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Deutliche Einsparungen im ersten Quartal

26.04.2004
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GKV-Arzneimittelausgaben

Deutliche Einsparungen im ersten Quartal

von Thomas Bellartz, Berlin

Auch wenn auf breiter Front sinkende Kassenbeiträge immer noch auf sich warten lassen, dürfte sich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) über die jüngsten Meldungen freuen: Denn die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen sind im ersten Quartal 2004 um 16,8 Prozent oder 892 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken.

Die Analyse von Professor Dr. Rainer Braun, Hauptgeschäftsführer der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: „Die Entwicklung in den einzelnen Monaten des ersten Quartals war vermutlich infolge der Vorzieheffekte im Dezember nicht unbedingt repräsentativ für das Gesamtjahr.“ Insgesamt zeige sich aber, dass die Gesundheitsreform zu deutlichen Einsparungen im Arzneimittelbereich führe.

Im März ist nach Brauns Angaben zwar der Rückgang um 1,6 gegenüber dem Vorjahresmonat geringer als in den beiden vorangegangenen Monaten ausgefallen. Dies sei aber nicht überraschend, weil die im Dezember 2003 angelegten Vorräte der Chroniker nun vermutlich weitgehend aufgebraucht seien. Braun: „Außerdem hat der Anteil der Zuzahlungen im März stark abgenommen, weil fast eine Million Patienten inzwischen ihre Belastungsgrenze erreicht haben und deshalb von der Zuzahlung befreit worden sind.“ Das werde sich auch auf die einzelnen Monatsbilanzen der GKV auswirken. So werde man wahrscheinlich in den „Quartalsendmonaten in diesem Jahr öfter höhere Arzneimittelausgaben zu beobachten sein als in den anderen Monaten, da die Praxisgebühr jedes Quartal anfällt“. Damit komme es alle drei Monate zu Vorzieheffekten. Weiterhin gehe man von einem Ausgabenrückgang für das laufende Jahr von 15 Prozent im Vergleich zum Jahr 2003 aus.

Auch die Zahlen des Informationsdienstleisters NDC Health belegen den erheblichen Rückgang. Zu Herstellerabgabepreisen betrug der Rückgang im jeweils ersten Quartal 2003 zu 2004 knapp 4,8 Prozent. Gleichzeitig seien rund 14,3 Prozent weniger Packungen abgesetzt worden als im Vorjahr. Die unterschiedlichen Ergebnisse von ABDA und NDC Health belegen, wie groß der Anteil der Apotheken an den Einsparungen für die GKV ist. Die Datenauswerter erwarten, dass sich die Entwicklung weiterhin wellenförmig fortsetzen wird. Erhebliche Verschiebungen habe es bei der Verschreibung bestimmter Packungsgröße gegeben. So stieg der Anteil der N3-Packungen im ersten Quartal erheblich an auf insgesamt 37,1 Prozent.

Ausnahmeliste bringt zwei Milliarden

Nach Berechnungen von IMS Health werden auf Basis der seit Mitte März vorliegenden „Ausnahmeliste“ etwa 90 Prozent der bisherigen ärztlichen Verordnungen an Patienten über 13 Jahre wegfallen. Dies bedeute zunächst Kosteneinsparungen für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) von mehr als zwei Milliarden Euro zu Apothekenverkaufspreisen. Angestrebt hatte der Gesetzgeber lediglich 1 Milliarde Euro.

Für die Pharmaindustrie seien „massive Umsatzverluste vorherzusehen“. Selbst wenn über die Selbstmedikation etwa die Hälfte des bisherigen Verordnungsumsatzes aufgefangen werde, würde dies immer noch einen Umsatzeinbruch von etwa 1,2 Milliarden Euro bedeuten, bei einer Kompensation von nur einem Drittel wären es etwa 1,5 Milliarden Euro. Ungeklärt sei zurzeit die Höhe einer eventuellen GKV-Mehrbelastung durch die Substitutionen von rezeptfreien Präparaten durch rezeptpflichtige Arzneimittel.

Hintergrund der Berechnungen von IMS Health ist die im Rahmen des GKV-Modernisierungsgesetzes beschlossene weitgehende Ausgrenzung von rezeptfreien Arzneimitteln aus der GKV-Erstattung. Eine Ausnahmeliste weiterhin erstattungsfähiger OTC-Präparate wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) definiert. Die Ausnahmeliste enthält etwa 40 Wirkstoffe und nennt die dazugehörigen Erkrankungen, bei denen die Substanzen erstattungsfähig sind.

Grundlage der Berechnungen bilden die im Jahr 2003 erfolgten Verordnungen rezeptfreier Präparate von elf wichtigen Fachgruppen im niedergelassenen Bereich. Berücksichtigt wurden Rezepte für Patienten ab 13 Jahren, da Verordnungen von OTC-Präparaten an Kinder bis 12 Jahre weiterhin GKV-erstattungsfähig sind. Unberücksichtigt blieben die ebenfalls weiterhin erstattungsfähigen Verordnungen für Jugendliche bis 18 Jahre mit Entwicklungsstörungen, da es sich hier um ein größenmäßig zu vernachlässigendes Segment handelt. Die Berechnungen enthalten dahingehend eine Unschärfe als nicht näher spezifizierte Diagnoseangaben nicht berücksichtigt werden konnten, da für eine zukünftige GKV-Erstattung die exakte Diagnose relevant ist.

Das Umsatzvolumen von im Jahr 2003 getätigten Verordnungen rezeptfreier Präparate für Patienten ab 13 Jahren lag bei 2,6 Milliarden Euro zu Apothekenverkaufspreisen. Dahinter stehen knapp 90 Prozent der insgesamt angefallenen Verordnungen; rund 320 Millionen Euro fielen für Rezepte an Kinder bis 12 Jahre an. Gemäß der Ausnahmeliste sind noch etwa 9 Prozent der in 2003 erfolgten Verordnungen erstattungsfähig, bei einer zukünftig wahrscheinlich häufigeren präzisen Diagnostizierung könnte sich dieser Anteil noch etwas erhöhen. Das in 2004 weiterhin verordnungsfähige Umsatzpotenzial liegt damit in einem Bereich zwischen etwa 220 und 300 Millionen Euro. Damit stünden mehr als 2 Milliarden Euro zur Disposition, die aus der GKV-Erstattung herausfallen. Wie groß die Umsatzverluste für Pharmaunternehmen sind, hängt davon ab, in welchem Ausmaß die Selbstmedikation kompensierend wirkt.

Von den hinsichtlich der Ausnahmeliste nach Umsatz bedeutendsten vier Arzneimittelgruppen mit Verordnungen rezeptfreier Präparate im Jahr 2003 verbleiben bei drei, nämlich Abführmitteln (62 Millionen Euro), Antihistaminika (61 Millionen Euro) und Acetylsalicylsäure (55 Millionen Euro), nur noch 9 Prozent der Verordnungen erstattungsfähig. Lediglich bei der Gruppe der Calciumverbindungen/Vitamin D (96 Millionen Euro) ist der Anteil mit 73 Prozent der Verordnungen deutlich höher. Top

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