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Apotheker stellen sich den Herausforderungen

03.05.2004
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ABDA-Presseseminar

Apotheker stellen sich den Herausforderungen

von Conny Becker, Thomas Bellartz, Anke Pfleger und Daniel Rücker, Berlin

Die Gesundheitsreform trifft Apotheker von den Leistungserbringern mit am stärksten. Die Pharmazeuten reagieren darauf mit einer Leistungsoffensive. Auf dem ABDA-Presseseminar am 4. Mai in Berlin informierte der Berufsverband rund 60 Journalisten über die Angebote des Berufsstandes.

“Hochaktuell sind Presseseminare in Jahren nach Gesundheitsreformen”, begrüßte ABDA-Präsident Hans-Günter Friese die Journalisten in Berlin. Die erstmals eintägige Veranstaltung solle traditionell über die aktuellen Entwicklungen im Gesundheits- und speziell im Apothekenwesen informieren und zur Diskussion anregen.

In diesem Jahr beleuchte das Seminar die Auswirkungen der letztjährigen Reform und ziehe eine Bilanz der ersten Monate nach dem GKV-Modernisierungsgesetz. Es habe sich bereits gezeigt, dass die Reform Arzneimittelausgaben senken konnte und Apotheker den Herausforderung des Mehrbesitzes und Versandhandels „voll umfänglich gewachsen“ sind. Optimistisch könnten die Apotheker deshalb sein, weil sie das Vertrauen der Bevölkerung genießen und die Qualität ihrer Arbeit immer weiter verbesserten.

„Mit zunehmender Bedeutung der Selbstmedikation haben wir im Frühjahr eine Beratungsoffensive angekündigt, die jetzt Gestalt annimmt“, sagte Friese. Bundesweit testen unangemeldete Pseudo-Customer die Apotheken in regelmäßigen Abständen – und zwar auf Wunsch des Apothekenleiters oder auch ohne dessen Wissen. Mit dieser „In-Prozess- oder Selbstkontrolle“ möchten die Apothekenkammern die Kollegen für die Beratung weiter sensibilisieren und eventuelle Schwachstellen verbessern.

„Uns ist es in relativ kurzer Zeit gelungen, mit Krankenkassen Verträge zu den Haus- oder Service-Apotheken zu schließen“, berichtete der ABDA-Präsident. Diese innovative Versorgungsform biete mehr Service für den Patienten, eine bessere Versorgung und helfe den Krankenkassen zu sparen.

Zur „Wettbewerbsoffensive“ zählte Friese darüber hinaus den Homeservice, mit dem Apotheken ausländischen Versandhändlern entgegentreten. Auch über das Internet können Kunden diesen zeitnahen Lieferservice beanspruchen. Rund 4500 Apotheken haben sich dafür bereits unter www.aponet.de angemeldet. Das anfängliche Hoch der Politik auf den Versandhandel nannte Friese „vorschnell“. Seiner Ansicht nach zeige der Versand nicht die erwünschten Einspareffekte, sondern schaffe vielmehr Versorgungslücken und Verunsicherung bei den Kunden. Auch in der Zeit der EU-Erweiterung und fortschreitender Globalisierung sieht Friese die wohnortnahe Versorgung mit Arzneimitteln sowie die eigens entwickelten Konzepte weiterhin als zukunftsweisend.

Zweifel an den Zielen

Eine erste Bilanz zog wenige Wochen nach Einführung des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG) der Hauptgeschäftsführer der ABDA, Professor Dr. Rainer Braun. Er reduzierte die Ziele des GMG auf drei wesentliche Punkte: die stärkere Liberalisierung des Systems, mehr Wettbewerb sowie eine Verbesserung der Qualität insgesamt. Braun machte keinen Hehl aus seiner grundlegenden Skepsis, ob die Bundesregierung überhaupt dazu in der Lage sei, ihre Ziele mit den eingeleiteten Maßnahmen zu erreichen: „Ob man das Erreichen der Ziele bei allen Maßnahmen erkennen kann, sei dahingestellt.“

Anhand mehrerer Beispiele erläuterte Braun den anwesenden Journalisten detailliert, warum bestimmte Maßnahmen wie die Einführung des Versandhandels mit Arzneimitteln nicht zwingend zu Kosteneinsparungen bei den Krankenkassen führen würden. Denn der Versandhandel werde über einen marginalen Marktanteil hinaus keine Rolle spielen. Das liege nicht zuletzt daran, dass die Margen keinen überdimensionierten Ertrag zuließen.

