflichtigen Medikamenten. Dies wurde von Teilen des Auditoriums bezweifelt. Unumwunden gab Thieler zu, sein Sortiment ausschließlich nach Profit auszurichten: "Wir wollen keine Vollapotheke sein, wir sind Rosinenpicker."

Privaten Krankenversicherungen und Krankenkassen scheinen Berührungsängste mit einer Firma, die nicht einmal ihren Besitzer preisgibt, fremd zu sein. Privatversicherte und freiwillig gesetzlich Versicherte, die Kostenerstattung vereinbart haben, können bei ihren Versicherungen die Rezepte einreichen. Bei einem günstigen Preis könne die Patientenzuzahlung sogar reduziert werden, sagte Kaesbach. Pieck warf den Kassen vor, dabei auch Arzneimittel zu erstatten, die nicht in Deutschland, sondern nur in England zugelassen seien.

PZ-Artikel von Daniel Rücker, Frankfurt    

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