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Metzger fordert Umdenken in der Politik

30.09.2002  00:00 Uhr

Pharmacon Mallorca

Metzger fordert Umdenken in der Politik

von Daniel Rücker, Palma de Mallorca

Die Großindustrie wird gefördert, der Mittelstand vernachlässigt. Mit Unterstützung der Politik versuchen Konzerne, die freien Heilberufler zu verdrängen. Der Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), Johannes M. Metzger, hat erhebliche Sorgen um die Gesundheitsversorgung in Deutschland.

Vor großen Aufgaben sieht Metzger die jetzige und nachfolgenden Regierungen. „Wer auch immer in unserem Land die Regierungsverantwortung trägt, mit dem Ruck, den Bundespräsident Roman Herzog einst vergeblich einforderte, ist es nicht mehr getan. Unser Land braucht einen Masterplan, wie es die unglaublichen Herausforderungen bewältigen soll“, sagte er in der Eröffnungsrede zum Pharmacon Mallorca am 29. September in Palma.

Es sei wohl unausweichlich, dass Deutschland in den nächsten drei Generationen zwei Drittel seiner Bevölkerung verliere, so Metzger. Trotzdem müssten die alten Menschen versorgt und der Wohlstand für alle gewährleistet bleiben.

Den in den vergangenen Jahren eingeschlagenen Kurs hält der BAK-Präsident für falsch. Die Bundesregierung habe den Weg der sozialen Marktwirtschaft verlassen. Stattdessen haben sie eine „Privatisierung hoheitlicher Grundversorgungsaufgaben bis hin zur Trinkwasserversorgung forciert. Geschaffen wurden Oligopole mit abhängigen und damit ausbeutbaren Verbrauchern geschaffen. Gleichzeitig wurden Kapitalgesellschaften von ihrer sozialen Verantwortung entbunden.

Wenig Hoffnung

Das Nachsehen hätten die Verbraucher. Das Versprechen, durch die Privatisierung werde alles billiger habe sich nicht bewahrheitet. Stromkosten, Leistungen von Post und Telekom seien heute teurer als vor der Deregulierung. Gewinner seien allein die großen Akteingesellschaften. Metzger: „Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.“

Große Hoffnung für die nächsten Jahre hat der BAK-Präsident nicht: „Ein Lerneffekt bei den Verantwortlichen ist nicht erkennbar.“ Auch weiterhin werde die Politik vor allem Großunternehmen fördern, und das „obwohl man weiß, dass die Klein- und Mittelbetriebe letztlich das Land erhalten, die größte Steuerlast tragen und 75 Prozent aller Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.“

Ein Blick auf die Börsen zeige, dass der Verweis auf die Weltwirtschaft nicht ausreiche, um die wirtschaftlichen Probleme zu erklären. Zwar seien die Aktien an den meisten großen Börsen seit Jahren auf Talfahrt, aber „Frankfurt ist das absolute Schlusslicht“. Deutschland habe auf Grund struktureller Defizite die geringste Dynamik aller großen Wirtschaftsländer. Ein Ende sei nicht in Sicht.

Statt den Mittelstand endlich zu entlasten, sei mit der Rückkehr zur vollen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, der Wiedereinführung des alten Kündigungsschutzes, den Vorschriften zur Scheinselbstständigkeit und dem Rechtsanspruch auf Teilzeit ein Weg beschritten worden, der die Probleme Arbeitslosigkeit und lahmende Konjunktur nicht behebt. Metzger forderte die Regierung zu einem schnellen Kurswechsel auf: „Dieser Zustand einer erlahmenden Wirtschaftsdynamik Deutschlands im europäischen Vergleich darf nicht weiter verdrängt werden.“

Widerstand

Für die Apothekerschaft kündigte der BAK-Präsident Widerstand an: „Wir werden weiter nicht kampflos zusehen, wenn eine Bundesregierung Versucht uns abzuschaffen und durch Großbetriebe zu ersetzen.“ Genau dies sei nämlich die Konsequenz einer Einführung des Versandhandels mit Arzneimitteln. Angesichts des überwältigen Erfolges der Unterschriftensammlung sieht Metzger die Verbraucher auf der Seite der Apotheker. Es sei ein gemeinsamer Kampf gegen die Kommerzialisierung des Apothekenwesens. Der Kranke als abhängiger Verbraucher müsse vor Ausbeutung bewahrt werden. Es sei das ethische Grundprinzip des Apothekers als freiem Heilberufler, die Menschen vor Schaden zu schützen.

Dass Apotheker dieses ethische Grundprinzip annähmen, belege ihr Engagement bei der Fortbildung. Die Teilnahme an Kongressen wie dem Pharmacon Mallorca sei die Basis für eine Qualitätssicherung in der täglichen Arbeit. Wie wichtig die regelmäßige Fortbildung ist, zeigt eine Studie des Institute of Medicine in den USA. Danach sterben jenseits des Atlantiks rund 98.000 Menschen an Behandlungsfehlern, mehr als bei Autounfällen.

Die Schuld daran tragen aber nicht nur die Heilberufler, sondern auch Patienten die ihre Arzneimittel falsch einnehmen. Rund 25 Prozent der Kranken, seien schlicht nicht in der Lage, ärztliche Anweisungen zu befolgen, zitierte Metzger eine weitere amerikanische Studie. Dies belege die unverzichtbare Rolle der Apotheker als Berater in der Arzneiversorgung. Kein Heilberuf habe mehr persönliche Kontakte zu den Patienten.

Regelmäßige Fortbildung

Die Bundesapothekerkammer trägt der Bedeutung der Qualitätssicherung Rechnung. Schon vor einem Jahr sei ein freiwilliges Fortbildungszertifikat eingeführt worden. Beim Kongress in Palma könnten sich Teilnehmer 40 Fortbildungspunkte auf ihr Konto gutschreiben lassen, sagte Metzger. Außerdem gebe es Angebote zu zertifizierten Fortbildungsveranstaltungen, viele Kammern hätten Qualitätszirkel ins Leben gerufen und auch die pharmazeutischen Qualitätsmanagementsysteme trügen dazu bei, dass die Apotheker ihr Wissen stets auf dem aktuellen Stand hielten. Mit Gelassenheit sehe deshalb die Apothekerschaft die Aufforderung der Gesundheitsministerkonferenz, die von allen Heilberufskammern bis zum Jahresende einen Bericht eingefordert hat, wie innerhalb des Berufsstandes die Kompetenz erhalten wird. Metzger: „Im Kreise der Heilberufsfamilie können wir uns mit unserem Maßnahmenkatalog zum Kompetenzerhalt durchaus sehen lassen.

Metzger sieht bei der Qualitätssicherung nicht nur die Heilberufler, sondern auch die Regierung in der Pflicht. „Der Staat muss nicht nur Qualität fordern, er muss vor allen Dingen auch Rahmenbedingungen schaffen, dass diese Qualität der Versorgung auch gelebt werden kann.“ Behandlungsfehler und andere Mängel in der Versorgung seien nur dann zu reduzieren, wenn in der Gesundheitspolitik ein Umdenken stattfinde: „Die Werteordnung muss zurechtgerückt werden: Qualität vor Kosten. Nur wer zuerst in die Qualität investiert, kann anschließend und langfristig Kosten sparen.“

Europäischer Konsens

Mit ihren Bemühungen um eine hohe Qualität in der Arzneimittelversorgung stehen Deutschlands Apotheker nicht allein in Europa. In einem Grußwort bezeichnete der Präsident der Apothekerkammer der Balearen, Antoni Real Ramis, das Streben nach einer optimalen Leistungsfähigkeit als Basis für alle Apotheker in Europa. Den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts könnten die Apotheker nur dann gerecht werden, wenn sie Beratung, Service und Kompetenz kontinuierlich verbesserten.

Die Apotheker der Balearen suchen die Partnerschaft mit ihren deutschen Kollegen. Als Zeichen ihrer Verbundenheit überreichten sie dem BAK-Präsidenten ein typisch mallorquinisches Präsent.

 

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