Pharmazeutische Zeitung online

Großer Wurf und voll daneben?

26.05.1997
Datenschutz bei der PZ

-Politik

  Govi-Verlag

Großer Wurf und voll daneben?
Pharmacon Meran

  Ob die einst als "großer Wurf" geplante 3. Stufe der Gesundheitsreform wirklich gelungen ist, scheint aus Sicht des BAK-Präsidenten Dr. Hartmut Schmall eher zweifelhaft. Sicher sei, daß nach derzeitigem Stand der Dinge dem Patienten finanziell der Schwarze Peter zugespielt werde, betonte Schmall am 25. Mai bei seiner Eröffnungsrede zum 35. Pharmacon der Bundesapothekerkammer in Meran.

Er verwies damit auf die zum 1. Juli in Kraft tretende erneute Zuzahlungserhöhung für die Versicherten - bereits die zweite in diesem Jahr. Rund 16 Prozent aller Arzenimittelverordnungen würden so in Zukunft von den Versicherten komplett selbst bezahlt, rechnete Schmall vor. Allein in diesem Jahr komme man - nur für Arzneimittel - bereits auf Selbstbeteiligungskosten von circa 5 Milliarden DM.

Durch die zum 1. September zusätzlich wirksam werdende Kopplung der Patientenzuzahlung an Beitragserhöhungen der Kassen werde die Situation weiter erschwert (1DM mehr pro 0,1 Prozent Erhöhung), monierte Schmall. Die vom Gesetzgeber dadurch erhoffte Förderung des Wettbewerbs zwischen den Kassen hält er für "blauäugig" und wenig realistisch. Es sei kaum zu erwarten, daß Patienten die Krankenkassen wechselten wie das Hemd.

Der Apotheker sei derjenige, der die Reaktion der Versicherten letztendlich zu spüren bekomme und die Aufklärungsarbeit zu leisten habe, prognostizierte der BAK-Präsident. Die Berufsorganisationen entwickeln zu diesem Zweck derzeit Plakate, Handzettel, Aufsteller und Quittungshefte; eine Kopie dieses Materials wird im Juni der PZ beiliegen. Zusätzlich solle man die Patienten zur Nutzung von Härtefallregelungen motivieren, forderte Schmall auf.

Strukturverträge verschlechtern Versorgungsqualität

Ablehnend äußerte er sich zu dem nach § 73a SGB V zulässigen Abschluß von Strukturverträgen zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen, in denen risikoabhängige "Pro-Kopf-Pauschalen" für jeden einzelnen Patienten vereinbart werden können. Solche Maßnahmen kämen den amerikanischen HMOs gleich, womit auch in Deutschland eine Patientenselektion und eine Verschlechterung der Versorgungsqualität zu befürchten sei, kritisierte Schmall. Auch hier sei der Patient der Hauptbetroffene.

Allen Widrigkeiten zum Trotz stehe die ABDA dennoch weiterhin zu ihrem Konzept, die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker zum Wohle des Patienten zu intensivieren. "Wir sollten jede Gelegenheit nutzen, um mit den Ärzten, beispielsweise im Rahmen der Arzt/Apotheker-Gesprächskreise, in Kontakt zu kommen", mahnte Schmall. Der Apotherkerstand müsse seine Hilfe bei Fragen zur Arzneimittelqualität und bei der Etablierung eines qualitätsgesicherten Budget- und Richtgrößenmanagements anbieten, Wenn andere dies übernähmen, bedeute das einen weiteren Schritt in Richtung Fremdbestimmung des apothekerlichen Handelns.

"Der Vertriebsweg Apotheke ist in Deutschland ganz sicher nicht als überteuert anzusehen", betonte der BAK-Präsident mit Blick auf die Kassen-Forderungen nach Einführung des Versandhandels. Bezogen auf zu Lasten der GKV verordnete Arzneimittel sei die durchschnittliche Handelsspanne der deutschen Apotheken mit etwa 22 Prozent die zweitniedrigste in der EU. Zum Vergleich: amerikanische Versandhandlungen rechnen mit einer Marge von rund 25 Prozent.

Schmall sieht erhebliche Risiken im Hinblick auf die Arzneimittelsicherheit des Patienten, falls die Versendung von Arzneimitteln eines Tages wirklich Norm werden sollte. Auch wenn es nach derzeitigem Stand nahezu unmöglich erscheine, ein EU-weites Verbot des Versandhandels zu erwirken, dürfe es dennoch nicht so sein, daß liberalere EU-Regelungen nationale Vorschriften konterkarieren, betonte er.

"In der Diskussion um den Stellenwert des Apothekerberufs müssen wir unseren Nutzen für die Arzneimitteltherapie des Patienten herausstellen und unser pharmazeutisches Know-how in die Waagschale werfen", erinnerte Schmall zum wiederholten Male. Dabei sei wissenschaftlich und praktisch orientierte Fortbildung wie bei den Fortbildungskongressen der Bundesapothekerkammer unverzichtbar.

Zum Schluß noch eine gute Nachricht: Die bereits seit langem geplante Erneuerung der Approbationsordnung scheint Form anzunehmen. Eine jetzt vom BMG einberufene Arbeitsgruppe will sich in den nächsten Monaten mit der Entwicklung beschäftigen. Schmall: "Die BAK wird sich dabei dafür einsetzen, daß der Apotheker künftig bereits mit der Ausbildung so qualifiziert ist, daß er nicht nur der Fachmann für das Arzneimittel ist, sondern der Fachmann für das Arzneimittel, das am und vom Patienten angewandt wird."

PZ-Artikel von Bettina Schwarz, Meran
   

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa