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Einfluss auf die Politik nehmen

28.01.2002  00:00 Uhr
PHARMACON DAVOS 2002

Einfluss auf die Politik nehmen

von Ulrich Brunner und Hartmut Morck, Davos

Neben der pharmazeutischen Fortbildung stand während des Davoser Pharmacons traditionell auch die Berufspolitik auf dem Programm. In diesem Jahr hatten sich die Organisatoren etwas Besonderes einfallen lassen: Schon vor der Veranstaltung konnten die Kongressteilnehmer Fragen an die Berufspolitiker auf einem Zettel notieren.

Rund 600 Apothekerinnen und Apotheker nahmen schließlich an der Diskussion teil. Immerhin 80 Anfragen gab Dr. Jürgen Meyer-Wilmes als Anwalt des Publikums an BAK-Präsident Johannes M. Metzger, ABDA-Präsident Hans-Günter Friese und den DAV-Vorsitzenden Hermann Stefan Keller weiter. Zentrale Themen waren einmal mehr Versandhandel mit Arzneimitteln, Aut idem und die Arzneimittelpreisverordnung.

Es sei übertrieben, von einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen zu sprechen, stellte ABDA-Geschäftsführer Dr. Frank Diener in seinem einleitenden Statement fest. Zwar stiegen die Ausgaben der Krankenkassen in den letzten Jahren kontinuierlich, die Bundesrepublik stehe aber im Vergleich zu anderen europäischen Nachbarn und den USA gar nicht so schlecht da. Nationen, die den Versand von Arzneimitteln legalisiert haben, hätten die Kosten ihres Gesundheitssystems deutlich schlechter im Griff. Dennoch versuchten verschiedene Interessengruppen mit Hilfe von Gutachten, "die meist voneinander abgeschrieben sind", Stimmung gegen das bestehende System zu machen.

Nicht die Preis- oder Mengenkomponente, sondern die Strukturkomponente sei die zentrale pharmapolitische Steuerungsgröße der Zukunft, betonte Diener. Diese dürfe man jedoch nicht auf ein Vertriebsproblem reduzieren. Strukturänderungen müssten die Arzneimittelversorgung insgesamt effizienter gestalten. Diener: "Versandhandel funktioniert nur mit Rosinenpickerei, er reduziert aber nicht die Gesamtkosten".

Plädoyer für besseres Zuzahlungsmanagement

Die ABDA wolle mit ihrem Konzept die Strukturkomponente intelligent steuern, resümierte der ABDA-Geschäftsführer. Neben einer weitergehenden Aut-idem-Regelung und dem elektronischen Arzneimittelpass plädiere die Bundesvereinigung auch für ein besseres Zuzahlungsmanagement. Anstelle des Versandhandels will man das bestehende System modifizieren und Patienten bei Bedarf mit einem pharmazeutischen Botendienst versorgen.

Diener schlug zudem Änderungen bei der Arzneimittelpreisverordnung vor. Das Preisbildungssystem stabilisiere die Gesamtausgaben und müsse daher unbedingt erhalten werden. Allerdings sollten die einzelnen Taxstufen angepasst werden, da immer mehr teure Arzneimittel verordnet würden.

Dieners Ausführungen waren eine gute Grundlage für die anschließende Diskussion, an der sich viele Teilnehmer nicht nur mit schriftlichen Anfragen, sondern auch direkt beteiligten. Positiv anzumerken ist, dass die Diskussion sehr sachlich verlief und die von interessierten Kreisen postulierte Distanz zwischen Verbandsobersten und der Basis nicht zu spüren war.

Ein Schwerpunkt der von Meyer-Wilmes zusammengefassten Fragen war der Versandhandel. Sie gaben die Angst und Befürchtungen der Basis wider. Da der Versandhandel noch nicht beschlossen sei, gelte es jetzt die Politiker darauf aufmerksam zu machen, dass eine Freigabe des Versands zu einer generellen Systemveränderung führe, bekräftigten Keller, Friese und Metzger. Die ABDA will bereits im Vorfeld auf die gesundheitspolitischen Wahlprogramme der Parteien Einfluss nehmen. Inzwischen könne man zumindest feststellen, dass einige Politiker nachdenklicher geworden sind.

