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Lockerer Umgang

30.04.2001
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ARZNEIMITTELMISSBRAUCH

Lockerer Umgang

von Stephanie Czajka, Berlin

Marion Caspers-Merk, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, will den Missbrauch von Arzneimitteln stärker thematisieren. Das erklärte sie vergangene Woche in Berlin anlässlich der Vorstellung des Sucht- und Drogenberichtes für das Jahr 2000.

Insgesamt ging der Konsum legaler und illegaler Drogen leicht zurück. Allerdings nehmen Jugendliche immer mehr und immer früher Drogen. Die Zahl der Drogentoten ist im Vergleich zu 1999 bundesweit um 12 Prozent auf 2030 Tote angestiegen. Um den Missbrauch bei Methadon-Verschreibungen einzudämmen, wird ein zentrales Substitutionsregister eingeführt.

"Über den riskanten Umgang mit Medikamenten wissen wir immer noch zu wenig", sagte die Drogenbeauftragte. Das gelte insbesondere für Kinder und Jugendliche. Aus kleineren Untersuchungen lässt sich ableiten, dass der Umgang mit Arzneimitteln lockerer wird und dass sich weder Kinder noch Eltern des Risikos bewusst sind. Caspers-Merk "Es ist davon auszugehen, dass in vielen Familien das Pillenschlucken zur Befindlichkeitsbeeinflussung gängige Alltagspraxis ist." Umfragen zufolge ist ein Drittel der Eltern bereit, Schulschwierigkeiten der Kinder mit Medikamenten zu beheben. Bei Berliner Schülern wurde festgestellt, dass jeder fünfte Zehntklässler regelmäßig Arzneimittel nimmt, insbesondere Schmerztabletten. Deutlich angestiegen ist auch die medikamentöse Behandlung von Kindern mit Hyperkinesie. Wurden 1990 etwa 2500 Kinder behandelt, so waren es 1999 über 40 000. Von den Erwachsenen nehmen, einer Umfrage zufolge, 17 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer zumindest einmal pro Woche psychoaktive Arzneimittel.

Um die Datenlage zu verbessern, wird das Robert Koch-Institut (RKI) die Verschreibung von Arzneimitteln an Kinder und Jugendliche untersuchen. Diese Untersuchung ist Teil des "Kinder-Surveys", einer bundesweiten Bestandsaufnahme über die Gesundheit von Kindern. Im Bundesgesundheitsministerium starten jetzt zudem Expertengespräche, um über Konzepte zur Datenerfassung und über Maßnahmen gegen den Arzneimittel-Missbrauch zu beraten, berichtete Apotheker Dr. Horst Möller vom Referat für Betäubungsmittel und internationale Suchtstofffragen. Möller ist der Ansicht, dass auch Apotheker dabei einen "sehr wichtigen Beitrag leisten könnten", beispielsweise in datengestützten lokalen Qualitätszirkeln.

Einen engen Zusammenhang sieht Caspers-Merk zwischen Medikamentenabhängigkeit und der Einnahme von Ecstasy. Zwar ist auch der Ecstasy-Verbrauch nicht wesentlich angestiegen, szenenahe Einrichtungen berichten aber von immer riskanteren Konsummustern. Immer stärker verbreitet unter Jugendlichen sind auch Alkoholexzesse. Es gibt bereits 13-Jährige, die angeben schon mehrfach betrunken gewesen zu sein. Insbesondere an Wochenenden trinken sich viele gezielt einen Rausch an. "Binge Drinking" heißt dieses, auch aus anderen europäischen Ländern bekannte Phänomen. Seminare und ein Internetangebot, sollen helfen, Jugendliche aufzuklären, sagte Caspers-Merk.

Wenn auch der Konsum illegaler Drogen bundesweit konstant bis abnehmend ist, so gibt es gegenteilige Entwicklungen in einzelnen Untergruppen. Beispielsweise ist in Halle an der Saale und in Leipzig der Opiatkonsum überdurchschnittlich gestiegen. Unter jungen Aussiedlern hat sich die Zahl der Drogentodesfälle von 1999 bis 2000 vervierfacht. Crack ist nur in den Städten Frankfurt am Main und Hamburg ein Problem, nicht aber in Berlin. Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Zu 90 Prozent werde der Konsum im Erwachsenenalter eingestellt, sagte Caspers-Merk. Wer aber sehr jung, regelmäßig und vor allem aus Angst, Trauer oder Wut Cannabis nimmt, kann abhängig werden. In einigen Beratungsstellen ist die Zahl der Cannabis-Abhängigen um das doppelte gestiegen.

An einer ordnungsgemäßer Substitution mit Methadon sei keiner gestorben, sagte Marion Caspers-Merk. Wird jedoch zuviel verschriebenes Methadon gestreckt, verkauft und mit anderen Drogen eingenommen, kommt es zu Todesfällen. Um diese Praxis zu verhindern wird ein zentrales Substitutionsregister beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eingerichtet. Es wird voraussichtlich ab 1. Juli 2002 zur Verfügung stehen. Von diesem Zeitpunkt an dürfen nur noch speziell qualifizierte Ärzte Methadon verschreiben. Die Ärztekammer muss diese qualifizierten Ärzte melden, die Ärzte selbst melden verschlüsselt Substitutionsmittel und Patienten. Der Gesundheitsausschuss des Bundsrates hat vergangene Woche einstimmig dieses Konzept befürwortet. Am 11. Mai wird der Bundestag über diese Änderung der Betäubungsmittel-Verschreibungs-Verordnung (BtMVV) abstimmen. Mit einer Verabschiedung wird gerechnet.

 

 

Kritik an Drogenpolitik Die Oppositionsparteien sehen in dem Drogenbericht der Bundesregierung ein Dokument für das Scheitern der rot-grünen Drogenpolitik. CDU/CSU-Fraktionsvize Horst Seehofer forderte die Bundesregierung auf, ihre Strategie zu überdenken. Abhängige hätten die Legalisierung von Fixerstuben und die Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige als Signal empfunden, "das zu einer verringerten Wahrnehmung der Gefahren des Drogenkonsums beigetragen hat", glaubt Seehofer.

Der CDU-Gesundheitspolitiker rät der Regierung, den "Dreiklang von Prävention, Hilfe zum Ausstieg und strafrechtliche Verfolgung des Drogenhandels zu beachten. Der von der Bundesregierung eingeleitete drogenpolitische Kurswechsel sei ein "Irrweg, der schnellstmöglich verlassen werden sollte".

Die FDP-Politiker Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Detlef Parr werben für eine stärkere Gesundheitserziehung in der Schule sowie Informationsveranstaltungen über die Auswirkungen von Designerdrogen in Jugendtreffs und Diskotheken. Zudem sollte die Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung "Kinder stark machen" intensiviert werden. PZ

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