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Apotheker sind keine Internet-Muffel

18.12.2000
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SYMPOSIUM

Apotheker sind keine Internet-Muffel

von Thomas Bellartz und Daniel Rücker, Bonn

In jüngster Zeit war aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) zu hören, es gehe nicht um die Frage, ob der Arzneimittelvertrieb über das Internet ermöglicht werden soll, sondern um Rahmenbedingungen, die einen sicheren und qualitativ hochwertigen Vertrieb gewährleisten. Doch genau dies halten die meisten Experten für unmöglich.

Auf einem gemeinsamen Symposium von BMG und ABDA am 13. Dezember in Bonn rief Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) zu einem "offensiven Umgang" mit dem Versandhandel via Internet auf. Internetapotheken seien eine Realität, man dürfe die normative Kraft des Faktischen nicht ignorieren, so die Ministerin.

Die Ministerin ließ aber auch keinen Zweifel daran, dass sie die heute agierenden Internet-Apotheken ablehnt. Arzneimittelsicherheit und Patientenschutz seien hier in keiner Weise gewährleistet. Auf der anderen Seite könne die Bundesregierung den offensichtlichen Wunsch mancher Menschen, Arzneimittel über das Internet zu bestellen, nicht ignorieren. Deshalb müssten in Absprache mit allen Betroffenen Regelungen gesucht werden, die die Verbraucher vor den Gefahren schützen.

Vermeiden will Fischer die von Internet-Apotheken angestrebte Rosinenpickerei. Es könne nicht angehen, dass diese sich allein auf teure Arzneimittel mit attraktiver Gewinnspanne beschränken und den öffentlichen Apotheken die weniger profitablen Präparate überlassen. Fischer: "Die Apotheker haben eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie gewährleisten, dass jeder Patient jedes benötigte Arzneimittel zeitnah erhält. Dies darf in keinem Fall gefährdet werden."

Verbraucherschützer empfehlen strenge Kriterien

Sympathien für Internet-Apotheken hat die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV). Thomas Isenberg, Referent für Gesundheitsdienstleistungen bei der AgV, verspricht sich vom Medikamentenverkauf im Internet Einsparungen, da die Arzneimittelpreise in Deutschland zu hoch seien.

Wie Fischer kritisierte Isenberg die real existierenden Internet-Apotheken. Testkäufe hätten gezeigt, dass die meisten Anbieter unseriös seien. Seine Organisation habe deshalb Kriterien für einen sicheren Internethandel aufgestellt. Darin fordert die AgV unter anderem eine Zulassung und Kontrolle von Internet-Apotheken durch die zuständigen Behörden. Ebenso müssten die Gesetze und Arzneimittelzulassungen des jeweiligen Empfängerlandes berücksichtigt werden. Die zugesandten Medikament müssen originalverpackt sein und mit einer Patienteninformation in der Sprache des Ziellandes versehen sein. Der Sitz einer solchen Internet-Apotheke müsse in der Europäischen Union liegen (die vollständigen Kriterien finden Sie unter www.agv.de).

Krankenkassen wollen mit den Internet-Apotheken sparen

Stärkster Befürworter von Internet-Apotheken ist nach wie vor der Bundesverband der Betriebskrankenkassen. Abteilungsleiter Wolfgang Kaesbach wünscht sich einen Wettbewerb zwischen niedergelassenen Apotheken und Internetversendern. Zertifizierte Internet-Apotheken könnten die Patienten ebenso sicher mit Arzneimitteln versorgen wie deutsche Apotheken. Voraussetzung sei, dass die Gesetze des Empfängerlandes sowie Daten- und Verbraucherschutz berücksichtigt würden.

Wie die Einhaltung der aufgestellten Kriterien kontrolliert werden soll, ließen Fischer, Isenberg und Kaesbach weitgehend offen. Industrie, Großhandel und Apotheker meldeten erhebliche Zweifel an, dass eine effiziente Kontrolle überhaupt möglich sei. ABDA-Präsident Hans-Günter Friese stellte klar, dass auch Wettbewerb zwischen den Distributionsformen unmöglich sei, da letztere immer Rosinenpickerei betrieben.

ABDA-Präsident warnt vor fatalen Folgen

Friese betonte, dass Arzneimittelsicherheit nur durch die Apotheke gewährleistet werden könne. Beim Versandhandel - und nichts anderes sei der E-Commerce - seien die Abgabe des Arzneimittels und die notwendige Beratung immanent voneinander getrennt. Dies berge grundsätzlich die Gefahr des Fehlgebrauchs. Die Sicherheitsstandards der deutschen Apotheken würden von Internet-Apotheken in keinem Fall erreicht.

