Pharmazeutische Zeitung online

OTX im Sturzflug

01.03.2004
Datenschutz bei der PZ

OTX im Sturzflug

von Daniel Rücker, Frankfurt am Main

Die Gesundheitsreform hat den OTC-Markt dramatisch verändert. Ärzte verordnen fast keine nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel mehr. Immerhin bewahren die Apotheker einen kühlen Kopf. Die befürchtete Preisschlacht ist bislang ausgeblieben.

„Im Vergleich zum Vorjahr sind die Umsätze mit zu Lasten der GKV verordneten nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in den ersten sieben Wochen des Jahres um 67 Prozent zurückgegangen“, stellte Jürgen Petersen von IMS-Health bei einer Euroforum-Veranstaltung in Frankfurt am Main fest. Die Zuwächse in der Selbstmedikation um knapp 5 Prozent und bei Privatrezepten (plus 43 Prozent) habe die Verluste nicht kompensieren können. Bislang stehe ein Minus von 16 Prozent zu Buche.

Ein Teil des Umsatzrückganges sei auf Vorratskäufe im Dezember 2003 zurückzuführen, räumt Petersen ein. Doch auch ohne diesen Effekt wäre der Markt geschrumpft. Für eine Prognose, wie sich die Selbstmedikation weiter entwickeln werde, sei es allerdings noch zu früh. Dies werde man erst in einigen Wochen absehen können.

Grund für den deutlichen Rückgang ist die Verunsicherung der Ärzte. Bis die Ausnahmeliste für weiterhin verordnungsfähige Selbstmedikationsarzneimittel (OTX) am 1. April in Kraft tritt, müssen sie jede Verordnung begründen. Angesichts eines knappen Zeitbudgets gehen viele aber den einfacheren Weg und verordnen ein verschreibungspflichtiges Präparat.

Zudem müssen Ärzte mit einem Regress der Krankenkasse rechnen, falls diese die Begründung der OTX-Verordnung nicht akzeptiert. Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe Dr. Wolfgang-Axel Dryden sieht im GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) deshalb auch eine massive Einschränkung der Therapiefreiheit, vor allem der Hausärzte. Dryden: „Ein Großteil der in der hausärztlichen Praxis eingesetzten Arzneimittel dürfen wir nicht mehr verordnen.“

Tun sie es doch, dann müssen ihre Entscheidungen schwammigen Kriterien standhalten. Die für die Erstattungsfähigkeit entscheidenden Begriffe „Therapiestandard“ und „schwerwiegende Erkrankung“ seien keinesfalls eindeutig definiert. Das vollmundige Versprechen von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, dass Ärzte alles notwendige weiterhin verschreiben dürfen, nimmt Dryden nicht ernst.

Auch von der Ausnahmeliste verspricht sich der Hausarzt keine große Verbesserung der Situation. Die Liste ist eng begrenzt und bei einigen Präparaten wurden wichtige Indikationen weggelassen. So beklagt Dryden, dass ASS lediglich zur Rückfallprophylaxe nach Infarkt oder Schlaganfall, nicht aber zur Prophylaxe bei Angina pectoris eingesetzt werden dürfe.

Grünes Rezept sinnvoll

Angesichts der unbefriedigenden Situation haben Apotheker, Ärzte und Pharmaindustrie ein neues Rezeptformular, das grüne Rezept entwickelt. Auf ihm können Ärzte, vergleichbar mit einem Privatrezept, OTC-Arzneimittel verordnen. Der Patient kann dieses Rezept in der Apotheke einlösen, muss die Kosten aber selbst tragen.

Das grüne Rezept ähnelt dem GKV-Rezept. Nach Aussage von ABDA-Vizepräsident Heinz-Günter Wolf ist diese Ähnlichkeit bewusst gewählt worden. So soll dem Patienten verdeutlicht werden, dass es sich dabei nicht um eine unverbindliche Empfehlung des Arztes, sondern um einen notwendigen Bestandteil der Therapie handelt. Auch Dryden hält das grüne Rezept für sinnvoll. Es könne verhindern, dass die Selbstmedikation in Zukunft völlig an den Ärzten vorbeilaufe.

Wolf hält die Kooperation von Ärzten und Apothekern in diesem Bereich für sinnvoll. Mit Blick auf die Hausapotheke sei es wichtig, dass Apotheker und Arzt das Medikationsprofil des Patienten kennen. Dazu zählten selbstverständlich auch die auf grünem Rezept verordneten Präparate.