Der vom ABDA-Hauptgeschäftsführer präsentierte GMG-Maßnahmenkatalog vermittelte einen Eindruck von den vielfältigen Veränderungen, mit denen sich Apotheken spätestens seit dem 1. Januar 2004 auseinandersetzen müssen. So habe es auch bei den veränderten Zuzahlungen „einen großen Pressewirbel gegeben“. Die „Irritationen bei den Patienten“ seien nicht nur auf die Erhöhung der Zuzahlungen, sondern auf die Neuordnung bei den Befreiungen, die Zuzahlung bei Festbetrags-Arzneien sowie die eigene Finanzierung im OTC-Segment zurückzuführen.

„Dramatische Veränderungen“ beschrieb Braun insbesondere im Bereich nicht-verschreibungspflichtiger Arzneimittel. Das grüne Rezept sei eine praktikable Lösung für Ärzte, Apotheken und besonders für die Patienten. Ob als Beleg für die Einkommenssteuererklärung, als Merkhilfe und zur Vermeidung von Non-Compliance oder dank der gestalterischen „Nähe“ zum roten GKV-Rezept: Das grüne Rezept erfreue sich bereits wenige Wochen nach seiner Einführung breiter Akzeptanz.

Kritisch sieht er auch die Lösung für Homöopathika und Anthroposophika im Rahmen der OTC-Ausnahmeregelung. Als Pharmakologe lege er Wert auf die Klarstellung: „Das ist eine politische, aber auf keinen Fall eine therapeutische Entscheidung.“

Braun bemühte sich, ein transparentes Bild von der Preisbildung zu zeichnen. Immerhin habe die GKV alleine im ersten Quartal 2004 mehr als 300 Millionen Euro eingespart. Insgesamt rechne der Gesetzgeber in diesem Jahr mit rund einer Milliarde Euro.

Im Selbstmedikationsmarkt beobachte man, so Braun weiter, eine weitgehende Preiskonstanz. Selbst überschaubare Preissenkungen seien eher die Ausnahme. Detailliert ging der Hauptgeschäftsführer auf die Vorteile des neuen Kombimodells ein und rechnete den Medienvertretern das sich daraus ergebende Einsparpotenzial von rund 500 Millionen Euro allein im Jahr 2004 aus. Dies habe auch die Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS), Marion Caspers-Merk, unlängst bestätigt. Neben den Regelungen zur Bildung der Festbetragsgruppen erläuterte Braun, warum die Eröffnung einer Filialapotheke auch aus Apothekensicht nicht uneingeschränkt positiv zu bewerten sei. Er verwies darauf, dass die Filialapotheke beileibe kein Rettungsanker für Kleinapotheken sei. Das wirtschaftliche Risiko einer Filialgründung sei auf Grund sinkender Margen und wegen des insgesamt deutlich verschärften Wettbewerbs innerhalb der Branche zu groß.

Hausapotheke reduziert Kosten

Die Zahl chronisch Kranker und Pflegebedürftiger nimmt zu. So hat das Statistische Bundesamt errechnet, dass im Jahr 2030 3,09 Millionen Menschen auf Pflege angewiesen sind, fast doppelt so viele wie 2002. Außerdem wird unsere Gesellschaft immer älter, so dass in der Folge die Gesundheitskosten kontinuierlich ansteigen. Die Apotheken haben darauf reagiert. Das Konzept der Hausapotheke helfe Kosten einzudämmen und biete den Patienten gleichzeitig umfassende Beratung und Betreuung an, sagte ABDA-Geschäftsführerin Dr. Christiane Eckert-Lill. Der Barmer-Service-Vertrag mit Apotheken gilt für das gesamte Bundesgebiet. Darüber hinaus gibt es in einigen Bundesländern regionale Vereinbarungen.

Das Modell verhindere nicht nur Doppelverordnungen und trage so zur Kostenreduzierung bei, auch Über-, Unter- oder Fehlversorgung der Patienten werde ausgeschlossen, sagte Eckert-Lill. Das Hausapothekenmodell verringere und vermeide Arzneimittelrisiken. Das bedeutet für den Patienten nicht nur, dass er den bestmöglichen Gesundheitszustand erreicht, sondern ebenso bestmögliche Lebensqualität.

