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Neue Studie heizt alte Diskussion an

17.09.2001  00:00 Uhr

VERSANDHANDEL

Neue Studie heizt alte Diskussion an

von Daniel Rücker, Berlin

Die Frage ist nicht neu: Wie viel lässt sich mit Versandhandel sparen? Einige Milliarden, einige Hundert Millionen oder gar nichts? Eine Studie vom Forschungsinstitut Inifes bringt die Diskussion wieder auf Trab. Endgültige Klarheit schafft sie nicht.

In ihrer Analyse bezeichnen die Autoren der Studie den Versandhandel als sinnvolle Ergänzung zur Arzneimitteldistribution über Präsenzapotheken. Rund 400 bis 500 Millionen DM ließen sich mit der Einführung von Versandapotheken einsparen, so das Fazit von Professor Dr. Martin Pfaff, Leiter des Internationalen Institutes für Empirische Sozialökonomie (Inifes) in Stadtbergen. Langfristig könne der Betrag sogar verdoppelt werden. Die Wissenschaftler hatten bei ihren Untersuchungen nicht die Internet-Apotheke, sondern eine "in Deutschland zugelassene Versandapotheke" im Auge.

Angesichts dieser Ergebnisse sehen sich die Krankenkassen in ihren Forderungen nach einer Liberalisierung des Arzneimittelvertriebs bestätigt. Doch bereits das Studiendesign stößt auf Kritik. Pfaff und seine Kollegen gehen davon aus, dass vor allem der planbare Arzneimittelbedarf chronisch Kranker für den Versandhandel taugt. Diese sollten vor allem mit Präparaten der Größe N3 versorgt werden. Als weitere Einschränkung wurden nur solche Packungen als versandfähig eingeordnet, die "alle Kosten inklusive der Logistiklücken decken können". Apotheker und Großhandel halten dies für unredlich. "Das ganze setzt eine massive Rosinenpickerei im betriebswirtschaftlich interessanten hochpreisigen Arzneimittelsortiment voraus", sagte ABDA-Präsident Hans-Günter Friese, während eines Inifes- Workshops am 17. September in Berlin.

In ihrer Studie haben Pfaff und seine Kollegen untersucht, welche Einsparungen kleine, mittlere und große Versandapotheken erzielen können. Für kleine, lokal agierende Versandapotheken wurde ein Umsatz von 5 Millionen DM angenommen, für mittlere mit regionaler Ausrichtung 20 Millionen DM und für große überregional arbeitende Kombinationen aus Versandapotheke und Großhandel ein Umsatz von 500 Millionen DM jährlich. Basis für die Berechnung der potenziellen Einsparungen waren Daten aus dem Jahr 1999. Damals bezahlten die Krankenkassen 36,15 Milliarden DM für Arzneimittel. Der Vertriebskostenanteil lag bei 27,3 Prozent des Bruttoumsatzes.

Apotheke im Industriegebiet

Einsparungen sollten sich vor allem durch geringere Personal- und Raumkosten ergeben, erklärte Astrid Sterzel von Inifes. Da die Kunden nicht in die Apotheke kommen, kann sie preisgünstigere Räume, etwa in einem Industriegebiet anmieten, die "teure Face-to-Face-Beratung" wird durch eine 24-Stunden-Hotline ersetzt. Außerdem unterstellen die Autoren den Versandapotheken auf Grund ihrer Größe eine stärkere Nachfragemacht gegenüber der Industrie. Entsprechend wurde hier ein zusätzlicher Einkaufsrabatt von 5 Prozent angenommen. Für die Versandapotheken wurde eine Branchenrendite von 3,5 Prozent angesetzt.

In ihrer ersten Berechnung ermittelten die Inifes-Wissenschaftler theoretische Einsparpotenziale von mindestens 386 Millionen DM für kleine Versandapotheken und maximal 1,49 Milliarden DM für große Versandapotheken. Ausgehend von einem Anteil von 15 Prozent am Gesamtmarkt unter Einbeziehung des Kassenrabattes, den Apotheker den Krankenkassen heute schon gewähren, reduzierten sich die Einsparungen auf 276 bis 552 Millionen DM - je nachdem, ob den Kassen ein zusätzlicher Rabatt von 5, 7 oder 10 Prozent eingeräumt werden soll.

Nach Pfaffs Überzeugung sind die Daten eine klare Aufforderung zu einer Liberalisierung der Arzneimitteldistribution. Außer der Aufhebung des Versandhandelsverbotes seien keine weiteren Gesetzesänderungen notwendig. Vor allem die Patienten würden vom Versandhandel profitieren. Gerade für Bettlägerige sei es ein guter Service, wenn ihnen die benötigten Arzneimittel geliefert würden. Außerdem sollten die Patienten an den Einsparungen direkt partizipieren.

Das Fazit der verschiedenen Berufsgruppen fällt weniger positiv aus. Vor allem Apotheker und Großhandel kritisieren die Studie heftig. So bezweifelt ABDA-Präsident Friese bereits die Behauptung, es seien keine weiteren gesetzgeberischen Schritte notwendig, den Versandhandel, wie er in der Studie gefordert wird, zuzulassen.

Rosinenpickerei

Die in der Untersuchung effizienteste Versandapotheke mit einem Umsatz von 500 Millionen DM sei nicht vorstellbar solange des Fremd- und Mehrbesitzverbot bestehe. Außerdem seien Kosteneinsparungen nur dann zu erzielen, wenn der einheitliche Apothekenabgabepreis aufgegeben werde. Zudem sei die Grundlage für die Einsparungen erneut Rosinenpickerei. Der Kontrahierungszwang, dem die öffentlichen Apotheken unterliegen, werde durch die Beschränkung auf die Arzneimittelversorgung chronisch Kranker aufgehoben. Versender dürften sich auf den Vertrieb von Großpackungen spezialisieren und müssten aus diesem Marktsegment auch nur die Packungen vertreiben, bei denen dies profitabel ist.

Die Studie sei "extrem freundlich zu Versendern", konstatierte Friese. Wenn der Gesetzgeber es einer Versandapotheke gestatte, sich allein auf Verordnungen zu stützen, die zur Kostendeckung beitragen, müsste er Präsenzapotheken dieselben Rechte gewähren. Eine solche Regelung würde dann allerdings vor allem Generika, Reimporte und Rezepturen treffen.

Die Autoren erwarten vom Versandhandel neben Kosteneinsparungen auch eine Verbesserung der Versorgungsqualität. Diese müssten dann nicht mehr so häufig in die Apotheke kommen. Friese kann diese Argumentation nicht nachvollziehen. Apotheken würden bettlägerigen Patienten schon heute ihre Arzneimittel nach Hause liefern und dies "schneller als UPS oder andere Firmen". Im Gegensatz zum gehetzten Angestellten eines Paketdienstes könne das Apothekenpersonal zudem besser auf die persönliche Situation des Kranken eingehen, da dieser in der Apotheke bekannt sei. Schlechter sei der Service der Versandapotheke auch bei der Beratung. Eine Telefon-Hotline könne die persönliche Beratung niemals ersetzen, da hier eine Holschuld des Patienten entstehe. Komme der Patient dagegen in die Apotheke, sei der Apotheke in der Pflicht, ihn angemessen zu informieren.

Europarecht macht's möglich

Für vollkommen falsch hält Friese auch die Einschätzung, in Deutschland sei ein nationaler Versandhandel realisierbar. Deutschland habe europarechtlich die Möglichkeit, den Versandhandel grundsätzlich zu verbieten. Wenn die Bundesregierung ihn allerdings für inländische Anbieter erlaube, dann müsse sie nach EU-Recht auch Unternehmen aus den anderen Mitgliedstaaten zulassen. Dadurch würden die Systeme und Standards der Gesundheitssysteme anderer EU-Staaten nach Deutschland importiert.

Andere Teilnehmer des Workshops stehen der Studie positiver gegenüber. Ärzte und Krankenkassen sehen im Versandhandel weiterhin eine Möglichkeit, Arzneimittelausgaben zu reduzieren. Harte Kritik an seinen Heilberufskollegen übte der Zweite Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Leonhard Hansen. Er warf den Apothekern vor, häufig nicht oder unzureichend zu beraten. Hier könnte ein kompetenter Versandhändler über eine Telefon-Hotline das Niveau verbessern.

Seine Sympathie für den Versandhandel erstreckt sich allerdings auf die Bereiche, die nicht ärztliches Schaffen betreffen. Die Botschaften des Arztes über das Arzneimittel sind aus seiner Sicht jedenfalls nicht zu ersetzen. "Die persönliche Beratung durch den Arzt muss untrennbar mit der Verordnung verbunden sein." Ungeeignet für den Versandhandel sind aus seiner Sicht die Präparate, die direkt in der Arztpraxis angewendet werden. Diese müssten direkt über Industrie und Großhandel zu beziehen sein.

Kritik an der Qualität der Beratung in der Apotheke übte auch Professor Dr. Gerd Glaeske, Universität Bremen. Er glaubt auch, dass Versandapotheken hier den Standard heben können. Glaeske sieht in der Studie den Beweis dafür, dass Versandhandel keine Rosinenpickerei sein, denn die als DDD bezeichneten Tagestherapiekosten seien "in dem untersuchten Arzneimittelsegment niedriger als über den Gesamtmarkt". Angesichts der Konzentration auf N3-Packungen ist dies keine Überraschung.

Vertriebsspanne ist entscheidend

Diesem Argument widersprach der Geschäftsführer des Bundesverbandes des Pharmazeutischen Großhandels, Hermann Ringenaldus vehement. Für die Distributionskosten seien die Tagestherapiekosten ein "vollkommen unsinniges Kriterium". Entscheidend sei allein die absolute Vertriebsspanne eines Arzneimittels. Diese sei bei N3-Packungen naturgemäß höher als bei kleineren Packungen. Ringenaldus schloss sich deshalb Frieses Analyse an, dass allein die Beschränkung auf profitable Arzneimittel für die Einsparungen verantwortlich seien. Ein Beweis dafür, dass Versandhandel effizienter sei als das bewährte Distributionssystem, liefere die Inifes-Studie nicht.

Trotzdem werden sich die Marktpartner wohl mit der Studie weiterhin auseinandersetzen. Denn auch Staatssekretär Klaus Theo Schröder erkennt in ihr Ansätze, wie die Arzneimitteldistribution in einigen Bereichen effizienter gestaltet werden kann und zwar dort, wo der "Beratungsbedarf geringer ist", womit die Dauermedikation chronisch Kranker gemeint sein dürfte. Versandhandel könnte eine sinnvolle Ergänzung des bestehenden Distributionsweges sein, sagt Schröder. Er forderte die Apotheker auf, selbst Vorschläge für die Organisation des Versandhandels einzubringen. Die Bundesregierung setze auch weiterhin auf die Präsenzapotheke. Im Sinne des Patienteninteresses müsse aber auch über die Etablierung von Versandapotheken diskutiert werden. Top

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