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Kein Budget ohne Studien und Daten

02.10.2000
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Kein Budget ohne Studien und Daten

von Stephanie Czajka, Berlin

So lange es keine unabhängigen Studien gebe, seien Überlegungen zur Abschaffung des Arznei- und Heilmittelbudgets müßig. Diese Ansicht vertrat Professor Dr. Karl Lauterbach vom Institut für Gesundheitsökonomie, Medizin und Gesellschaft (IGKE), Köln, bei der Anhörung des Gesundheitsausschusses am 27. September in Berlin. Die Abgeordneten der FDP hatten im Bundestag einen Antrag auf Abschaffung der Arznei- und Heilmittelbudgets eingereicht.

Allen Ärzten einer kassenärztlichen Vereinigung steht zusammen ein Betrag (Budget) zur Verfügung, bis zu dessen Höhe sie Arznei- und Heilmittel verschreiben dürfen. Befürworter dieses Steuerungsinstrumentes argumentieren, die Budgets führten zu besserem Verordnungsverhalten, unwirtschaftliche und umstrittene Arzneimittel würden seltener verschrieben. Die Gegner führen unter anderem an, dass Patienten notwendige oder teurere neue Medikamente vorenthalten werden.

Was innovativ, was nützlich ist oder wirtschaftlich könne nur auf der Basis unabhängiger Studien geklärt werden, sagte Lauterbach. In Deutschland fehle aber das Geld für eine unabhängige Institution, die vergleichende Arzneimittelstudien durchführe und Kosten-Nutzen-Analysen erstelle. Außerdem fehlten Leitlinien für die Behandlung gängiger Volkskrankheiten als Vergleichsstandard. Schließlich müssten Daten über den Arzneimittelverbrauch und Daten zur Morbidität der Patienten zusammengeführt werden. Anders sei nicht zu beurteilen, ob die Patienten die richtigen Arzneimittel bekämen.

Die Ärzte beklagen außerdem fehlende Verordnungsdaten. Zum Zeitpunkt ihrer Verschreibung hätten sie keine Zahlen über die Höhe des bereits verbrauchten Budgets. "Wir sollen im Nebel mit 100 Stundenkilometern auf der Autobahn fahren, haben aber weder Tacho noch Licht", umschrieb Dr. Hans-Jürgen Thomas, Vorsitzender des Hartmannbundes die Situation. Die Schuld für diese Datenmisere schieben sich Ärzte und Kassen gegenseitig zu. Dr. Frank Diener, ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, bot an, Daten der Apothekenrechenzentren zur Systemsteuerung zur Verfügung zu stellen.

Kritisiert wurde auch, dass Morbidität der Patienten, Infrastruktur und Facharztdichte bei Berechnung der jeweiligen Budgets nicht ausreichend berücksichtigt würden. In manchen Regionen stünde trotz nachgewiesener höherer Morbidität weniger Geld pro Patient zur Verfügung, hieß es bei der Anhörung. Beim Thema Kollektivhaftung kamen die Kassen den Ärzten entgegen. Wolfgang Schmeinck vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen hielt es für denkbar, beispielsweise Arztgruppen, die nie Medikamente verschreiben, aus der Kollektivhaftung zu entlassen. Top

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