Der Versicherte könne frei entscheiden, welche Apotheke er zu seiner Hauapotheke mache, so Eckert-Lill. Zu den Leistungen der Hausapotheke gehören neben dem Erstellen eines Medikationsprofils, dem Interaktionscheck, dem Homerservice und einem Rabatt auf nicht-apothekenpflichtige Ware auch die Bestimmung von Laborparametern. Gesamtcholesterol, Blutdruck oder Body-Mass-Index werden ebenso ermittelt wie Blutzucker und sind Basis für die weitere Beratung. „Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu den Ärzten“, erläuterte Eckert-Lill. Vielmehr führen Apotheken durch die Blutzucker- oder Blutdruckmessungen den Arztpraxen Patienten zu, die ansonsten wohlmöglich keinen Arzt aufgesucht hätten.

Die ermittelten Laborparameter werden ebenso wie Angaben zu Geschlecht, Alter, Grunderkrankungen, bekannten Arzneimittelunverträglichkeiten oder Allergien vom Apothekenpersonal mit dem Einverständnis des Patienten als Stammdaten gespeichert. Weiterhin sind ärztliche Verordnungen und Selbstmedikation festzuhalten.

Mithilfe den gespeicherten Daten kann das Apothekenpersonal Interaktionschecks erstellen. Das System zeigt zum Beispiel bei einem Patienten mit vorhergehend registrierter Sulfonamidallergie sofort einen Warnhinweis etwa bei der Verordnung von Cotrim forte® an. Der Interaktionscheck zieht Alter und Geschlecht ebenfalls mit in die Bewertung ein. Ist auf dem Rezept eines männlichen Patienten ein Hormonpräparat verordnet, was üblicherweise zur Behandlung von Frauenkrankheiten vorgesehen ist, erkennt das System auch dies sofort und macht den Abgebenden darauf aufmerksam. Zudem errechnet es basierend auf Packungsgröße und Dosierung die Reichdauer der Medikation.

Wenn der Patient ein verordnetes Arzneimittel entweder zu häufig oder zu selten kauft, lasse dies auf Non-Compliance schließen und müsse hinterfragt werden, stellte Eckert-Lill fest. So könne sich unter anderem herausstellen, dass der Patient das verordnete Arzneimittel falsch dosiere. Die Prüfung bezieht sich auf rezeptpflichtige Arzneimittel sowie auf Präparate der Selbstmedikation. Das Erstellen von Interaktionsprofilen sowie die Beratung ist für den Patienten kostenfrei und im Service inbegriffen. Die Krankenkasse honoriert die Einführungsberatung der Apotheker mit 5 Euro. Für jeden weiteren Monat der Vertragsdauer kommen jeweils 5 Euro pro Patient und Beratung hinzu. Das monatliche Beratungshonorar zahlen die Kassen jedoch nur, wenn der Patient den Service der Apotheken auch tatsächlich in Anspruch genommen hat. Die Apotheken verfahren mit Patientendaten vertraulich. Krankenkassen und Ärzte haben keinen Zugang zu den Informationen, es sei denn, der Patient autorisiert den Apotheker ausdrücklich, bestimmte Angaben an den behandelnden Arzt weiter zu geben.

Darüber hinaus verpflichtet sich die Apotheke als Homeservice, Arzneimittel und apothekenübliche Waren direkt nach Hause zu liefern. Die Belieferung von Arzneimitteln ist für den Patienten ebenfalls kostenlos. Beim Bringdienst von apothekenüblichen Waren, kann die Apotheke allerdings eine Gebühr erheben. Eckert-Lill geht jedoch davon aus, dass der Großteil der Apotheken darauf verzichten werde. Der Homeservice sei vor allem gehbehinderten und alten Menschen von großem Nutzen. Zudem nehme der Anteil an allein lebenden Menschen oder Singles in unserer Gesellschaft zu, ergänzte ABDA-Geschäftsführer Dr. Frank Diener. Wenn ein Krankheitsfall auftritt, ist in der Regel niemand da, der schnell ein Medikament aus der Apotheke holen kann.

