Pharmazeutische Zeitung online

Aus dem toten Winkel

17.06.2002  00:00 Uhr

AOK-Bundesverband

Aus dem toten Winkel

von Thomas Bellartz, Berlin

Der AOK-Bundesverband wechselt beim Thema Versandhandel die Strategie. Doch die mächtige Kasse schaltet keinen Gang zurück. Nun kommt der etwas andere Angriff. Es wird subtil.

Dr. Hans-Jürgen Ahrens hat meistens ein Lächeln auf den Lippen, manchmal lacht er schelmisch. Oder er grinst hämisch. Jeder, der den Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesverbandes kennt, weiß, dass dieses Lächeln wenig mit Charme zu tun hat. Ahrens ist der bei weitem mächtigste Krankenkassenfunktionär der Republik. Die Rolle des Patrons von mehr als 20 Millionen Versicherten spielt er mit Bravour.

Wohl nicht zuletzt, um von den hohen Verwaltungskosten seines riesigen Apparates und dessen Fehlern abzulenken, hat der Chef einer der größten geschlossenen Bürokratien der Republik in den vergangenen Monaten massiv für den Versandhandel mit Arzneimitteln geworben. Ob es dabei um die politische Lobbyarbeit im Hintergrund, die offensive Unterstützung von Internet-Apotheken oder die Steilvorlage für Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und deren Empfehlung am Runden Tisch geht. Ahrens hält nicht nur viele Strippen in Händen, sondern beizeiten zieht er sie auch.

"Initiative Pro Apotheke" beeindruckte

Die Unterschriftenaktion der "Initiative Pro Apotheke" hat bei den PR-bewussten Strategen in der AOK-Führung anscheinend Eindruck gemacht - und zu einem Strategiewechsel geführt. Doch weder die ABDA noch die Apotheken dürfen sich über die Rochade von Ahrens & Co. freuen.

Beim großen AOK-Tag in Berlin hatte Ahrens - wenige Wochen vor der Bundestagswahl - die Delegierten und AOK-Chefs aus ganz Deutschland einfliegen lassen. Zehn Jahre nach der letzten vergleichbaren Veranstaltung schwor die Führungsriege der Ortskrankenkassen ihre Leute auf einen klaren Kurs ein. Es müsse - im System - gespart werden, es müsse genauer hingeschaut werden - beim Patienten wie bei den Leistungserbringern.

Das Resümee: Die AOK will vom Payer zum Player werden. Die Bürokraten-Maschinerie, die zwar in den vergangenen zehn Jahren entschlackt wurde, aber unter Branchenkennern immer noch als schwer- wie anfälliger Koloss gilt, möchte mehr sein als nur die Kasse der Patienten. Bei der Politik, besonders bei den Sozialdemokraten, die oft in AOK-Gremien sitzen, hat man ein offenes Ohr für die Interessen der Kassen. Versicherte sind gleichsam Wahlvolk. Ahrens weiß das.

Apotheken öffentlich verschont

Bei den vielen Einsparpotenzialen, die beim AOK-Tag aufgezeigt wurden, blieben die Apotheken verschont. Weder vom Versandhandel mit Arzneimitteln noch von Internet-Apotheken wurde offen gesprochen.

Die AOK-Öffentlichkeitsarbeiter wissen schließlich, dass unter den etlichen hunderttausend Patienten, die bis zum 15. Juni in den Apotheken für die Apotheke und gegen die Einführung des Versandhandels unterschrieben hatten, zahlreiche AOK-Mitglieder sind. Und deren Unterschrift zählt. Zumindest öffentlich.

Bei Durchsicht der umfangreichen Unterlagen, die die AOK den Delegierten wie Gästen zur Verfügung stellte, wurde klar, dass die Kasse nur die Art der Debattenführung ändert, aber nicht deren Ziel aus den Augen verliert. So findet sich in den Unterlagen der Schulterschluss mit einigen Positionen des SPD-Wahlprogramms. Da ist bekanntlich von einer "Liberalisierung des Vertriebsweges und der Preisgestaltung" bei Arzneimitteln die Rede.

Noch viel subtiler geht die AOK bei der inhaltlichen Ausrüstung und Information von Journalisten zu Werke. So findet sich in der Pressemappe - ebenso wie im Internet als Download - eine Grafik über Apotheken. Und genau die soll belegen, dass Apotheken ihre Patienten schlecht beraten. Das wird mit einem kurzen, aber deutlichen Text garniert.

Wie ein Bumerang

Der Trick: Die AOK spricht zwar nicht über den Versandhandel, aber über die vermeintliche miserable Beratung in den Apotheken. Die ist - immer mal wieder - ein (Negativ-) Thema in anderen Massenmedien und fliegt damit den Apothekerinnen und Apothekern wie ein Bumerang um die Ohren. Schließlich ist eines der schwerwiegenden Argumente gegen den Versandhandel und die Internet-Apotheke die Beratung durch das pharmazeutische Fachpersonal.

Mit dem Strategiewechsel weicht die AOK nicht von ihrem grundsätzlichen Ziel ab. Und da geht es den Apotheken in der Auseinandersetzung mit der AOK nichts anders als anderen Leistungserbringern. Es wird Druck aufgebaut. Darüber kann auch der lächelnde AOK-Boss nicht hinwegtäuschen. Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa