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Lichtwer: Es war ein Fehler

27.09.1999
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-PolitikGovi-Verlag

PZ-INTERVIEW

Lichtwer: Es war ein Fehler

von Hartmut Morck, Eschborn

Vor genau einem Jahr hatte sich das damalige Management der Lichtwer Pharma AG entschlossen, Kwai N, das über die Apotheken gut eingeführte Knoblauchpräparat, aktiv außerhalb der Apotheke anzubieten. Die Reaktion der Apothekerschaft war deutlich. In einem Brief an die Apotheken bekannte die heutige Firmenleitung Ende letzter Woche: Diese Entscheidung war sowohl wirtschaftlich als auch gesundheitspolitisch falsch. Die PZ sprach mit dem Generalbevollmächtigten Dr. Dierck Schwartländer, dem die Aufgabe übertragen wurde, die notwendigen Maßnahmen zu koordinieren, die Entscheidung aus dem Jahr 1998 wieder rückgängig zu machen und altes Vertrauen wiederzugewinnen.

PZ: In einem Brief an die Apotheken, haben Sie die Entscheidung vom September 1998, Kwai N außerhalb der Apotheke aktiv anzubieten, wirtschaftlich und gesundheitspolitisch als falsch bezeichnet und diesen Fehler zutiefst bedauert. Warum beurteilen Sie die Entscheidung heute als Fehler und warum haben Sie diese Fehler überhaupt begangen?

Schwartländer: Es ist schwer für mich, Ihre Fragen zu beantworten, weil ich damals nicht Mitarbeiter der Firma Lichtwer war. Ich bin erst seit August 1999 bei Lichtwer tätig, muss aber für die begangenen Fehler, die ich nicht zu verantworten habe, gerade stehen. Der Fehler bestand im wesentlichen darin, ein gut erforschtes und bis dato apothekenpflichtiges pflanzliches Arzneimittel, das von Herrn Lichtwer von Anfang an in enger partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit der Apothekerschaft aufgebaut worden ist, von heute auf morgen ohne Vorwarnung anderen Handelskanälen aktiv anzubieten. Ein vollkommen unprofessionelles Vorgehen. Kein Wunder, dass sich die Apothekerschaft brüskiert fühlt und fürchten muss, dieser Präzedenzfall könne Schule machen. Das für die Fehlentscheidung verantwortliche Management ist mittlerweile nicht mehr für Lichtwer tätig.

Die damalige Entscheidung wurde auf dem Hintergrund eines allgemein in den Apotheken zu verzeichnenden Rückgangs des Knoblauchmarktes getroffen. Das Vorgehen war dennoch übereilt und kurzsichtig. Zweifelsohne. Man hätte besser den direkten Dialog mit der Apotheke suchen und sich gemeinsam auf die Entwicklung neuer Vermarktungsideen innerhalb der Apotheke konzentrieren sollen. Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen: Wir bedauern diesen Fehler zutiefst und werden ihn zielstrebig korrigieren. Nur so können wir verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

PZ:Das wird die Firma Lichtwer sicher viel Geld kosten. Verträge müssen gekündigt werden. Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

Schwartländer: Ich bin Ihnen für diese Frage dankbar, denn ich möchte nochmals bei den Apothekern Verständnis dafür wecken, dass wir gezwungen sind, bestehende Verträge einzuhalten. Die Verträge laufen jedoch schon in Kürze aus, und neue Verträge werden nicht abgeschlossen. Wir gehen davon aus, dass ab März 2000 kein Kwai N mehr außerhalb der Apotheke zu finden sein wird. Dies habe ich auch fairerweise jeder Apotheke in meinem Rundschreiben mitgeteilt. Es kann weder in unserem Interesse noch im Interesse der Apothekerschaft liegen, dass jetzt Kwai in den anderen Handelskanälen verramscht wird. Wir bemühen uns daher intensiv, bestehende Laufzeiten noch weiter zu verkürzen. All das kostet Geld, da haben Sie Recht. Aber wer Fehler macht muss Federn lassen. Daran kommen auch wir nicht vorbei. Unser Entschluss jedoch steht fest.

