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Hausärzte sympathisieren mit Versandhandel

23.09.2002
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Hausärzte sympathisieren mit Versandhandel

von Daniel Rücker, Koblenz

Beim Widerstand gegen den Versandhandel mit Arzneimitteln sollten die Apotheker nicht auf Unterstützung der Hausärzte hoffen. Wenn der Versandhandel helfe, Regresse zu vermeiden, sei dies für Hausärzte „immer interessant“, sagte Dr. Gerd Zimmermann, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Allgemeinmediziner (BDA).

Wenn die Qualität beim Versandhandel stimme, so Zimmermann in einer Podiumsdiskussion am 18. September in Koblenz, gebe es für Hausärzte keinen Grund, diese Distributionsform abzulehnen. Voraussetzung sei aber eine Aufhebung des Versandhandelsverbotes.

Bei ihrer Position haben die Hausärzte weniger das Wohl des Patienten als ihren eigenen Vorteil im Blick. Sie wollen sich einen vermeintlichen Konkurrenten vom Hals halten: „Im Gegensatz zu Apothekern mischen sich Versandhändler nicht in ärztliche Arbeitsfelder ein“, wärmte Zimmermann den alten Streit um Serviceangebote der Apotheker wie Blutzucker- oder Lipidwertmessung wieder auf.

Allerdings teilen nicht alle Hausärzte die Meinung ihres Verbandes. Der Ehrenvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, Dr. Jürgen Bausch, kann dem Versandhandel nichts Positives abgewinnen. Er befürchtet, dass die Einführung des Versandhandels zu erheblichen Sicherheitsproblemen führen könne. „Ein neuer Vertriebsweg ist ohne Risiken nicht zu haben.“ Internet-Apotheken böten heute zum Teil gefälschte Arzneimittel, Präparate ohne Beipackzettel oder für falsche Indikationen an. Es müssten zusätzlich zu den bestehenden Behörden neue Institutionen zur Kontrolle des Versandhandels aufgebaut werden. Und auch dann dürfte ein lückenloser Schutz der Verbraucher Utopie bleiben. Bausch: „Das Beispiel Kinderpornographie zeigt, wie schwierig es ist, gegen die Kriminalität im Internet wirksam vorzugehen.“ Eine effektive Kontrolle sei auch von den Kosten her kaum durchzusetzen.

Einführungspreise

Es sei ohnehin naiv, zu glauben, dass der Versandhandel die Kosten senke. Versender wie DocMorris seien heute zwar preiswerter als deutsche Apotheken, machten aber auch keinen Gewinn. Bausch: „Das sind Einführungspreise. Internet-Apotheken werden nicht von ‚Apotheker ohne Grenzen’ betrieben. Sie sind nicht angetreten, um die marode GKV zu retten, sondern um einen maximalen Gewinn zu erzielen.“ Es sei nicht nachvollziehbar, wie Versandhandel die Kosten reduzieren kann. Bausch: „Mir hat noch niemand erklären können, warum eine Schachtel Paracetamol billiger wird, wenn man sie in ein Päckchen steckt und mit der Post verschickt.“

Bausch warnte seine Kollegen, ihren Patienten eine Internet-Apotheke zu empfehlen. Das Verbot, für eine Apotheke zu werben, gelte auch für Internet-Apotheken. Zudem seien freie Apotheken- und Arztwahl Prinzipien unseres Gesundheitswesens. „Wenn wir aus ökonomischen Erwägungen von diesem Grundsatz abweichen würden, dann wäre es mit uns weit gekommen.“

Selbst aus egoistischen Erwägungen gibt es zurzeit kaum Gründe, warum Ärzte für DocMorris werben sollten. Wie der geschäftsführende Gesellschafter der Ifap, Dieter Siebenbrodt, klarstellte, werden Ärzte nicht von möglichen Einsparungen profitieren. Für die ökonomische Bewertung ihres Verordnungsverhaltens wird nämlich nicht der tatsächliche Preis berücksichtigt, sondern der vom Rechenzentrum ausgewiesene Apothekenverkaufspreis. Ein Regress lasse sich so in keinem Fall verhindern, sagte Siebenbrodt.

Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) Hermann S. Keller hält Einsparungen durch den Versandhandel für ausgeschlossen. Der durchschnittliche Rohertrag einer Arzneimittelpackung liege zurzeit bei 5,30 Euro. Bislang gebe es keinen Beleg dafür, dass Versender diese Spanne unterbieten könnten. Preiswerter könnten sie nur sein, wenn sie sich auf das hochpreisige Marktsegment konzentrierten.

Nach Kellers Einschätzung gehe es den Krankenkassen nur vordergründig um Einsparungen. Ihr eigentliches Ziel sei eine grundlegende Änderung des Distributionssystems. Keller: „Versandhandel bedeutet Systemwechsel. Wenn der Versand erlaubt würde, würden das Fremd- und Mehrbesitzverbot sowie die Arzneimittelpreisverordnung auch fallen.“

Der Verbandschef erwartet vom Versandhandel eine deutlich schlechtere Arzneimittelversorgung, in der die Qualität hinter der Ökonomie steht. Service- und Dienstleistungen der Apotheken seien dann auch nicht mehr aufrecht zu halten. Top

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