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Kassen können Glück kaum fassen

31.05.2004  00:00 Uhr
GKV-Ausgaben

Kassen können Glück kaum fassen

von Thomas Bellartz, Berlin

Kaum zu glauben: Das zufriedenste Kabinettsmitglied dürfte Ulla Schmidt sein. Die Krankenkassen schreiben schwarze Zahlen und die Gesundheitsministerin lässt keinen Zweifel daran, dass ihr das Lob für diese Entwicklung gebührt.

„Wir haben das mehrfach gerechnet“, sagte der Mitarbeiter eines großen Krankenkassen-Verbandes am Dienstag gegenüber der PZ. Denn man sei überrascht gewesen, wie gut sich die Finanzlage in den letzten Wochen entwickelt habe. Erstmals seit rund zehn Jahren schreiben die gesetzlichen Krankenkassen wieder schwarze Zahlen. Und dies, obwohl die Konjunktur nicht anspringen will und damit die Einnahmenseite weiterhin Probleme macht.

Von Januar bis März verbuchten die Krankenkassen zusammen einen Überschuss von fast einer Milliarde Euro. Im ersten Quartal 2003 hatten die Kassen noch ein Defizit von 630 Millionen Euro ausgewiesen.

Grund für den finanziellen Umschwung ist die zu Jahresbeginn gestartete Gesundheitsreform: Sie bringt den derzeit noch rund 280 Kassen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erhebliche Entlastungen über höhere Patientenzuzahlungen und die neue Praxisgebühr bei Arztbesuchen. Mit dem Finanzergebnis der ersten drei Monate 2004 steigt die Chance auf weitere Beitragssenkungen der Krankenkassen. Das bekräftigte am Pfingstwochenende auch der Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes, Dr. Hans-Jürgen Ahrens. Spätestens zum Jahresende 2004 werde man die Beiträge spürbar senken. Auch wenn damit von den von Schmidt geforderten flächendeckenden Beitragssenkungen weiterhin nicht viel zu spüren ist, zeigt dies doch, dass das GMG Wirkung entfaltet.

Und auch die historische Dimension ist beachtlich: Einen Quartalsüberschuss gab es bei den Kassen letztmals zu Beginn des Jahres 1994. Er lag damals bei umgerechnet 480 Millionen Euro.

Das bisher schlechteste Quartalsergebnis wies die GKV zu Jahresbeginn 1992 aus, als zwischen Einnahmen und Ausgaben eine Lücke von umgerechnet 1,9 Milliarden Euro klaffte. Im vergangenen Jahr hatten die Krankenkassen - vor dem In-Kraft-Treten der Gesundheitsreform – noch mit einem Minus von gut 2,9 Milliarden Euro abgeschlossen.

Am Freitag hatte der AOK-Bundesverband einen Überschuss von 370 Millionen Euro für das erste Quartal bekannt gegeben. Dazu trugen die stark rückläufige Ausgaben als auch Einnahmenzuwächse bei. Positiv zu Buche schlugen auch die weiter sinkenden AOK-Krankengeldausgaben.

Ins Rollen gebracht hat die Welle positiver Informationen die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Sie teilte kurz vor Pfingsten mit, die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen hätten im April rund 12 Prozent unter den Ausgaben von April 2003 gelegen. Damit habe die GKV in den ersten vier Monaten dieses Jahres insgesamt 1,121 Milliarden Euro weniger für Arzneimittel aus Apotheken ausgegeben als im Vorjahreszeitraum.

„Die Zahlen zeigen weiterhin deutliche Einsparungen für die Gesetzlichen Krankenkassen im Arzneimittelbereich durch die Maßnahmen des GMG“, sagte Professor Dr. Rainer Braun, Hauptgeschäftsführer der ABDA in Berlin. „Für das Gesamtjahr 2004 erwarten wir nach wie vor einen Ausgabenrückgang von etwa 15 Prozent. Allerdings bleibe abzuwarten, wie sich der Anteil der Zuzahlungen in den nächsten Monaten entwickeln wird, denn im April hat das Zuzahlungsvolumen weiter abgenommen. Viele Patienten haben offensichtlich in den ersten drei Monaten bereits ihre Belastungsgrenze erreicht und sind für den Rest des Jahres von der Zuzahlung befreit."

Am Dienstag erklärte Schmidt, dass sie sich weiterhin für sinkende Beiträge einsetzen werde. Sie verwies auf die Einsparungen im Arzneimittelsektor und auf die Eigenbeteiligung der Patientinnen und Patienten. Sowohl das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) als auch das Bundespresseamt hatten die ABDA-Informationen als Basis für eigene Medieninformationen genutzt und darauf Bezug genommen.

Am vergangenen Mittwoch hatte das Statistische Bundesamt, Wiesbaden, darauf hingewiesen, dass die Gesundheitsreform die Umsätze der Apotheken in Deutschland erstmals seit 1997 habe sinken lassen. Demnach hätten die Apotheken im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahresquartal 6,3 Prozent weniger eingenommen. Inflationsbereinigt gab es demnach ein Umsatzminus von 5,9 Prozent. Einen Umsatzrückgang in einem ersten Quartal gab es nach Angaben der Statistiker zuletzt 1997, als eine Gesundheitsreform die Ausgaben für Medikamente begrenzen sollte. Top

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