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Nach 19 Tagen einfach vor die Haustür gelegt

05.08.2002
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Testkauf bei DocMorris

Nach 19 Tagen einfach vor die Haustür gelegt

von Thomas Bellartz, Berlin

Immer wieder belegen Testkäufe, dass Versandhändler von Arzneimitteln nicht halten können, was sich eine Ministerin oder manche Krankenkassenmanager von ihnen versprechen. Das zeigt der jüngste Testkauf bei DocMorris, von der Pharmazeutischen Zeitung ausführlich dokumentiert.

Nachdem die PZ bereits in der vorletzten Ausgabe nach umfangreichen und exklusiven Recherchen nachweisen konnte, wie DocMorris seine Einkünfte tatsächlich versteuert, verdeutlicht der Testkauf die Schwächen des Versandhandels mit Arzneien.

Anfang Juli bestellte ein Testkäufer telefonisch an einem Freitagnachmittag gegen 16 Uhr mehrere Produkte. Die Dame am anderen Ende der Leitung erreichte er erst nach gut fünf Minuten in der Warteschleife. An diesem Tag funktionierte der Internetauftritt nach Angaben der Frau an der Hotline nicht. Er konnte sich also nicht online über Preise informieren. Sie forderte den Besteller auf, sein Rezept und einen Scheck oder eine Einzugsermächtigung mitzuschicken. Er werde dann in „acht bis zehn Tagen“ die Medikamente erhalten. Da der Internetauftritt nicht funktionierte, nannte sie dem Neukunden die Preise der Medikamente telefonisch.

Konfuse Informationen

Auf Nachfrage sagte die Frau, dass der Lieferant German Parcel kostenfrei liefere. Auf die Nachfrage, was passiere, wenn nicht alle drei Produkte vorrätig seien, kam die folgende Erklärung: „Eigentlich haben wir alles. Aber falls das so ist, halten wir zunächst ihr Rezept und die Ware zurück, bis alles komplett ist. Oder wir schicken ihnen die zwei Artikel, die wir haben. Eventuell schicken wir ihnen auch ihr Rezept ganz zurück.“

Auf Nachfrage sagte die Dame dann noch die deutsche (!) Adresse für die Rezeptzusendung: Apotheke 0800 DocMorris, Postfach 1143, 52111 Herzogenrath.

Originalrezept und Verrechnungsscheck wurden am 8. Juli 2002 zu DocMorris verschickt. Am 13. Juli kam dann erstmals Post von dem niederländischen Versender, Rezept und Scheck anbei. Beigefügt findet sich eine handschriftlich ausgefüllte Notiz mit der kommentarlosen Auflistung von drei Preisen für die drei verschriebenen Präparate N3 Norvasc 5 mg, N3 Beloc zok und N3 Isoket 120. Anscheinend hatte sich die Dame an der Telefonhotline bei den Preisen vertan. Denn statt der zunächst genannten 130,23 Euro werden nun 146,55 Euro verlangt.

Da dem Schreiben ein Rückumschlag beigefügt ist, geht der Besteller nun davon aus, einen neuen Verrechnungsscheck und ein weiteres Mal das Rezept versenden zu sollen. Am 15. Juli geht der Brief erneut auf die Reise, wieder zum Postfach nach Herzogenrath.

Keine Ersparnis

Dem Preis von 146,55 Euro bei DocMorris für die drei wahllos ausgesuchten Präparate steht übrigens ein deutscher Apothekenverkaufspreis inklusive Mehrwertsteuer von 153,04 Euro gegenüber. Das entspricht einem Einsparvolumen von sage und schreibe 6,49 Euro oder 4,24 Prozent. Da allerdings unklar ist, ob die deutsche Krankenkasse bei DocMorris 6 Prozent Zwangsrabatt abzieht, verzichtet diese auf 9,18 Euro und erleidet einen faktischen Verlust. Bei den deutschen Preisen handelt es sich im Übrigen um Originalware, nicht um Importe!

Es ist bereits Freitag, der 26. Juli 2002, als der Besteller noch einmal telefonisch bei DocMorris nachfragt. Nach dem ersten Kontakt sind exakt drei Wochen vergangen. Drei Versuche, das Unternehmen zu erreichen, scheitern („Alle Leitungen sind besetzt. Versuchen sie es später noch einmal.“). Beim vierten Mal landet der Anrufer acht lange Minuten in der Warteschleife über Kerkrade/Herzogenrath. Der freundliche Mann am Telefon kann den Auftrag zwar schlussendlich finden, zum Status kann er aber trotzdem nichts sagen. Er werde eine E-Mail an die Apotheke schicken, denn die sei nicht mehr besetzt. Und auch am Wochenende sei keiner da. Erst am Montag könne frühestens ein Rückruf erfolgen.

Paket lag vor der Haustür

Der Anruf war allerdings vergeblich. Denn vor der Haustür des Testkäufers steht bereits ein Paket. Das hat die Deutsche Post AG (nicht German Parcel!) neben dem Blumenkübel abgestellt. Einfach so. Niemand hat den Empfang quittiert, das Paket wurde keinem Erwachsenen oder einer anderen beauftragten Person übergeben. Es wurde schlicht abgestellt.

Gut nur, dass der Testkäufer das Herzmittel Isoket nicht wirklich brauchte. Immerhin waren seit der ersten Versendung des Rezeptes 19 lange Tage vergangen. Einen Tag später vor die Haustür gestellt, wäre das Paket bei glühender Hitze ohne Isolierung oder Kühlung vor sich hingeschmolzen. Gut auch, dass keine Kinder aus dem gegenüber liegenden Kindergarten das Paket auf seinen Inhalt „überprüften“ und die Tabletten als vermeintliche Smarties verschluckten.

Kein Abholauftrag

Überraschend war, dass die Ware überhaupt ankam. Denn einen Abholauftrag hatte der Kunde nie unterschreiben sollen oder unterschrieben. Das Paket mit den Arzneimitteln wurde versendet. Damit hat DocMorris offen geltendes Recht gebrochen.

Der komplette Vorgang inklusive Schriftwechsel, Fotos, Kopien von Rezept und Schecks sowie eine wörtliche Dokumentation des telefonischen Bestellvorgangs liegt der Redaktion Pharmazeutischen Zeitung vor. Top

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