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Von vorne anfangen

19.08.2002
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Flutkatastrophe

Von vorne anfangen

von Thomas Bellartz, Dresden

Die Augustsonne will den großen Regen vergessen machen. Entlang der Elbe gelingt ihr das nicht. Dort wurden tausende von den Fluten heimgesucht. Viele Apotheken sind betroffen, es gibt dutzende Totalausfälle.

Pirna nennt sich zu recht das „Tor zur Sächsischen Schweiz“. Der historische Stadtkern wurde seit der Wende prächtig saniert, wurde immer stärker auch in das Reiseprogramm von Touristen aufgenommen. Die umfangreiche Sanierung liegt in den letzten Zügen. Doch seit der verheerenden Flut der letzten Tage sind Straßen zerstört, Fassaden und Parkanlagen verdreckt. Überall liegen ausgerissene Pflastersteine umher, stapeln sich Abfälle, türmt sich der Morast. Nur noch mit dem Boot war die Stadt befahrbar. Menschen wurden evakuiert.

Nicht nur in Pirna und Dresden, sondern in allen Städten und Dörfern entlang der Elbe hieß es „Land unter“. Auch viele Nebenflüsse aus dem Erzgebirge wurden zu reißenden Strömen, zerstörten etliche Brücken, machten Straßen unpassierbar, vernichteten Wohnhäuser und Betriebe. Auch viele Apotheken wurden ganz oder teilweise zerstört. Der Katastrophenalarm begleitete Apothekerinnen und Apotheker und deren Mitarbeiter tagelang beruflich wie persönlich. Und die Folgen sind kaum überschaubar.

Viele Helferinnen und Helfer kritisierten in den vergangenen Tagen das schlechte Krisenmanagement vor und während der Flut. Die Behörden seien nicht auf das Ausmaß der Flut vorbereitet, die Zuständigkeiten seien unklar gewesen. Das galt anscheinend zunächst auch für die Einsätze der Rettungsteams. Besser wurde es in Pirna nach Aussagen von Betroffenen erst mit dem Eintreffen der fluterprobten bayerischen Kräfte am vergangenen Wochenende.

Versorgung gewährleistet

Zwischenzeitlich hieß es im Hörfunk und bei den Agenturen, die Arzneimittelversorgung sei nicht mehr gewährleistet. Doch schnell informierte die Sächsische Landesapothekerkammer die Medien, dass dies nicht der Fall sei. Weder bei der Kammer noch beim Sächsischen Apothekerverband oder beim Großhandel lagen bis Redaktionsschluss Informationen über Versorgungsengpässe vor. Die Apothekerkammer betonte, die gute Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium.

Trotz der teilweise sehr starken Zerstörungen beispielsweise in Oldernhau/Erzgebirgskreis, schafften es Pharmazeuten, die Versorgung sicherzustellen. Beide dort ansässigen Apotheken wurden zwar überflutet, das Krankenhaus evakuiert. Doch die Apotheken haben trotz des Chaos die Versorgung aufrecht erhalten. Sanitäter und Feuerwehrleute kamen mit handgeschriebenen Zetteln, um Medikamente für Patienten zu besorgen – in dieser Situation wurde geholfen. Angesichts der Katastrophe und „des menschlichen Elends im Ort“ will aber einer der Apotheker „keinen Pfennig Hilfe annehmen“. Das wäre für ihn angesichts der Not der anderen Menschen nicht möglich.

In Flöa am gleichnamigen Fluss wurde die einzige Brücke die beide Hälften der Stadt verbindet, total zerstört, Während die eine Apotheke in Hanglage davon kam, wurde die andere überflutet. Doch trotz der fehlenden Brücke mussten die Menschen weiter versorgt werden. Also kümmerte sich die Apothekerin vom Fenster im ersten Stock aus um die Versorgung der Bürger.