Der ABDA-Präsident warnte davor, Qualität und Sicherheit ökonomischen Überlegungen unterzuordnen. Aktuell zeige die BSE-Krise, welche fatalen Folgen Abstriche bei den Sicherheitsstandards haben können. Deutschland und die meisten anderen EU-Staaten hätten sich bewusst für höchste Standards bei der Arzneimittelversorgung entschieden. Mit Versandhandel sei dies nicht vereinbar. Friese: "Wir sind der Ansicht, dass die Beibehaltung des Versandhandelsverbotes bei Arzneimitteln für den höchstmöglichen Sicherheitsstandard unverzichtbar ist."

Für den Verbraucher kann Friese ohnehin keine Vorteile des Versandhandels erkennen. Die deutsche Distributionskette mit ihrer hervorragenden Logistik gewährleiste, dass alle benötigten Medikamente innerhalb weniger Stunden in jeder deutschen Apotheke verfügbar seien. Dies übersteige die Leistungsfähigkeit der Internetversender bei weitem.

Über das gesamte Arzneimittelsortiment ließen sich mit dem Versandhandel auch keine Kosten einsparen. Die durchschnittliche Apothekenmarge liege heute bei 9 DM pro Arzneimittelpackung. Bei dieser Spanne sei der Versand nicht mehr profitabel. Betrachtungen einzelner Marktsegmente seien unredlich. "Es genügen keine Rechenbeispiele, die die Vorteilhaftigkeit von Rosinenpickerei belegen, sondern das Prüfkriterium für Kostengünstigkeit muss das Gesamtsystem sein."

Apotheker sehen im Internet große Chancen

Professor Dr. Rainer Braun, Geschäftsführer Pharmazie der ABDA, bezeichnete das Internet als "exzellentes Medium der Information und Kommunikation", das auch im Gesundheitswesen und dem Arzneimittelbereich eine herausragende Bedeutung erlangen werde. "Die Apotheker sehen daher in diesem neuen Medium eine große Chance, ihre Funktion als Arzneimittelinformant und –berater weiter auszubauen", betonte Braun den Nutzwert.

Daher plane man die Installation eines eigenen breit angelegten Gesundheitsportals. Schließlich seien "Apotheker keine Internet-Muffel". Über das von der ABDA geschaffene Portal könne der Nutzer Kontakt zu seiner Apotheke aufnehmen und dort auch Arzneimittel vorbestellen können. Die kann er dann im Sinne eines Pick up-Verfahrens bei seiner Apotheke abholen.

Der Komfort für den Nutzer könne nicht größer sein. Schließlich verfüge keine Internet-Apotheke über rund 21 000 Pick up-Stellen. Die Convenience der schnellen und kostengünstigen Arzneimittelversorgung werde durch das Internetangebot der deutschen Apotheker beziehungsweise durch die ABDA weiter verbessert. Braun: "Und dies, ohne dass ein Systembruch riskiert werden muss."

Braun widerlegte in seinem Statement zahlreiche, insbesondere von den Krankenkassen und den Internet-Apotheken ins Feld geführte Behauptungen. Insbesondere die Finanzierung und damit die Langfristigkeit und Zuverlässigkeit und letztendlich auch die tatsächlichen Sparpotenziale zog der ABDA-Geschäftsführer heftig in Zweifel. Er warnte davor, nur wegen der derzeit herrschenden Internet-Euphorie an Sinn machenden Maßstäben zu rütteln. Die Internetverpackung diene nur als Deckmantel, um wieder den Systemwechsel diskutieren zu können.

Ärzte befürchten Zerstörung der flächendeckenden Versorgung

Rückendeckung für die Apotheker kam aus der Ärzteschaft: "Mir wird schwindlig, wenn ich vom Missbrauch höre", warnte Dr. med. Jürgen Bausch für die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vor dem Handel mit Arzneimitteln im Internet. Natürlich sei ihm das Hemd näher als die Jacke, wenn er höre, dass die Krankenkassen auf diesem Weg unbedingt Geld einsparen wollen, und damit die Ärzte aus der Umklammerung der Budgetierung herauskämen.

Er erinnerte aber daran, dass Internet-Apotheken nur dann funktionierten, wenn ausnahmslos all die Kriterien angesetzt würden, die zu der qualitativ hochwertigen und sicheren Versorgung führten, wie sie heute existiere. Verglichen mit dem Aufkommen der Supermärkte und dem Verschwinden der Tante-Emma-Läden warnte er vor den Risiken, die flächendeckende Versorgung zu zerstören.

Der KBV-Vertreter verglich die Suche nach Lösungen in Bezug auf den E-Commerce mit Arzneimitteln mit seiner Tätigkeit als Arzt. Bausch wolle vor der Diagnose alle Symptome kennen lernen. Seien die aber nicht bekannt, sei auch keine sinnvolle Diagnose, schon längst keine Therapie möglich.