Kritik aus dem Auditorium gab es in Sachen Aut idem, Erhöhung des Kassenabschlags von fünf auf sechs Prozent und der Importregelung. Auch die ABDA sei mit der Aut-idem-Regelung des AABG nicht zufrieden. Man müsse sie aber als Einstieg in eine weitergehende Regelung innerhalb einer großen Gesundheitsreform sehen. Auf diese werde die ABDA verstärkt Einfluss nehmen. Wie die Aut-idem-Regelung ist auch die Rabatterhöhung auf zwei Jahre begrenzt und soll dann neu verhandelt werden. In diesem Zusammenhang wies Friese noch einmal darauf hin, dass ursprünglich der umsatzgezogene Rabatt geplant war. Es sei auch ein Erfolg der ABDA, dass er wieder gestrichen und die Erhöhung auf zwei Jahre befristet wurde.

Importregelung kritisiert

Die Kritik aus dem Auditorium an der Importregelung bestätigte der DAV-Vorsitzende Keller. Sie sei nicht praxisgerecht. Der Verband hatte allerdings keine Möglichkeit sie zu verhindern, da sie von der Schiedsstelle den Apotheken aufgedrückt worden sei. Wegen der Unstimmigkeiten müsse auf jeden Fall nachverhandelt werden. Keller wies auf Nachfrage ausdrücklich darauf hin, dass bei Krankenkassen bis zu einem gewissen Umsatz, die Quotenregelung nicht zum Tragen komme. Außerdem blieben Rezepturen und Sprechstundenbedarf unberücksichtigt. Die Regelung dürfe darüber hinaus nur bei Fertigarzneimittel angewendet werden. Der DAV-Vorsitzende stellte außerdem fest, dass Aut idem im Widerspruch zur Importregelung stehe. Der DAV denke darüber nach, die Regelung nach einem Jahr wieder zu kündigen.

In Sachen Arzneimittelpreisverordnung ist die ABDA bestrebt, diese fortzuschreiben und an die Entwicklungen anzupassen. Diskutiert würde über eine Drehung. Ein Freigabe der Preise bei den OTC-Produkten lehnt die ABDA-Spitze grundsätzlich ab.

Natürlich wurde aus dem Publikum auch der Kauf des Hauses in Berlin angesprochen. Ein Diskussionsteilnehmer forderte, bei der Entscheidung die Basis einzubinden. Dieser Forderung wurde bereits aus dem Publikum widersprochen. Friese machte deutlich, dass die ABDA nach dem Prinzip der repräsentativen Demokratie aufgebaut sei und dass alle Mitgliedsorganisationen in den Entscheidungsprozess eingebunden waren. Immerhin hätten am 30. Oktober 2001 auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung 73 Prozent der Mitglieder zugestimmt. Die Kritik, einen "Protzbau" gekauft zu haben, wies Friese zurück. Das Haus in der Jägerstraße sei unter zwanzig geprüften Objekten ausgesucht worden. Man solle selbstbewusst in dem Berliner Haus Lobby-Arbeit betreiben. Der Kauf soll die Interessenvertretung des Berufsstandes stärken. Andere Verbände und Beteiligte am Gesundheitswesen hätten der ABDA inzwischen zu ihrem Berliner Domizil gratuliert.

Die ABDA strebt die Solidarität aller im Gesundheitswesen Beteiligten an. Als kleiner Berufsstand werde man allerdings nur Erfolg haben, wenn man an sich selbst hohe Anforderungen stellt. Qualitätsmanagementsysteme, zertifizierte Fortbildung und Weiterbildung sollten diesen Anspruch auch nach außen dokumentieren. Als Beispiel sei der "Tag der Apotheke" zu nennen. Stellungnahmen der Berufsorganisationen seien auch im Internet zu finden und könnten vor Ort als Argumentationshilfen genutzt werden. 2002 stehen politische Themen im Vordergrund, sagte Elmar Esser, Leiter der ABDA- Öffentlichkeitsarbeit. Ein Streik könne allerdings nur die Ultima ratio der politischen Einflussnahme sein, sagte Friese. Der ABDA-Präsident schloss ein solches Mittel aber nicht grundsätzlich aus, wenn alle anderem Versuche des Berufsstandes, die zukünftige Arzneimittelversorgung positiv mitzugestalten, ins Leere gingen. Ziel der ABDA sei es, den Apotheker als freien Heilberuf zu erhalten beziehungsweise zu stärken.

Diener gliederte sein Referat in insgesamt zehn Thesen, die wir anbei für Sie zusammengefasst haben. 

