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Zu wenig Zeit und Freiheit

24.05.2004
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Deutscher Ärztetag

Zu wenig Zeit und Freiheit

von Thomas Bellartz, Bremen

Der Graben zwischen Ärzteschaft und Bundesregierung ist tief. Das wurde während des 107. Deutschen Ärztetages in Bremen erneut deutlich. Die Fronten sind verhärtet angesichts der jüngsten Reform, und das trotz der versöhnenden Worte von Bundespräsident Johannes Rau zum Auftakt der Großveranstaltung.

Nach Ansicht des Ärztetages, dem höchsten Gremium der deutschen Mediziner, beschneidet die Gesundheitsreform die Freiheit von Arzt und Patient. „Wir sollen nur noch das Genehmigte absolvieren und haben keine Freiheit mehr, unser Wissen dem Patienten zu Gute kommen zu lassen“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, zum Abschluss der Veranstaltung. Alles werde reguliert und eingeschränkt; auch den Patienten bleibe keine Wahlfreiheit mehr. Dabei sollten sich die Programme nicht nach dem vorhandenen Geld, sondern nach Qualität der Versorgung richten. Es bringe nichts „nur auf die Ärzte einzutrampeln. Wir müssen schon mal tiefer nachdenken“, sagte Hoppe. Er forderte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) auf, die gerade beschlossenen Gesetze auf den Prüfstand zu stellen. Die Ministerin hatte noch bei der Auftaktveranstaltung in Bremen darauf hingewiesen, dass die Reform bereits erste Erfolge zeige – und damit Gelächter geerntet.

Die Bilanz des Ärztetages sei positiv, so Hoppe. Er betonte, „dass Ärzte und Patienten in einem Boot sitzen“. Die 250 Delegierten des Ärztetages, die die unterschiedlichen Strömungen und vielfältigen Meinungen der Ärzteschaft abbilden sollen, verabschiedeten auch eine neue Berufs- und Weiterbildungsordnung. Danach dürfen Ärzte künftig über den Praxissitz hinaus an zwei weiteren Orten tätig sein. Ärzte dürfen sich zu Gemeinschaften und Praxisverbünden zusammenschließen. Auch eine Weiterbildungsordnung wurde beschlossen.

Bürokratie zurückdrängen

Die Ärztinnen und Ärzte wollen nicht länger hinnehmen, dass ihnen durch bürokratische Vorgaben immer mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit, die Patientenversorgung, genommen wird. „In einer konzertierten Aktion von Politik, ärztlicher Selbstverwaltung und Krankenkassen muss die fatale Entwicklung der zunehmenden Bürokratisierung gestoppt werden", forderte der Ärztetag. Als gemeinsames Ziel müsse eine massive Reduzierung der Dokumentationsmengen angestrebt werden. Schreibarbeiten aller Art, Statistiken, Bescheinigungen, Dokumentationen und Auswertungen nähmen inzwischen einen Großteil der gesamten Arbeitszeit ein, kritisierten die Delegierten. Nach einer Analyse der Bundesärztekammer werden Ärzte durch vermeidbare Doppeldokumentation, unnütze oder arztfremde Dokumentation, überbordende Kontrolldokumentation, uneinheitliche Dokumentationsmaßstäbe, unzureichende -instrumente und eine übermäßige Komplexität von Abrechnungsbestimmungen, Kodierrichtlinien und Vergütungsverordnungen von der Patientenversorgung abgehalten.

„Die Ärzteschaft ist nicht gegen Dokumentation und Qualitätssicherung. Sie ist lediglich dagegen, sich mit der Erfassung von Daten zu belasten, die hinterher nicht sinnvoll genutzt werden", erklärte Dr. Ursula Auerswald, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer und Präsidentin der Ärztekammer Bremen. Bei der Einführung neuer Dokumentationen müsse deshalb dringend kontrolliert werden, ob ältere Dokumentationen dadurch entfallen könnten. „Wir wollen ein Bewusstein schaffen, dass mit der Bürokratie, die nicht patientenorientiert ist, Schluss sein muss. Wir akzeptieren, dass zur Führung von Krankenhäusern und Praxen bestimmte Kontrollsysteme bestehen müssen. Wir fordern jedoch, Rechtsgrundlagen und technische Lösungen zu schaffen, die eine Mehrfachdokumentation überflüssig machen", sagte Auerswald.

Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus verbrächten heute mitunter 25 bis 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation, Arztbriefe nicht eingerechnet, kritisierte der Ärztetag. Die „Krönung" im ambulanten Bereich seien die Chroniker-Programme (Disease Management-Programme), für die allein drei Bögen pro Patient auszufüllen seien. Hinzu kommen etwa 60 weitere Formulare, mit denen sich ein Kassenarzt in der Praxis täglich auseinander setzen müsse. „Bei der Durchsicht der DMP-Formulare zeigt sich, dass mindestens die Hälfte des Erfassungsumfangs eingespart werden könnte", heißt es in dem Beschluss des Ärztetages.

Der Deutsche Ärztetag kritisiert zudem, dass auch wohnungslose Sozialhilfeempfänger zur Leistung von Praxisgebühren und Zuzahlungen herangezogen werden. Der Gesetzgeber müsse Regelungen schaffen, die mit der Gesundheitsreform entstandenen Behandlungsbarrieren für diesen Personenkreis wieder rückgängig machen, forderten die Delegierten. „Die bei den meisten Wohnungslosen theoretisch anwendbare Chronikerregelung kann das grundsätzliche Problem nicht auffangen", heißt es in dem Beschluss des Ärzteparlaments. Ohne eine Veränderung der Gesetzeslage müsse zukünftig wieder mit mehr Notfalleinsätzen und insgesamt höheren Behandlungskosten für wohnungslose Patienten gerechnet werden.

Die ärztlichen Projekte zur Versorgung Wohnungsloser melden seit In-Kraft-Treten des GKV-Modernisierungsgesetzes am 1. Januar 2004 einen drastischen Rückgang der Patientenzahlen. In Deutschland leben rund 200.000 alleinstehende Wohnungslose. Die meisten von ihnen weisen ein geringes Krankheitsbewusstsein auf und sind durch die medizinische Regelversorgung nur schwer zu erreichen. Aus diesem Grund sind in den letzten Jahren in den meisten größeren Städten Deutschlands Projekte entstanden, die sich zum Ziel gesetzt haben, durch aufsuchende Hilfen die ärztliche Versorgung Wohnungsloser sicherzustellen. Top

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