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Pharmazeutische Dienstleistungen statt Vertrieb via Internet

11.09.2000  00:00 Uhr

-PolitikGovi-Verlag

PHARMACON WESTERLAND

Pharmazeutische Dienstleistungen statt Vertrieb via Internet

von Daniel Rücker, Westerland

Die deutschen Apotheker lehnen den Arzneimittelvertrieb über das Internet kategorisch ab. Internetapotheken sind nach der Überzeugung von Dr. Hartmut Schmall, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), keine Alternative zu realen Apotheken. Der E-Commerce könne in allen wesentlichen Punkten nicht mit dem bewährten Vertriebsweg für Arzneimittel konkurrieren, sagte Schmall in der Eröffnungsrede zum Fortbildungskongress in Westerland.

Wer Arzneimittel über das Internet bestellt, muss mindestens einen Tag auf die Lieferung warten, dann erhält er häufig nicht das gewünschte Präparat und muss dafür auch noch mehr bezahlen als in einer öffentlichen Apotheke. Der Patient sei dabei unkalkulierbaren Risiken ausgesetzt, kritisierte Schmall. So würden auf den Seiten dieser Anbieter Arzneimittel für Indikationen beworben, für die überhaupt keine Zulassung bestehe. Bisweilen werde nicht einmal das bestellte Produkt geliefert, sondern ein wirkstoffgleiches. Gerade bei älteren, chronisch Kranken könne dies fatale Konsequenzen haben. Schmall: "Patienten wollen 'ihre' Arzneimittel, die sie gewohnt sind und von denen sie überzeugt sind, dass sie am besten helfen". Wenn ein Arzt ein Generikum verordne könne der Apotheker diese Sorgen im persönlichen Gespräch zerstreuen, eine Internetapotheke könne dies nicht.

Das Arzneimittelgesetz verbiete jegli-chen Versandhandel mit Arzneimitteln an den Endverbraucher, um Patienten vor Schaden zu bewahren. Es sei deshalb mitnichten ein Schutzgesetz für Apotheken, sondern ein Verbraucherschutzgesetz, so der BAK-Präsident.

Das von interessierten Kreisen immer wieder eingebrachte Kostenargument kann der BAK-Präsident nicht nachvollziehen: "Versandhändler gehören nicht zu den Non-Profit-Unternehmern. Es ist erwiesen, dass Sie - wollen sie rentabel ar-beiten - keinen Vorteil gegenüber dem herkömmlichen System der Arzneimittel-versorgung durch öffentliche Apotheken bieten. Die von ihnen vertriebenen Arzneimittel sind zum Teil sogar um ein Vielfaches teurer als in Deutschland". Eine finanzielle Entlastung der Soli-dargemeinschaft sei deshalb von Ver-sandhandel sicher nicht zu erwarten.

Schmall rief die Apotheker dazu auf, ihre Stärken im Kampf gegen alternative Vertriebsformen konsequent zu Nutzen. Die flächendeckende, zeitnahe und qualitativ hochwertige Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln bezeichnete er als "ein solides Kapital, auf das sich bauen lässt".

Außerdem können die Apotheker im Gegensatz zu Internetversendern individuell auf die persönlichen Bedürfnisse der Patienten eingehen. Als Beispiele nannte er Rezepturen, Zytostatikazubereitungen und Lösungen zur parenteralen Ernährung. Diese von Apotheken immer häufiger angebotenen Leistungen seien ein wichtiger Beitrag dazu, Zahl und Dauer von Klinikaufenthalten zu verkürzen und somit auch Ressourcen zu schonen.

Dringend riet Schmall den Apothekerinnen und Apothekern, die Beratung der Patienten ernst zu nehmen. Sowohl bei der Selbstmedikation als auch bei der Abgabe von verordneten Arzneimitteln sei sie unerlässlich. Er bedauerte, dass bei einige Kollegen die Beratung noch zu kurz komme, da diese sie mit "ein Schwätzchen halten" verwechseln, wofür im hektischen Berufstalltag scheinbar keine Zeit sei.

Besondere Aufmerksamkeit sollte den chronisch kranken Menschen geschenkt werden, sagte Schmall weiter. Hier reiche eine einmalige Beratung nicht aus. Vielmehr müssten diese Patienten in enger Zusammenarbeit mit dem behandelten Arzt über einen längeren Zeitraum pharmazeutisch betreut werden.

Ihr pharmazeutisches Leistungsangebot sollten die Apotheker auch den im Rahmen der integrierten Versorgung entstehenden Netzen anbieten. Er warnte allerdings seine Kollegen davor, sich solchen Netzen als exklusiver Hoflieferant anzuschließen. Was für den Einzelnen ohne Frage ökonomisch interessant sei, gefährde auf der anderen Seite das gesamte System der Arzneimittelversorgung.

Sinnvoller seien Kooperationsverträge, in denen sich Apotheker zur Mitarbeit in Netz-Arzneimittelkommissionen bereit erklären. Ihr pharmazeutischer Sachverstand könnte dabei helfen, Arzneimittel- und Therapierichtlinien sowie interne Verordnungslisten zu erstellen. Unterlagen, die Apotheker bei der Zusammenarbeit mit Netzen unterstützen, werden nach Schmalls Aussage zur Zeit von den Berufsorganisationen erarbeitet..Top

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