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Regierung warnt Pharmafirmen vor Mauscheleien

08.04.2002
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Regierung warnt Pharmafirmen vor Mauscheleien

von Daniel Rücker, Eschborn

Bundesregierung und Pharmaindustrie liegen wegen der Aut-idem-Regelung im Clinch. Die Industrie nutzt Lücken im Gesetz, um ihren Ertrag zu sichern.

Nach der im Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz festgelegten Regelung sollen Apotheker ein Präparat aus dem unteren Preisdrittel abgeben, wenn der Arzt die Substitution durch den Apotheker auf dem Rezept nicht ausschließt. Die Grenze des unteren Preisdrittels von austauschbaren Produkten eines Wirkstoffes entspricht dem Drittel der Differenz zwischen den Durchschnittspreisen der drei preiswertesten und der drei teuersten Präparaten einer Gruppe. In den kommenden Monaten sollen die Preislinien festgesetzt werden. Danach werden sie einmal im Quartal angepasst.

Der jetzt ausgebrochene Streit zwischen Regierung und Industrie war absehbar. Bereits bevor das Gesetz in Kraft getreten war, hatte die Industrie vor einem dramatischen Preisverfall gewarnt, bedingt durch die quartalsweise Anpassung des unteren Preisdrittels. Bekannt war aber auch die Manipulierbarkeit des Preisdrittels, denn zu seiner Berechnung werden alle gelisteten Präparate unabhängig von ihrer Verfügbarkeit im Markt herangezogen. Genau dies versucht die Industrie nun auszunutzen. Generikahersteller können neue Produkte zu sehr hohen Preisen anbieten. Diese werden zwar nicht verordnet, bewahren aber die Gruppe vor dem schnellen Absinken des Preisdrittels. Experten hatten das Bundesgesundheitsministerium bereits im Vorfeld vor diesem Effekt gewarnt, allerdings ohne Erfolg.

Suche nach Umgehungsstrategien

Laut Berichten suchen die Pharmafirmen neben der Preisgestaltung auch nach anderen Umgehungsstrategien. Geplant sei etwa, neue Packungsgrößen zu schaffen. Diese würden nicht mehr als vergleichbar gelten und könnten nicht ausgetauscht werden.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und der parteilose Wirtschaftsminister Werner Müller zeigten wenig Verständnis für die Kreativität der Industrie. Eindringlich warnte Schmidt die Pharmaindustrie davor, das Sparpaket zu unterlaufen. Man werde notfalls alle rechtlichen Möglichkeiten ergreifen, sagte ein Ministeriumssprecher am vergangenen Mittwoch in Berlin.

Bereits am Vortag hatte Bundeswirtschaftsminister Werner Müller seinen Unmut über die Tricks der Pharmaindustrie deutlich gemacht. "Ich beobachte da einiges mit Missvergnügen", hatte er am Rande einer Veranstaltung in Berlin festgestellt. Die Bundesregierung sei bei der Kostendämpfung für Arzneimittel dezent vorgegangen. Wenn die Pharmaindustrie dies mit listigen Maßnahmen unterlaufe, müsse die Regierung zu anderen Strategien greifen.

BPI weist Vorwürfe zurück

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) bestreitet, das Arzneimittelsparpaket mit Tricksereien zu unterlaufen. Das Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz sei unausgegoren. Der Industrie sei kein Vorwurf zu machen, wenn sie sich als "kreativ und wettbewerbsfähig" erweise und ihre Möglichkeiten im Rahmen des Gesetzes ausnutze, stellte BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp klar.

Mit ihren Aktionen wollten die Unternehmen vor allem auf die mangelnde Ausgegorenheit des Gesetzes aufmerksam machen, so Fahrenkamp. Für die angedrohten Gegenstrategien der Politik hat er kein Verständnis. Schon heute kämen 60 Prozent der in Deutschland verordneten Arzneimittel aus dem Ausland. Weitere Sparmaßnahmen würden diesen Trend noch weiter verstärken. Top

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