Die einzige Apotheke im immer noch gesperrten Bad Schandau ist zerstört, drei von sechs Apotheken in Eilenburg sollen ebenfalls nicht mehr arbeitsfähig sein. Wegen der zerstörten Infrastruktur ist es für Kammer wie Verband gleichermaßen schwer, Kontakt zu den Betroffenen aufzunehmen. Am Dienstag Nachmittag tagten Kammer und Verband gemeinsam, um sich über das weitere Vorgehen abzustimmen. Die Verbandsvorsitzende Monika Koch war angesichts der Lage einiger Apotheken überwältigt: „Die haben sich um die Leute gekümmert, obwohl ihre eigene Apotheke und das eigene Haus unter Wasser standen.“

Katastrophal ist die Lage auch in Freytal. Von den dort sieben Apotheken ist nur noch eine dienstbereit. Seit Beginn der Überflutung ist die einzig verbliebene Apotheke im 24-Stunden-Dienst.

Dauereinsatz am Telefon

In der Sächsischen Landesapothekerkammer steht seit Tagen das Telefon nicht mehr still. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind im Dauereinsatz. Fast stündlich mussten zuletzt die Notdienstpläne überarbeitet werden, wurden Meldungen von betroffenen Apotheken aufgenommen und aktualisiert. Dabei wäre die Kammer beinahe selbst zum Opfer des Elbehochwassers geworden. 20 Zentimeter mehr hätten auch zu einer Überflutung des Kammergebäudes in Elbnähe geführt. Doch die Angestellten bekamen auch ohne Wasser unter dem Schreibtisch das logistische Chaos zu spüren. Telefon und Stromversorgung waren zeitweise unterbrochen und nur bedingt verfügbar. Während der Sperrung der Elbbrücken war Kammermitarbeitern der Weg zum Arbeitsplatz verwehrt. Doch zum Wochenbeginn und mit fallendem Pegelstand entspannte sich die Situation zusehends.

In der insgesamt äußerst unübersichtlichen Situation war die Kommunikation zwischen Apotheken und Großhandel von größter Wichtigkeit. Und dies, obwohl nur noch auf Zuruf oder via Handy kommuniziert werden konnte. Die EDV war oftmals zerstört, der Strom funktionierte nicht. Die Großhändler mussten die logistischen Hürden meistern.

So hatte Wolfgang Pradella seine Familie seit Tagen nicht mehr gesehen. Der 36-jährige Vertriebs- und Niederlassungsleiter des Pharmagroßhandels Gehe in Dresden hatte kaum geschlafen. Pradella kümmert sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen rund um die Uhr um seine Kunden. Von den rund 500 Apotheken, die von dem Großhändler im Großraum Dresden bedient werden, sind viele vom Hochwasser direkt oder indirekt betroffen.

Dabei hätte der junge Familienvater Pradella die besten Gründe gehabt, um seinem Unternehmen für ein paar Tage den Rücken zu kehren und sich um seine privaten Angelegenheiten zu kümmern. Pradella ist tief bewegt und den Tränen nahe, wenn er von der Evakuierung seiner ganzen Familie berichtet. Keine 50 Kilometer entfernt leben Frau und Kind, auch Mutter und Schwester in Zschepa an der Elbe. Das Dorf wurde ebenfalls heimgesucht von den Wassermassen und verwüstet. Während Pradellas Haus verschont blieb, wurden Frau und Kind evakuiert, kamen bei Freunden unter. Seine Mutter wurde wie viele andere Menschen aus seinem persönlichen Umfeld in ein Notquartier gebracht, ebenso seine Schwester. Die materiellen Schäden für die Familie und auch bei Freunden und Nachbarn seien unabsehbar.

Arzneimittel per Hubschrauber

Pradella war als erster zur Stelle, als die Katastrophe ihren Lauf nahm. Mit den roten Deckeln von Kühlbehältern markierte er auf dem Firmengelände in direkter Nähe zum Dresdener Airport einen Landeplatz für einen Rettungshubschrauber. Der holte eilige Arzneimittel und brachte diese direkt in schwer zugängliche Gebiete. Die Folge war eine enge Einbindung in die Notversorgung der ganzen Region. Am ersten Tag für ihn und seine Mitarbeiter noch ein besonderes Ereignis, wurden Hubschrauber, Martinshörner und rasante Einsatzfahrten zum gewohnten Szenario. Der Alltag änderte sich in rasantem Tempo.

Pradella und sein Team belieferten von Beginn an die vier Notkrankenhäuser der Region. Beliefert wurden auch die Einsatztrupps, die von hier aus stromauf- wie abwärts eingesetzt wurden und teilweise auch heute immer noch eingesetzt werden. „Normal ist hier längst nichts mehr“, berichtet Pradella, der sich trotz der Hektik und der persönlichen Erlebnisse seinen Humor bewahrt hat. Ob im Büro oder bei Kollegen, seit langem hat der Niederlassungschef nicht mehr im eigenen Bett geschlafen.