 

Zehn Thesen zur Arzneimittelversorgung

  • These 1
    Die USA und andere Länder, die mit multiplen Vertriebssystemen arbeiten, "managen" die Entwicklung ihrer Gesundheitsausgaben eindeutig schlechter als Deutschland. Es gibt keine empirische Evidenz dafür, dass die Erlaubnis von Ketten- und Versandapotheken in Verbindung mit einer Freigabe der Arzneimittelpreise die Ausgabenentwicklung besser als das jetzige System steuern würde. Die empirische Evidenz spricht vielmehr dafür, dass das Gegenteil der Fall ist.
  • These 2
    Nicht die Preis- oder Mengenkomponente, sondern die Strukturkomponente ist die zentrale pharmapolitische Steuerungszielgröße der Zukunft. Sie kann realistischerweise nicht auf Null reduziert werden, sondern liegt im Bereich von 5 Prozent pro Jahr. Die entscheidende pharmapolitische Frage ist also: Wie gehen wir am besten mit ihr um? Oder im Hinblick auf Reformoptionen als Benchmarkfrage formuliert: Würde mit der beabsichtigten Maßnahme ein Beitrag geleistet, die Strukturkomponente besser als bisher in den Griff zu bekommen?
  • These 3
    Die Strukturkomponente kann nicht auf ein bloßes Vertriebsproblem reduziert werden: Die komplette Wertschöpfungskette ist involviert und der Nicht-Vertriebsbereich partizipiert mit 71,5 Prozent deutlich stärker als der Vertriebsbereich. Insofern werden über Sozialneid motivierte Ansätze scheitern, die die bessere Beherrschung der Strukturkomponente über Vertriebsreformen versuchen.
  • These 4
    Ein wie auch immer neu gestaltetes System des Arzneimittelvertriebs müsste, um als vorteilhaft gegenüber dem jetzigen System bezeichnet werden zu können, die GKV-Arzneimittelversorgung zu insgesamt günstigeren Konditionen als das heutige System bewerkstelligen. Wenn ein alternatives System jedoch nur punktuell günstiger ist, kann nicht von einer Vorteilhaftigkeit gesprochen werden.
  • These 5
    Trotz häufiger medialer Nennung sind "eingängige" Reformoptionen zur Arzneimittelversorgung (wie zum Beispiel Versandhandel, Preisfreigabe, ärztliches Dispensierrecht) im Hinblick auf die bessere zukünftige Steuerung der Strukturkomponente untauglich. Wer das ignoriert, wird später lernen, dass harte Fakten nicht demokratisierbar sind.
  • These 6
    Die bisherige Strategie der Arzneimittelpolitik, bei der Weiterentwicklung des Arzneimittelmanagements (fast) ausschließlich auf den Arzt zu setzen, hat sich erschöpft. Im Hinblick auf die bessere Beherrschbarkeit der Strukturkomponente macht es Sinn, endlich auch verstärkt auf den Apotheker zu setzen und neue strategische Ansätze wie Pharmazeutische Betreuung, (echtes) Aut idem et cetera zu nutzen.
  • These 7
    Arzneimittelpass und elektronisches Rezept haben als massenhafte Anwendungen eine "Schuhlöffelfunktion" für die Etablierung einer Telematikplattform im Gesundheitswesen, die nach konservativer Abschätzung jährliche Nettoeinsparpotenziale in Höhe von fast 500 Millionen Euro haben wird.
  • These 8
    Wer die Strukturkomponente besser beherrschen will als bisher, kann nicht auf eine verstärkte wirtschaftliche Eigenverantwortung der Patienten verzichten. Eine Reform des Zuzahlungssystems kann durchaus mit sozial angemessenen Befreiungsregelungen verbunden sein.
  • These 9
    Anstelle der generellen Zulassung des Versandhandels ist es sinnvoll, die bestehenden Regelungen zum "Botendienst in begründeten Einzelfällen" im Hinblick auf die neuen Telekommunikationsmedien zu ergänzen: Soweit apothekenpflichtige Arzneimittel über Telefon, Fax oder Internet bestellt werden und dem Patienten eine Abholung in der Apotheke nicht zugemutet werden kann, darf eine Zustellung nur durch pharmazeutisches Personal der Apotheke durchgeführt werden.
  • These 10
    Die sogenannte "Drehung" der Taxstufen der Arzneimittelpreisverordnung ist eine systemkonforme Alternative zur Einführung des Versandhandels und würde einen erheblich besseren Umgang mit der Strukturkomponente erlauben.

 

Die komplette Präsentation des ABDA-Geschäftsführers finden Sie hier (ppt-Format/200 kB). Top

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