Eckert-Lill stellte heraus, dass der Patient die Vereinbarung mit seiner Hausapotheke jederzeit kündigen kann. Das Modell bringe für Patienten nur Vorteile.

aponet.de legt weiter zu

Angesichts der gesetzlichen Änderungen in der Arzneimittelversorgung war es nur konsequent, dass die Apotheker selbst in die Offensive gegangen sind. Neben dem Hausapothekenmodell ist der konsequente Ausbau des Internetportals aponet.de die wichtigste Antwort auf die Gesundheitsreform.

„Wir nehmen die Herausforderungen an.“ ABDA-Pressesprecher Elmar Esser stellte klar, dass die Apotheker das Internet so konsequent nutzen wie keine andere Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Seit Jahresbeginn sei aponet.de, das offizielle Portal der deutschen Apothekerinnen und Apotheker, erheblich ausgebaut worden. Die Aktivitäten spiegeln sich auch in steigenden Zugriffszahlen wider. Das Portal verzeichnet mittlerweile rund 1,4 Millionen Zugriffe pro Monat.

Kernstück des Angebots ist ein neues Bestellsystem für Arzneimittel, das optional auch den Homeservice für die Nutzer vorsehe. Von den 15 526 am Portal teilnehmenden Apotheken böten 4481 diesen Lieferservice an. Beim Homeservice handele es sich keinesfalls um Versandhandel, stellte Esser fest. Im Gegensatz u den Versendern lieferten die Homeservice-Apotheken Arzneimittel in der Regel am Tag der Bestellung aus. Zudem werde das Arzneimittel, wenn nötig, von pharmazeutischem Fachpersonal, also Apothekern oder PTAs, geliefert. Dies bedeute, dass die Beratung unmittelbar bei der Medikamentenabgabe erfolge und somit kein Unterschied zur Abgabe in der Offizin bestehe.

Neben den Homeservice-Apotheken kann der Patient über aponet.de in rund 5200 Apotheken Arzneimittel zur Abholung vorbestellen. So könne er sichergehen, dass die Apotheke das verordnete Präparat tatsächlich vorrätig habe und der Patient kein zweites Mal in die Apotheke kommen müsse. Wie Esser weiter ausführte, wurde das Bestellsystem vor einem Monat überarbeitet. Wegen steigender Nutzungszahlen musste die Rechnerkapazität deutlich erhöht werden.

Informationen

Über die Bestellmöglichkeiten hinaus biete aponet.de seinen Nutzern noch eine ganze Reihe von Informations- und Service-Angeboten. Neben ausführlichen laienverständlichen Beiträgen zu Krankheiten und Arzneimitteln gehören dazu auch eine Heilpflanzendatenbank, der Gesundheitsbrockhaus sowie tagesaktuelle Nachrichten.

Mit am häufigsten genutzt werde hierbei der Zuzahlungsbefreiungsrechner, sagte Esser. Patienten können sich von ihm ausrechnen lassen, ob die von ihnen bislang geleisteten Zuzahlungen für eine Befreiung ausreichen. Sollte dies der Fall sein, kann sich der Patient direkt ein Formblatt ausdrucken, dass er bei seiner Krankenkasse zur Befreiung einreichen kann.

Aponet.de bietet außerdem einen aktuellen Apothekennotdienstkalender. Kranke können hier zu jeder Tages- und Nachtzeit Notdienstapotheken im gesamten Bundesgebiet recherchieren. Einen besonderen Service zum Apothekennotdienst können in den nächsten Monaten alle Handybesitzer nutzen. Über die Nummer 82872 können sie sich an jedem Ort in Deutschland die beiden am nächsten liegenden Notdienstapotheken per Kurzmitteilung anzeigen lassen. Der Service wird in diesen Tagen bei den Netzbetreibern O2, E-Plus und Vodafone freigeschaltet. Ab Sommer soll er auch für T-Mobile-Kunden zur Verfügung stehen. Die Kosten betragen für den Anrufer 99 Cent.

Schon länger kann man bereits über stationäre Telefone Notdienstapotheken erfragen. Unter 11833 nennt die Telekom die nächste offene Apotheke.

Ebenfalls in diesem Jahr läuft eine Kooperation mit dem Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller an. Dessen Internetportal www.arzneimittelscout.de wird mit aponet.de verlinkt. Top

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