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Mit Geschick und Improvisationsvermögen

18.10.1999
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-PolitikGovi-Verlag

SERIE "PROFILE"

Mit Geschick und Improvisationsvermögen

von Christiane Berg, Seelze

"Apotheker mit Leib und Seele". Wenn dieser Satz zutrifft, dann auf ihn. Pharmazierat Constantin Meyer hat sich der Arzneimittelherstellung und pharmazeutischen Analytik verschrieben. Mit der Erweiterung der bereits vorher großzügig ausgestatteten Apotheke um zusätzliche 450 Quadratmeter Labor- und Fabrikationsräume zu Beginn dieses Jahres erfüllte er sich einen lang gehegten Jugendtraum.

Schon immer seien es die Galenik und die Analytik gewesen, die ihn faszinierten, so der Pharmazeut, der über großes handwerkliches Geschick verfügt und sich auch eine Ausbildung als Feinmechaniker hätte vorstellen können. Bis in das Jahr 1810 jedoch kann seine Familie Apotheker vorweisen. Nicht zufällig studierte Meyer somit in Freiburg Pharmazie, um 1973 den Betrieb seines Vaters, Apotheker Carl-Oscar Meyer, in Seelze bei Hannover zu übernehmen.

Erwerb galenischer Kenntnisse als Autodidakt

Durch unentgeltliches Arbeiten in zahlreichen Stada-Lizenz- und Liefer- beziehungsweise Krankenhausapotheken, als auch im Rahmen etlicher APV-Kurse hatte er im Vorfeld seine "Praktikumsjahre quasi erweitert" und sich als Autodidakt tiefer gehende Kenntnisse zur Tablettierung und Dragierung angeeignet. 1973 erhielt Meyer gemäß § 15 Arzneimittelgesetz (AMG) die Befugnis zum Herstellungs- und Kontrollleiter. Ein Jahr später wurde der Kreuz-Apotheke gemäß § 13 AMG die Genehmigung zur Herstellung und Analytik von Arzneimitteln erteilt.

Manche Nacht durchgearbeitet

Als Kontrollleiter der Vegetabilien-Großhandlung Galke in Gittelde ist Meyer seit 1974 für die Überprüfung der Qualität und Reinheit der dort vertriebenen Pflanzen und Kräuter zuständig. Herba millefolii, Cortex Quercus, Folia melissae: In vielen Fällen und besonders bei ätherischen Öl-Drogen gilt es bis zu 36 Parameter zu bestimmen. Mit Unterstützung von Bernhard Feldick, der sich als PTA auf dem Gebiet der Analytik spezialisiert hat, sowie Apothekerin Nina Lotz prüft Meyer zur Erstellung entsprechender Zertifikate nicht nur Reinheit und Gehalt, sondern bestimmt mit Hilfe der Gaschromatographie auch Pestizidrückstände.

Das Gros der Drogen geht zumeist im November nach der Ernte in der Apotheke ein. Bis Februar wird dann auch mal "die eine oder andere Nacht durchgearbeitet". Ehefrau Rosemarie Meyer, die die im selben Haus ansässige Kreuz-Drogerie führt, trägt es mit Fassung, auch wenn sich, wie sie sagt, Ruhe in den vergangenen Jahren kaum einstellte und die Ereignisse sich hin und wieder überschlugen.

Entwicklung pelletierter Arzneiformen

Bereits 1974 wurde Meyer Vorsitzender des PTA-Prüfungsausschusses bei der Bezirksregierung, die ihn 1980 zum Pharmazierat ernannte. Im gleichen Jahr ist er darüber hinaus Vorsitzender des Helferinnen-Prüfungsausschusses der Apothekerkammer Niedersachsen geworden. Nach einer Tätigkeit in der Analytik und Herstellung der Bundeswehrapotheke Detmold erhielt er 1976 den Rang eines Oberstabsapothekers der Reserve. 1983 wurde Meyer, der seit 15 Jahren auch Beiratsvorsitzender der Stada ist, Mitglied der Kammerversammlung, der er heute noch angehört.

Zusammen mit dem Apotheker Dr. Martin Wischniewski gründete der Seelzer Apotheker 1986 die Firma Medica Meyer zur Entwicklung pelletierter Arzneiformen, die 1992 an die Pharbil Bielefeld, vormals Rorer GmbH, ging. Im Zuge der damaligen Neugründung wurde 1987/88 das Haus Hannoversche Straße 1 in Seelze entkernt und umgebaut, um Platz nicht nur für weitere Laborräume, sondern auch für eine Haut- sowie eine Kinderarztpraxis zu schaffen.

Völlig neue Gaserzeugung

1988 ernannte der niedersächsische Sozialminister die Kreuz-Apotheke, in der zur Zeit auf insgesamt 1000 Quadratmetern 20 Mitarbeiter beschäftigt sind, zur Weiterbildungsstätte für die Gebiete "Offizin-Pharmazie", "Pharmazeutische Analytik" und "Pharmazeutische Technologie".

Die Übernahme weiterer Tätigkeiten als Kontroll- beziehungsweise Herstellungsleiter unter anderem der Firmen Logona in Salzhemmendorf, der Georg A. Reinecke GmbH in Hannover beziehungsweise der Firma Chinosol als Tochter der Riedel de Haen AG in Seelze machte den Ausbau der immer umfangreicher werdenden Analytik erforderlich.

Zur effizienteren Pestizid-Rückstandbestimmung wurden schließlich die Anlagen zur Gaschromatographie erweitert und eine völlig neuartige Gaserzeugung realisiert. Heute liefern drei Generatoren die zur Analytik notwendigen Gase Wasserstoff, synthetische Luft und Stickstoff. Die Gesamtanlage arbeitet nach Aussage des Herstellers völlig störungs- und explosionssicher, da nur die für den augenblicklichen analytischen Prozess benötigte Gasmenge erzeugt wird. Die Qualität der Gase entspricht höchsten Reinheitsanforderungen.

Experte für Spezialrezepturen

Im Bereich der Arzneimittel-herstellung werden derzeit nicht nur Meyers Spezialitäten Phytoderma (Brand- und Wundsalbe), Medica-Mill (Kamillenblütenextrakt) oder Tauwetter (gegen Schnupfen und Erkältung) hergestellt. In der Seelzer Apotheke entstehen auch individuelle Darreichungsformen für Krankenhäuser, Tierarztpraxen oder die Tierärztliche Hochschule in Hannover.

Meyer gilt als Experte für Spezialrezepturen. Im Auftrag der Deutschen Schlauchbootgesellschaft zum Beispiel stellt er Dimenhydrinat-Reisedragees zur Ausstattung von Rettungsbooten in entsprechender Konzentration her, denen durch das Dragieren der bittere Geschmack genommen wird. Der Apotheker wird von Insidern als Fachmann gehandelt, der bislang noch immer auch die kniffligsten Fragen gelöst hat.

Arbeit nach GMP

Neben den drei Gaschromatographen sind es Dragierkessel, Handblister-, Granulier-, Verpackungs-, Kartonier-, Tubenfüll- und Tablettiermaschinen, Exzenter, Rundläufer, Planetenrührwerke und Z-Kneter, die das Bild des nach GMP-Richtlinien ausgestatteten Labors bestimmen. Er habe, so Meyer, ein "Geheimabkommen mit seinem Glasbläser, der die tollsten Sachen macht". Von großem Improvisationsvermögen zeugt auch die demontierbare Stahltreppe zu den Laborräumen, die so konstruiert wurde, dass bei Bedarf massives Gerät mit einer schweren Winde durch den Treppenschacht in das obere Stockwerk gehoben werden kann.

Architektonisches Schmuckstück

Die Kreuz-Apotheke wird in Seelze als architektonisches Schmuckstück geschätzt. Mit dem Neubau, der eine Lücke zwischen dem ursprünglichen Gebäude und dem Nachbarhaus schloss, ist, so heißt es, dem Seelzer Architekten Karl Heinz Häfemeier, ein "nachahmenswertes Beispiel an Baukultur gelungen". Die Klinker des im Frontbereich gemauerten Torbogens sind handgeschnitten. Constantin Meyer hat Sinn für das Gediegene. Dies zeigt auch die Tatsache, dass er die mit dunklem Holz getäfelte Offizin bewusst unverändert ließ und die Erinnerung an Menschen, die die Familiengeschichte prägten, durch alte Bilder und Porträts in Apotheke, Drogerie und Labor wach gehalten wird.

Sichtbar ist die Liebe zum Detail, nur annähernd vorstellbar die Kraft und Energie, die im Laufe der Jahre in Auf-, Um- und Neubau investiert wurden. Zeit und Muße soll der Beginn des nächsten Jahrtausends bringen: Dann wird Sohn Thomas Meyer, der heute am Pharmazeutischen Institut der Universität Freiburg auf dem Gebiet der Pharmazeutischen Analytik promoviert, die elterliche Apotheke übernehmen, um die Familien-Tradition in siebenter Generation fortzuführen.Top

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