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Sprengsatz für die GKV

26.03.2001
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Sprengsatz für die GKV

von Christiane Berg, Hamburg

Auf die Folgen des "Double-Aging"-Prozesses (steigende Lebenserwartung, anhaltender Geburtenrückgang) und den damit verbundenen demographischen Sprengsatz für die Gesetzliche Krankenversicherung verwies während der Interpharm am 18. März in Hamburg Professor Volker Ulrich, Greifswald.

Er zeigte Berechnungen, die unter ausschließlicher Berücksichtigung von Altersaspekten eine Steigerung des Beitragssatzes der GKV auf ein Niveau von 14 bis 16 Prozent als realistisch ansehen. Andere Schätzungen gehen von 30 Prozent im Jahr 2050 aus. Ulrich: "Das wird nicht mehr finanzierbar sein."

Der Ökonom prognostizierte eine Zunahme der Ein-Personen-Haushalte und eine gravierende Änderung im Konsum- und Freizeitverhalten. Der klassische Familienverband löse sich auf. Dieses werde Auswirkungen auf die Pflege mit sich bringen, die immer öfters delegiert wird. Die Zunahme der Lebenserwartung alle zehn Jahre um ein bis eineinhalb Jahre sei unter Finanzierungsaspekten dramatisch hoch. "Wir altern nicht nur, wir schrumpfen auch", sagte der Referent. Zur Erhaltung des Bevölkerungsbestandes müssten 33 Prozent mehr Kinder als derzeit geboren werden. Die aktuelle Geburtenziffer von 1,4 pro Frau liegt weit unter der notwendigen Ziffer von 2,08. Vor 100 Jahren vermerkten die Statistiker eine Ziffer von 3,5 gelegen.

Der Hochschullehrer nannte Wanderungsbewegungen als dritte Determinante der Veränderung der Bevölkerung. Anfang der 90er Jahre habe man 800 000 Netto-Zuwanderungen verzeichnet. Eine Lösung des demographischen Problems sei jedoch nur durch mehr als eine Million Nettozuwanderungen pro Jahr herbeizuführen. Darüber hinaus müssten die Zuwanderer entsprechende Qualifikationen und Fähigkeiten zur Integration in den Arbeitsmarkt mit sich bringen. Und dies sei aber, so Ulrich, "unrealistisch".

"Durch Aussitzen lässt sich das Problem nicht lösen"

Ulrich machte den technischen Fortschritt mit Produkt- und Prozessinnovationen bei gleichzeitiger Nulltarif-Mentalität für den steilen Anstieg der Kosten verantwortlich. Diese vervier- bis versechsfachen sich in höheren Altersklassen, explodieren in den letzten Monaten vor dem Tod (Restlebenszeiteffekt). Als kurzfristige Optionen zur Bewältigung der Alters- und Fortschrittsfalle nannte er die Fortsetzung der Kostendämpfungspolitik, steuerpflichtige Gesamteinkommen, Abschaffung beitragsfreier Mitversicherung sowie Abschaffung oder Einfrieren der Arbeitgeberbeiträge."7000 Einzelgesetze in den letzten 25 Jahren haben keine Lösung gebracht. Wir müssen grundsätzliche Anreize schaffen." Kapital- in Ergänzung zur Umlagedeckung, Eigenverantwortung statt Solidarität, Wettbewerb statt Regelung: Nur so seien grundsätzliche Reformen zu erzielen. Ulrich: "Durch Aussitzen lässt sich das Problem nicht lösen. Im Gegenteil: Es geht Zeit verloren; das Alter schreitet automatisch voran." Top

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