Er kümmert sich, wie die Mitarbeiter anderer Großhandlungen in der Region, besonders um die Apotheken, die es am härtesten erwischt hat. Aus Baden-Württemberg hat er Notstromaggregate und Trocknungsgeräte organisiert. „Hier bekommen sie nichts mehr“, sagt Pradella und lässt keinen Zweifel daran, dass es neben der rein geschäftlichen Kundenbeziehung, eben auch die andere Ebene gibt. „Mit vielen Apotheken und den Menschen ist man doch freundschaftlich verbunden. Die kann ich doch nicht im Stich lassen“, sagt er.

Die Freiwilllige Feuerwehr aus Neusedlitz rauscht mit einem atemberaubenden und gleichsam museumsreifen Gefährt auf den Gehe-Hof. Die freiwilligen Helfer sind seit Tagen im Einsatz und packen Pradella mitsamt zwei Kühlkisten in das Fahrzeug. In wilder Fahrt und mit Martinshorn und Blaulicht geht’s durch die in diesen Tagen chronisch verstopften Straßen. Überhaupt wird man den Eindruck nicht los, dass jedes zweite Auto mit Blaulicht und im Einsatz durch die Landeshauptstadt rast. Ziel der Fahrt ist das Gesundheitsamt in der Bautzener Straße. Dort platzen die Flure und Gänge mit Wartenden aus allen Nähten. In Hörfunk und Fernsehen war all denen, die im Schlamm der Elbe arbeiten, zu erhöhter Vorsicht geraten worden. Aus der Warnung machten einige Medien allerdings die dringende Empfehlung sich gegen Hepatitis A impfen zu lassen. Daher die vielen Menschen im Gesundheitsamt.

Schlange stehen

Aber auch bei Ärzten und in Apotheken stehen Menschen Schlange, wollen sich impfen lassen oder warten auf Informationen. Einige warten hier schon seit dem frühen Morgen, sitzen auf Stufen und in den Gängen – bei mittlerweile über 30 Grad im Schatten. Auch wenn die im Rundfunk eingeforderte Schutzimpfung gegen Hepatitis A nicht wirklich sinnvoll sei, könne man die „Leute ja nicht mehr einfach wegschicken“, sagt die diensthabende Ärztin. Rettungsteams, Helfer, Feuerwehrleute, aber auch Privatleute mit ihren Kindern warten schon vor ihrer Tür.

Pradella bringt 300 Impf-Dosen. Mit einem Einsatzfahrzeug der Dresdner Polizei geht’s gleich zurück zum Lager. Wieder mit Blaulicht, wieder mit Sirene. Die Beamten nehmen die nächsten Ladungen und einen Mitarbeiter des Großhandels gleich wieder mit.

Der Rückgang des Wassers offenbart in Dresden wie anderswo die tatsächliche Lage. So zählt die Weißeritz-Apotheke in Dresden zu den am schwersten betroffenen in der sächsischen Metropole. Das Flüsschen, das der Apotheke den Namen gibt und eigentlich unterhalb der Apotheke vor sich hin fließt, wurde am 12. August 2002 zum reißenden Strom. Ohne Vorwarnung und innerhalb kürzester Zeit rauschten meterhohe Wassermassen das schmale Flussbett hinunter, rissen mit, was sich in den Weg stellte.

Wie eine Insel wurde die Apotheke von den Fluten umschlossen. Denn kurz vor dem Ärztehaus, in dem sich die Apotheke seit einigen Jahren befindet, sprang der Fluss aus seinem Bett, teilte sich und floss quer über die Straße an den Gebäuden vorbei und durch die Apotheke. Kurz zuvor hatte Haering mit seiner Frau die Apotheke geschlossen und sich über das stark steigende Wasser gewundert. Aber eine Warnung habe es nicht gegeben. „Die hätten doch einfach schon mal am Wochenende nach und nach Wasser ablassen können“, skizziert Haering sein Unverständnis über die Ursache des Chaos, ausgelöst durch die überlaufenden Dämme.

