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Mehr pharmazeutische Verantwortung

02.05.2005  00:00 Uhr
DAV-Wirtschaftsforum

Mehr pharmazeutische Verantwortung

Neue Arzneimittelpreisverordnung, Barmer-Vertrag und Ausgrenzung der OTC-Arzneimittel: 2004 war für die Apotheker kein gewöhnliches Jahr. In seiner Rede zog der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands (DAV), Hermann S. Keller, die Bilanz eines Jahres, dass »in jeder Hinsicht ein Jahr des Umbruchs und der Umstellung für die Apotheken« war.

An erster Stelle der Neuerungen steht für den DAV-Chef die neue Arzneimittelpreisverordnung. Die weitgehende Abkopplung der Vergütung vom Arzneimittelpreis war innerhalb der Apothekerschaft lange Zeit nicht unumstritten. Rund 16 Monate nach der Einführung steht für Keller aber fest: »Sie hat sich in ihrer Struktur bewährt.« Ohne sie hätten sich die Apotheken nicht gegen rosinenpickende Versandapotheken behaupten können. Der Anteil des Versandhandels am Arzneimittelmarkt liege weiterhin im Promillebereich.

Entzauberung des Versandhandels

Nicht ohne Zufriedenheit stellte Keller fest, mit der Zulassung des Versandhandels habe auch dessen Entzauberung begonnen. Die Presse berichte heute weniger positiv über die Versender. Schuld daran seien lange Lieferzeiten, fehlende Beratung und eine mangelhafte Qualität. Probleme, die für die deutschen Apotheker nicht überraschend sind.

Einen Aufreger gibt es dennoch. Der Vertrag der BKK für Heilberufe mit DocMorris sei nicht akzeptabel, so Keller. Vor wenigen Tagen hatte die von Apothekern mitgegründete Krankenkasse ihre Kunden aufgefordert, beim niederländischen Versender zu bestellen.

Die neue Preisverordnung hat es den Apothekern auch erspart, für die hohe Strukturkomponente bei den Arzneimittelausgaben in Sippenhaft genommen zu werden. Sie profitieren nicht mehr von der Abgabe teurer Arzneimittel. Keller: »Niemand kann behaupten, die Apotheken seien die Preis- und Kostentreiber im deutschen Arzneimittelmarkt.« Mehr als zufrieden ist Keller auch mit den anderen Aktivitäten der Apothekerschaft. Es sei gelungen, die Chancen der Gesundheitsreform zu nutzen und gemeinsam mit den Patienten neue Wege zu beschreiten. Dazu gehört fraglos auch der Vertrag mit der Barmer Ersatzkasse und dem Deutschen Hausärzteverband. In der integrierten Versorgung könne der Apotheker seine Patienten noch effektiver betreuen. »Die Entscheidung für eine Hausapotheke schafft die Grundlage für ein sinnvolles Arzneimittelmanagement durch den Apotheker.« Die Zahlen zwei Monate nach dem Startschuss sprechen auch für sich. Bislang haben sich mehr als 750.000 Patienten bei 16.250 teilnehmenden Apotheken eingeschrieben.

Keller wehrte sich auch gegen alte Vorwürfe, die Apotheker hätten ihre Leistungen unter Wert an die Barmer verkauft. Das Gegenteil sei richtig: »In einer Zeit, in der viele versuchen, die öffentlichen Apotheker aus der Regelversorgung der Bevölkerung zu drängen, sie zu reinen Logistikern zu machen, sind wir in die genau die entgegengesetzte Richtung gegangen. Wir haben den Apotheker als Heilberufler in das Management der Krankenbehandlung stärker eingebunden.« Ein nicht zu unterschätzender Erfolg des Vertrages ist auch die gute Öffentlichkeitsarbeit, die er den Apothekern beschert hat. Das Hausapothekenmodell kommt bei Krankenkassen und Politik gleichermaßen gut an. Für Keller fällt die Bilanz deshalb rundum positiv aus: »Der Hausarzt-Hausapotheken-Barmer-Vertrag stärkt die Position des Apothekers im Beziehungsfeld Arzt-Patient-Krankenkasse. Er unterstreicht die pharmazeutische Verantwortung für die Betreuung des Patienten.«

Noch nicht eitel Sonnenschein

Völlige Harmonie mit den Krankenkassen hat der Vertrag freilich noch nicht bewirkt. Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Forderung der Kassen, den Herstellerabschlag zuzüglich Mehrwertsteuer zu berechnen. Sie drohten den Apothekern als Inkassostelle Zahlungen zu verweigern, wenn diese in Zukunft nicht den Abschlag zuzüglich 16 Prozent überweisen. Wie Keller berichtete, ist diese Ankündigung mittlerweile vom Tisch. Bei einem Gespräch mit Staatssekretär Klaus-Theo Schröder haben sich Kassen, Apotheker und Hersteller auf einen Musterprozess geeinigt, in dem die strittige Frage geklärt werden soll. Bis dahin verzichten die Kassen auf ihre Forderung. Sollte der Prozess allerdings das von ihnen gewünschte Ergebnis bringen, wollen sie das Geld nachträglich haben.

Wenig Anlass zur Freude bietet die Entwicklung bei den nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Deren Ausgrenzung aus dem GKV-Leistungskatalog hat dazu geführt, dass zu viele Patienten auf notwendige Arzneimittel verzichten. Dies zeigt sich daran, dass der Umsatzrückgang bei verordneten OTC-Arzneimitteln keineswegs kompensiert wird.

Weitaus positiver fällt Kellers Bilanz zur Freigabe der OTC-Preise aus: »Die Apotheker haben sich betriebswirtschaftlich klug verhalten und aus den Erfahrungen anderer Länder gelernt.« Es habe zwar punktuelle Preisabsenkungen und Preiserhöhungen gegeben. Doch seien die in der Regel moderat ausgefallen. Aus Sicht des DAV-Vorsitzenden ist das kein Wunder: »Flächendeckende Preisabsenkungen, wie dies die Politik wünscht, sind wirtschaftlich nicht umsetzbar.«

Auch die von der Apothekerschaft vorangetriebene Gesundheitskarte liegt im Plan. Das sieht auch Keller so: »Die Einführung wird ein Erfolg werden und kein zweites Mautdesaster.« Der ursprüngliche Zeitplan sei allerdings nicht zu halten, was jedoch kein großes Problem sei. Wichtig sei eine ausgereifte und praxistaugliche Lösung. Nachdem die Fraunhofer-Gesellschaft die Lösungsarchitektur fertig gestellt hat, können die Vorbereitungen für die Feldversuche starten.

Das Schlimmste verhindern konnten die Apotheker bei der geplanten Änderung des Apothekengesetzes. Hier wollte die Regierung bei der Arzneimittelversorgung der Krankenhäuser Logistik und Beratung voneinander trennen. Ursache war ein Verfahren der EU-Kommission, die die Warenverkehrsfreiheit durch die regionale Begrenzung der Krankenhausversorgung gefährdet sah. Der Entwurf der Bundesregierung fand jedoch im Bundesrat keine Mehrheit. Deshalb einigten sich Bundestag und Bundesrat im Vermittlungssausschuss auf einen Kompromiss, der zwar die Kreisgrenzen aufhebt, gleichzeitig aber die Versorgung aus einer Hand garantiert. Abschließend warb Keller noch einmal für das Engagement im Verband. Die Interessenvertretung für den Berufsstand sei ein hartes Geschäft. Auch in den kommenden Jahren komme viel Arbeit auf die Berufsvertretung zu. Top

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