Gesetzgeber wird im Internet ausgeschaltet

"Neuen technologischen Entwicklungen kann man sich nicht verschließen." Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Berlin, ließ keinen Zweifel daran, dass dem Internet als Informationsmedium eine wichtige Rolle zustehe. Aber diejenigen gingen ein Schritt zu weit, die "so tun, als sei das bereits alles entschieden". Yzer betonte, das Internet sei nur das Medium, die Abgabe funktioniere indes ganz klassisch, nämlich in der Apotheke.

Im Internet seien die Regelungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der deutschen Gesetzgebers beinahe ausgeschaltet. Die Juristin monierte, dass es nicht darum gehe, einen gesetzlichen Rahmen zu definieren, sondern diesen auch durchzusetzen. Das sei das tatsächliche Problem mit Blick auf Internet-Apotheken.

Dies gelte es bei der Diskussion zu bedenken. Wolle man also die Internet-Apotheken, führe dies zu einem Mehrbedarf an Regulierung. Wenn die Internet-Apotheke kommen solle, dann nicht als paralleler Vertriebsweg, sondern in Konkurrenz zu den anderen Apotheken. Aber dann mit den gleichen Pflichten, besonders in Bezug auf Arzneimittelsicherheit, Versorgungsdichte und bei Vermeidung von Wettbewerbsverzerrungen.

Sie kritisierte vehement die von Kaesbach eingebrachten Zahlen. Es gebe wegen der verschiedenen nationalen Systeme keine Vergleichsmöglichkeiten. Und ob Internet-Apotheken zu tatsächlichen Einsparungen im System führen würden, sei nicht nachweisbar. Yzer verwies auch auf die Zielsetzung des AMG. Denn dort gehe es um den Verbraucherschutz. Der müsse gewährleistet sein. Und damit auch die Versorgung der Patienten.

Scharfe Angriffe gegen Kassen

Für den Bundesverband des Pharmazeutischen Großhandels – Phagro, erklärte Jürgen Ossenberg, man sage Ja zu Arzneimittelinformationen und –bestellungen via Internet. "Aber ein klares Nein zum Versandhandel mit Arzneimitteln." Ossenberg attackierte insbesondere Kaesbach und dessen Zahlenmaterial heftig. Er hinterfragte auch die wirtschaftliche Basis und damit die Zuverlässigkeit der Internet-Apotheken.

Die Redebeiträge von ABDA-Präsident Hans-Günter Friese und dem ABDA-Geschäftsführer Pharmazie, Professor Dr. Rainer Braun, finden Sie unter www.abda.de.

 

Die Mähr vom fairen Wettbewerb - Kommentar

Krankenkassen und Verbraucherverbände denken über einen fairen Wettbewerb zwischen niedergelassenen Apotheken und Internet-Apotheken nach. Oder richtiger: Sie wünschen ihn sich. Denn wirklich nachgedacht haben sie nicht.

Fairen Wettbewerb könnte es nur geben, wenn beide Seiten exakt dieselben Voraussetzungen hätten. Dann müssten Internet-Apotheken das gesamte Arzneimittelsortiment anbieten, Verordnungen erst nach Eingang des Originalrezeptes beliefern, Nacht- und Wochenenddienst leisten sowie die sämtliche gesetzlichen Auflagen beachten, die in deutschen Apotheken die Arzneimittelsicherheit regeln. Die nationalen Behörden müssten dies genauso streng überwachen, wie sie es bei öffentlichen Apotheken tun. Zu guter Letzt müsste - unseren Finanzminister wird's kaum freuen - die Mehrwertsteuer für Arzneimittel europaweit einheitlich sein.

Niemand kann dies ernsthaft für realistisch halten. Wie soll eine lückenlose europaweite Kontrolle von Internet-Apotheken funktionieren? Dazu schweigen auch die Befürworter des Internethandels. Völlig unklar ist, nach welchem Recht Verstöße geahndet werden sollen. Das Gesundheitswesen regeln die EU-Staaten national und dafür gibt es gute Gründe. Außerdem: Internet-Apotheken kokettieren gerne damit, dass sie Rosinenpicker seien. Dies ist ihr Geschäftsprinzip, nur so können sie ihre Produkte billiger anbieten als richtige Apotheken. Fairer Wettbewerb wird deshalb eine Mähr bleiben.

Die Forderung nach Wettbewerb ist auch scheinheilig, zumindest von Seiten der Krankenkassen. Sie sind allein an Einsparungen interessiert und wissen genau, dass Internet-Apotheken, die dieselben Auflagen wie deutsche Apotheken erfüllen, kein Geld mehr sparen lässt. Sicherheit hat ihren Preis, aber den wollen manche Kassenfunktionäre nicht mehr bezahlen. Zahlen müssten letztlich die Patienten. Nicht mit Geld, sondern mit ihrer Gesundheit. Hoffentlich erkennen Ministerin Fischer, die Kassen und die Verbraucherverbände rechtzeitig, dass sie mit ihren Ideen auf einem gefährlichen Weg sind.

Daniel RückerTop

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