Dramatische Szenen spielten sich nachts um die Apotheke herum ab, die mannshoch in Wasser und Schlamm versank. Nur einen Computerserver konnte Haering noch retten, der Rest wurde verwüstet. Die Hauswand des gegenüberliegenden vierstöckigen Hauses stürzte ein, die dort lebenden Menschen versuchten sich durch Sprünge in die Fluten zu retten. Dabei kam ein Mann ums Leben. Die Gäste einer Pension im Gebäudekomplex des Ärztehauses wurden in einer waghalsigen Aktion mit einem Kranwagen aus der gefährlichen Lage befreit. Ein paar Tage später kam auch Kanzlerkandidat Edmund Stoiber an den Ort des Geschehens. Frau Haering schnappte sich den bayerischen Ministerpräsidenten und zeigte ihm die Reste ihrer Apotheke. Stoiber war beeindruckt. Das Team des ZDF auch...

Auch mehr als eine Woche nach der Katastrophe lässt sich nicht abschätzen, wann die Apotheke renoviert sein wird. Am Dienstag sollte der Betrieb rudimentär in Containern wieder aufgenommen werden. So ganz will sich Haering mit der Situation nicht anfreunden, und auch mit den vielen aufbauenden, gut gemeinten Worten nicht: „Es sagt sich sehr leicht, das alles seien ja nur Sachwerte...“

Die Weißeritz-Apotheke ist stark betroffen, doch nur eine von vielen Apotheken, die in Dresden und vielen anderen Städten und Dörfern im Süden und Osten der Republik Schaden nahmen. Alleine entlang der Weißeritz ist beinahe jede Apotheke mehr oder minder stark beschädigt.

Einige Apotheken wollen nach den entstandenen Schäden nicht wieder eröffnen. Nach ersten Informationen soll es sich zwar nur „um eine Handvoll Apotheken“ handeln. Doch erst, wenn alle Informationen auch aus den am stärksten betroffenen Kreisen, also aus dem Weißeritzkreis und dem Muldental vorliegen, kann diese Vermutung präzisiert werden.

„Alles ist hin“

Hans-Joachim Kunze will auf jeden Fall weitermachen. Ihm gehört eine von drei Apotheken, die es besonders hart getroffen hat. Wie die beiden übrigen Innenstadtapotheken in Pirna, unweit von Dresden, wurde Kunze komplett überflutet. Ihm blieb nicht einmal mehr die Zeit, irgendetwas aus der Apotheke zu retten. „Alle Unterlagen, die Computer, Dokumentationen - alles ist hin. Ein Albtraum“, berichtet Kunze, der die Rosen-Apotheke in der Gartenstraße „im verflixten siebten Jahr“ unterhält. Während freiwillige Helfer die komplette Einrichtung in große Container und in ein Müllfahrzeug werfen, läuft Kunze durch die dunklen Räume seiner Apotheke. Im Keller steht das Wasser bis zur Decke. Die Statik macht das Abpumpen schwierig.

Zunächst hatte sich ein kleiner Bach zum Fluss gemausert und die Apotheke überschwemmt. Und später kam dann die große Flut. Kunze blieb nichts. Wenige Meter entfernt, verschlief er dann noch die Evakuierung, musste in seiner Wohnung im dritten Stock ausharren.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern, die die verwüstete Apotheke erst mit dem Ablauf des Wassers fast eine Woche nach der Überflutung unter Tränen wiedersahen, hielt er die Arzneimittelversorgung im Notkrankenhaus am Sonnenstein oberhalb von Pirna aufrecht. Nur wenig Schlaf hatten er und seine Angestellten, die auch pflegerisch im Krankenhaus mit anpackten, bekommen. Notdürftig hat eine befreundete Ärztin in der Nähe dem Apothekenteam Platz zur Verfügung gestellt, um wichtige Dinge zu erledigen. Doch auch für Kunze heißt es, wie für einige andere, noch einmal von vorne anzufangen.

Die PZ wird auch in den kommenden Ausgaben über die weitere Entwicklung in den betroffenen Regionen, auch aus Sachsen-Anhalt und Brandenburg berichten. Natürlich wird Sie die Redaktion auch über den Fortgang der Spendenaktion „Apotheker helfen“ auf dem Laufenden halten. Top

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