PZ:Befürchten Sie jetzt nicht, dass die Vertriebspartner außerhalb der Apotheke Sie juristisch zwingen werden, Kwai weiter zu liefern? Kwai N ist ja kein apothekenpflichtiges Arzneimittel, sondern ein freiverkäufliches, das außerhalb der Apotheke gehandelt werden darf.

Schwartländer: Die Freiverkäuflichkeit ist in der Tat ein Problem. Aber das haben nicht die Arzneimittel-Hersteller verursacht. Die Einteilung in Verschreibungspflicht, Apothekenpflicht und Freiverkäuflichkeit hat letztendlich der Gesetzgeber zu verantworten. Der Begriff "Freiverkäuflichkeit" sollte generell überdacht werden. Arzneimittel sind ein besonderes und daher erklärungsbedürftiges Gut. Viele der in alternativen Vertriebskanälen erhältlichen Produkte gehören meiner Meinung nach in die Apotheke – und zwar nur dorthin. Entsprechende Gesetzesinitiativen sind daher auf Dauer schon aus Gründen des Verbraucherschutzes mit Nachdruck zu fordern.

Doch zurück zu Ihrer Frage, ob wir mit juristischen Problemen rechnen. Ich hoffe, wir werden keine bekommen. Nach Auskunft unserer Anwälte ist es die freie Entscheidung des jeweiligen Herstellers, wo er seine Präparate vertreibt.

PZ: Es gibt nur wenige Phytopharmaka-Hersteller in Deutschland, die so viel Forschungsgelder zur Verfügung stellen wie Lichtwer, um ihre Produkte wissenschaftlich abzusichern. Deshalb waren die Apotheker auch so irritiert, dass Lichtwer mit dem Weg aus der Apotheke den wissenschaftlichen Anspruch in Frage stellte. Das Arzneimittel wurde dadurch trivialisiert. Glauben Sie, diesen Schaden wieder korrigieren zu können?

Schwartländer: Wir hoffen, das kurzfristig zu erreichen. So verärgert und enttäuscht die Apothekerschaft auch zu Recht ist, es wird sich hoffentlich die Einsicht durchsetzen, dass ein Fehler durch geeignete Maßnahmen wenn auch nicht ungeschehen gemacht, so aber doch korrigiert werden kann. Die Apotheken sind an einer rationalen Phytotherapie beziehungsweise den hierzu erforderlichen gut erforschten Präparaten interessiert. Die Verfügbarkeit klinisch in ihrer Wirksamkeit geprüfter rationaler Phytopharmaka ist ja schließlich ihr großer Vorteil gegenüber den anderen Vertriebskanälen. Und eines darf nicht vergessen werden: Die Firma Lichtwer hat durch ihr großes Engagement in Forschung und Entwicklung entscheidend zum Durchbruch der rationalen Phytotherapie beigetragen. Wir werden auch zukünftig große Summen an für die Forschung bereitstellen, um die Akzeptanz der rationalen Phytotherapie in der Schulmedizin weiter zu festigen.

PZ: Sehen Sie eine Möglichkeit, aufgrund Ihrer Forschungsergebnisse zu Knoblauchpräparaten die Indikation so zu verändern, dass die Präparate apothekenpflichtig werden?

Schwartländer: Kwai war in der fiktiven Zulassung mit dem Indikationsanspruch "Lipidspiegelsenkung" apothekenpflichtig. Dies ist leider nicht mehr der Fall. Wir werden jetzt alles daran setzen, auf Basis der mit Kwai durchgeführten umfangreichen Studien diese Indikation wiederzugewinnen.

PZ: Die Firma Lichtwer hat nicht nur Knoblauchprodukte, sie ist auch mit ihrem Johanniskrautpräparat marktführend. Sehen Sie auch dort die Gefahr, dass die apothekenpflichtige Indikation nicht akzeptiert wird?

Schwartländer: Wir sind beim Johanniskraut in der erfreulichen Situation, dass nur wir über eine echte Zulassung mit der Indikation "leichte bis mittelschwere Depression" verfügen. Die wichtigen Doppelblind-Studien sind mit unserem Präparat durchgeführt worden. Bisher verfügt daher nur Lichtwer über ein offiziell nach AMG zugelassenes Johanniskraut-Präparat mit dieser speziellen Indikation. Wir sind überzeugt davon, dass über diese Indikation die Apothekenpflicht auch in Zukunft gesichert sein wird.

PZ:Zurück zu Kwai. Über die MGDA kann die Apothekenexklusivität festgeschrieben und über das Partnerschaftssiegel nach außen dokumentiert werden. Wie weit sind die Verhandlungen gediehen?

Schwartländer: Ich gebe Ihnen Brief und Siegel. Den Brief für unsere Entscheidung haben wir bereits geschrieben, das Siegel stammt von der MGDA. Zum 1. Oktober 1999 kommt, wie in unserem Rundschreiben an alle Apotheken angekündigt, unser neues hochdosiertes Kwai 300 von Beginn an mit dem MGDA-Partnerschaftssiegel auf den deutschen Markt. Wir werden die Markteinführung mit einer erheblichen Öffentlichkeitsarbeit begleiten. 85 Millionen Kontakte werden auf die Apothekenexklusivität hinweisen. Es ist unsere Absicht, sobald Kwai N aus den anderen Vertriebskanälen abverkauft ist, auch diesem Produkt die Apothekenexklusivität mit dem MGDA-Partnerschaftssiegel zu verleihen. Auf Dauer wollen wir mit unserer gesamten Produktpalette Partner der MGDA werden.

Lassen Sie mich noch hinzufügen: Über das MGDA-Siegel hinaus wollen wir auf Vorschlag des Pharmazeutischen Großhandels spezielle Vertriebsbindungsverträge abschließen, damit in Zukunft kein Arzneimittel der Lichtwer Pharma AG außerhalb der Apotheke gehandelt werden kann.

PZ:Wollen Sie mit der Rückkehr von Kwai in die Apotheke Ihre Beziehungen mit den Apotheken intensivieren, zum Beispiel in der Fortbildung?

Schwartländer: Ja. Ich gestehe aber frei, dass die Atmosphäre in den letzten Wochen und Monaten gewiss nicht so war, dass wir mit offenen Armen aufgenommen werden. Insbesondere unser Außendienst hatte unter dem verständlichen Groll der Apothekerschaft zu leiden. Unser Außendienst reagierte daher mit großer Erleichterung, dass der Spuk nun ein Ende hat. Natürlich wollen wir jetzt unsere Beziehung zu den Apotheken wieder intensivieren, um das alte Vertrauen wieder aufzubauen, auch wenn uns dies sicherlich nicht sofort bei jedem gelingen wird. Gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen gehören für uns ebenso dazu wie attraktive kaufmännische Angebote oder auch die finanzielle Unterstützung von Apothekenimage fördernden Projekten. Auch werden wir den engen Dialog mit der Standespolitik suchen, um weitere vertrauensbildende Maßnahmen zu diskutieren.

PZ: Angenommen, Kwai hätte in anderen Vertriebskanälen wirtschaftlichen Erfolg gebracht. Hätten Sie diesen von Ihnen als Fehler bezeichneten Schritt aufgrund der Apothekerproteste dann auch rückgängig gemacht?

Schwartländer: Ich persönlich wäre auch dann dafür eingetreten. In meinem bisherigen Lebensweg in der ethischen Arzneimittelindustrie habe ich immer auf eine enge Partnerschaft mit der Apotheke und dem pharmazeutischen Großhandel geachtet. Hinzu kam, dass auch unsere neue Tochterfirma Sertürner, dort insbesondere Apotheker Dr. Jürgen Kreimeyer, intensiv Einfluss auf Lichtwer genommen hat. Die Partnerschaft mit den Apotheken durfte nicht weiter aufs Spiel gesetzt werden. Dafür bin ich dankbar. Unsere Entscheidung für die Apotheke ist endgültig.

PZ: Sie hatten den Weg aus den Apotheken gemacht und dafür Lehrgeld bezahlt. Was würden Sie Ihren Kollegen aus den anderen Firmen raten? Den gleichen Fehler zu machen oder die Finger davon zu lassen?

Schwartländer: Jeder Mensch lernt aus seinen Erfahrungen. Kluge Menschen lernen aus den Erfahrungen anderer. Ich jedenfalls rate keiner anderen Firma, diesen Fehler zu machen. Wir haben teuer genug dafür bezahlt.Top

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