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Clara wirbt für Versandhandel

05.04.2004
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Clara wirbt für Versandhandel

von Patrick Hollstein, Berlin

Mit Clara, der virtuellen Gastgeberin bei www.die-gesundheitsreform.de, informiert das BMGS über die aktuellen Veränderungen im Gesundheitswesen. Leider ist Clara nicht unvoreingenommen.

Die aufwändig gestaltete Website des BMGS verzeichnet mittlerweile etwa 1 Million Besucher. Auf ihr sind bürgernah und in einer verständlichen Sprache Informationen zu den Inhalten und zur Umsetzung des GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) zu finden. Das gesellschaftspädagogische Angebot wird durch einen Newsletter, verschiedene Download-Dateien, Filmberichte einer Netzreporterin, ein Multimedia-Archiv, Informationen und Materialien für Journalisten und vieles mehr ergänzt. Absolutes Innovations-Highlight ist die virtuelle Ratgeberin Clara, die etwa 2000 Antworten auf fachspezifische Regelungen kennt und sogar auf Komplimente, Beschimpfungen und Anzüglichkeiten in angemessener Form reagieren kann. Auch äußerlich weist Clara eine gewisse Ähnlichkeit mit der Bundesgesundheitsministerin auf.

Darstellung nicht unvoreingenommen

Nicht immer haben die vermittelten Informationen und Hintergründe einen unvoreingenommenen Charakter. Den Akteuren im Gesundheitswesen widmet sich ein eigener Themenkomplex, in dem vor allem die wirtschaftlichen Eigeninteressen der Apotheken offen angeprangert werden.

„Jetzt ist Schluss damit, dass ein Apotheker umso mehr verdient, je teuerer das verkaufte Medikament ist“, tönen Clara und ihre Schöpfer vom Redaktionsbüro Gesundheit, das im Auftrag des BMGS das umfangreiche Informationsportal aufgebaut hat. Die Patientenberatung in der Apotheke, bislang auf Grund eigener wirtschaftlicher Interessen nur unzureichend patientenorientiert, werde durch die Gesundheitsreform gestärkt. Mehrbesitz und Versandhandel führten zu deutlich sinkenden Preisen für nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel, „Wettbewerbsfesseln“ würden gesprengt.

Clara beantwortet bereitwillig alle Fragen rund um das Thema Apotheke und Arzneimittel. Nachahmerprodukte hätten generell die gleiche Wirkung wie Originalpräparate, Arzneimittel per Post seien genauso vertrauenswürdig wie die, die man „über den Apotheken-Tisch gereicht bekommt“. Die wohnortnahe, flächendeckende Versorgung bleibt laut Clara gesichert, auch wenn der fiktive gehbehinderte, alleinlebende, multimorbide Witwer Paul Strutthaus (74) im Schaubeispiel seine Arzneimittel ganz bequem und problemlos im Internet bestellt.

Gewagte Ratschläge

Für all diejenigen, die mit diesen Hintergrundinformationen nichts anzufangen wissen, hält Clara verschiedene praktische Verhaltenstipps bereit. Die Aufforderungen zum Preisvergleich zwischen den Apotheken („Sie entscheiden durch die Wahl der Apotheke selbst, was Sie von den jeweiligen Preisen halten.“) oder zur Nachfrage des günstigsten wirkungsgleichen Medikaments („Hat Ihnen Ihr Apotheker schon einmal preiswertere Medikamente und kleinere Packungsgrößen empfohlen?“) gehören noch zu den unverfänglichen Ratschlägen.

„Nutzen Sie auch die Angebote der Versandapotheken“, lautet ein wesentlich offensiverer Aufruf Claras, der in auffälligem Widerspruch zu einer ihrer vorangegangenen Erläuterungen steht. Befragt man Clara nämlich zum Thema Versandapotheke, erfährt man, dass die Gesundheitsreform durch gezielte Regelungen einen fairen Wettbewerb zwischen Präsenz- und Versandapotheke garantiert.

Plötzlich gibt Clara sogar Ratschläge zur praktischen Umsetzung der Bestellung im Internet: „Klären Sie mit Ihrer Krankenkasse, welche Versandapotheken sie anerkennt und lassen Sie sich ein Verzeichnis zuschicken. Informieren Sie sich bei den Versandapotheken nach den Lieferbedingungen, -zeiten und wie Sie Ihre Rezepte einreichen müssen.“ Clara überlässt nichts dem Zufall.

Für Bürger, die der Gastgeberin noch immer nicht vertrauen, halten die Autoren Interviews und Texte mit einem ausgewiesenen Experten bereit: Professor Dr. Gerd Glaeske meldet sich gleich in mehreren kritischen Beiträgen zum Thema Arzneimittel und Apotheken zu Wort. Top

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