Ein weiterer Weg, die Therapie mit nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu stützen, seien private Zusatzversicherungen der Krankenkassen. Zusammen mit privaten Krankenversicherungen planten viele Kassen Angebote für die Erstattung von Zahnersatz, Heilmitteln oder OTC-Arzneimitteln. Bei der Erstattung von OTC-Arzneimitteln gebe es sogar einige Kassen, die über Versicherungen nachdächten, die auch die Kosten für vom Apotheker abgegebene Präparate übernehmen wollen. An dieser Stelle endete für Dryden allerdings das Verständnis.

Stabile Preise

Wolf zeigte sich hocherfreut über die Umsicht der Apotheker bei der Preisgestaltung. Nach den Zahlen von IMS haben 95 Prozent der Apotheken die OTC-Preise nach der Freigabe nicht verändert. Nur in vier Prozent der Apotheken sanken Preise auf einzelne Präparate, in der Regel zwischen 6 und 9 Prozent. Einige wenige Apotheker haben die Preise sogar angehoben. Wolf: „Die Apotheker haben erkannt, dass Preismarketing nichts bringt.“

Nach der Umstellung der Preisverordnung sei auch ökonomisch unsinnig mit billigen OTC-Arzneimitteln Kunden in die Apotheke zu locken, um so den Umsatz mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln anzukurbeln. „Rezeptpflichtige Arzneimittel decken heute nur noch die Betriebskosten, wer Geld verdienen möchte, muss auch Erträge im OTC-Bereich erwirtschaften.“

Das Ausbleiben des Preiskampfes ist auch im Interesse der Industrie. Dr. Klaus Kluthe von Bayer Vital und Leo Mauren von Roche Consumer Health stellten klar, dass die Pharmaunternehmen kein Interesse daran hätten, wenn Apotheker ihre Ware verramschen.

Die Erfahrungen in Großbritannien zeigten, dass Preisdumping im OTC-Bereich auf der Anbieterseite ausschließlich Verlierer produziere. In Großbritannien führte die Preisfreigabe zu einem intensiven Preiswettbewerb in den Verbrauchermärkten. Das Resultat war ein drastischer Ertragsrückgang, da die geringeren Spannen nicht über eine Umsatzausweitung kompensiert werden konnten. Die selbstständigen Apotheken in Großbritannien beteiligten sich nicht an den Rabattschlachten. Sie mussten zwar einen Umsatzrückgang verkraften, der Ertrag sank jedoch weitaus weniger als in den Supermärkten.

Die Pharmafirmen fürchten auch, dass ein aggressives Preismarketing in Apotheken den Wert ihrer Marken beschädigen würde. Dies hätte nicht nur für Hersteller, sondern auch für die Apotheken erhebliche Konsequenzen, denn im stagnierenden OTC-Markt waren es allein die starken Marken, die ein noch schlechteres Ergebnis verhinderten.

Discountangebote würden neben den Marken auch das Image der Apotheke beschädigen. Wenn Apotheken mit intensiver Preiswerbung den Eindruck eines Schnäppchenmarktes erzeugen würden, stellte sich die Frage, ob es nicht nur konsequent sei, die Apothekenpflicht für OTC-Arzneimittel aufzuheben. Nicht wenige Experten vermuten, dass die Bundesregierung bei der Preisfreigabe diese Entwicklung bereits im Hinterkopf hatte.

 

Phytopharmaka besonders betroffenPZ  Von der Ausgrenzung nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel aus der Erstattungsfähigkeit sind pflanzliche Präparate in besonderem Maße betroffen. Nach IMS-Zahlen entfallen in deutschen Apotheken 99 Prozent des Phyto-Umsatzes auf rezeptfreie Medikamente.

Zudem haben viele Produktgruppen einen relativ hohen Verordnungsanteil. So wurden nach Umsatz laut IMS im vergangenen Jahr 45,4 Prozent der Johanniskraut-Präparate zu Lasten der GKV verordnet. Bei Ginkgo biloba waren es 37,1 Prozent, Primula brachte es auf immerhin 28,8 Prozent.

Da die Arzneimittel zum Teil recht hochpreisig sind, dürfte ein Ausgleich über die Selbstmedikation schwierig sein. Chancen auf einen nennenswerten GKV-Anteil hat am ehesten Johanniskraut, das auf der Vorschlagsliste der Erstattungsfähigen OTC-Arzneimittel steht. Allerdings in der Indikation „mittelschwere Depressionen“, für die die weitaus meisten der 297 am Markt befindlichen Produkte keine Zulassung vorweisen können.

  Top

© 2004 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa