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Grün ist die Hoffnung

15.03.2004
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OTC

Grün ist die Hoffnung

von Daniel Rücker, Eschborn

Seit Jahresbeginn verordnen Ärzte kaum noch nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel. Die Mediziner setzen damit die im Parteienkonsens beschlossene Ausgrenzung von OTC-Arzneimitteln noch rigider um, als die Politiker geplant hatten. Das Grüne Rezept soll nun dafür sorgen, dass Patienten weiterhin alle therapeutisch notwendigen Arzneimittel einnehmen, auch wenn diese nicht von den Krankenkassen erstattet werden.

Der Einbruch bei Selbstmedikationsarzneimitteln war in den ersten Wochen nach In-Kraft-Treten des GKV-Modernisierungsgesetzes dramatisch. Um zwei Drittel sank nach IMS-Zahlen das Verordnungsvolumen in den ersten Wochen des Jahres. Der Rückgang kann nicht allein mit der Bevorratung vieler Patienten im Dezember erklärt werden. Und auch wenn man den Zuwachs in der Selbstmedikation berücksichtigt, bleibt ein klares Defizit gegenüber dem Vorjahr. Daraus ergibt sich, dass viele Patienten seit Jahresbeginn aus Kostengründen offensichtlich auf Arzneimittel verzichten, die sie eigentlich benötigen.

Mit dem Grünen Rezept verbinden Industrie, Apotheker und Ärzte die Hoffnung, dieses therapeutische Defizit ausgleichen zu können. Auf ihm können Ärzte im Sinne einer Privatverordnung OTC-Arzneimittel aufschreiben, die von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt werden. Das Grüne Rezept ist ein Gemeinschaftswerk von Deutschem Apothekerverband, Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller, Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie und Kassenärztlicher Bundesvereinigung. Über den Außendienst der Pharma-Unternehmen kommt es in diesen Tagen in die Arztpraxen.

 

Interview: Mehr als eine Empfehlungvon Daniel Rücker, Eschborn

In diesen Tagen kommt das Grüne Rezept in die Arztpraxen. Auf ihm können Ärzte ihren Patienten Arzneimittel verordnen, die in der GKV nicht mehr erstattungsfähig sind. Fritz Becker, Präsident des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg, und ABDA-Geschäftsführer Dr. Frank Diener haben bei der Konzeption die Interessen der Apothekerschaft vertreten.

PZ: Warum wird es ein Grünes Rezept geben?

Becker: Hintergrund ist die Ausgrenzung nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel aus der Erstattungsfähigkeit. Seit dem 1. Januar verordnen Ärzte praktisch keine Selbstmedikationsarzneimittel mehr zulasten der Krankenkassen. Das Grüne Rezept soll den Ärzten eine Möglichkeit bieten, solche Präparate wieder zu verordnen.

Diener: Das Grüne Rezept soll die Gefahr der Non-Compliance vermeiden oder wenigstens reduzieren. Wir wissen, dass bei Verordnungen oder schriftlichen Empfehlungen Einnahmefehler weitaus seltener sind als bei einer mündlichen Empfehlung des Arztes.

PZ: Wann wird das Grüne Rezept bundesweit verfügbar sein?

Becker: Das wird jetzt anlaufen. Wir haben in Sachsen und Nord-Württemberg und Nordrhein schon Vorläufer. Zurzeit werden die Rezepte gedruckt. Ich denke, dass wir etwa 30 bis 40 Millionen grüne Rezeptblätter in den nächsten Tagen in den Arztpraxen haben werden.

PZ: Wie kommen die Rezeptblöcke in die Arztpraxis?

Diener: Hauptvertriebsweg ist der Außendienst der pharmazeutischen Industrie. Wir haben das Rezept zusammen mit dem Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) und dem Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) entwickelt. Deren Mitgliedsunternehmen sind am stärksten von der Ausgrenzung betroffen. Die Hersteller lassen die Rezepte drucken und werden sie über ihren Arztaußendienst verteilen.

Becker: Apotheken können selbstverständlich auch Rezeptblöcke drucken lassen und an Ärzte verteilen. Die Adressen der Druckereien sind bei den Apothekerverbänden zu erfragen.

PZ: Können Apotheker oder Pharmahersteller die Rezepte auch zu Werbezwecken nutzen?

Becker: Nein, die Standards sind vorgegeben. Es war eines unserer wesentlichen Anliegen, dass die Rezepte werbefrei bleiben. Das gilt auch für Logos oder Stempel.

PZ: Faktisch ist die Ausgrenzung von OTC-Arzneimitteln seit 1. Januar Realität. Warum kommt das Grüne Rezept erst jetzt?

Diener: Der Deutsche Apothekerverband musste sich mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dem BAH und dem BPI abstimmen. Dies kostet nun einmal Zeit. In diese Zeit fiel jedoch auch die Einführung der Praxisgebühr und die Zuzahlungserhöhung und das hatte bei allen Beteiligten natürlich Priorität.

Becker: Im Prinzip ist das Grüne Rezept eigentlich erst zum 1. April erforderlich, denn bis dahin gelten im ersten Quartal ja noch die gesetzlichen Übergangsregeln, die den Ärzten die Weiterverordnung der nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel ja ausdrücklich erlauben. Wir konnten nicht einkalkulieren, dass die Ärzte mit ihrer restriktiven Verordnungspraxis so weit über das Ziel hinausschießen würden. Sie haben die Übergangsfrist faktisch nicht genutzt.

PZ: In der Ärzteschaft ist das Grüne Rezept umstritten. Was bringt es dem Arzt?

Becker: Unser Eindruck ist ein völlig anderer: Die Ärzte sind am grünen Rezept sehr interessiert. Der Arzt kann damit seinem Patienten signalisieren, dass ein bestimmtes Medikament für die Therapie wichtig ist. Eine Verordnung auf Grünem Rezept ist eben keine unverbindliche Empfehlung. Nehmen wir ASS 100 in der Prävention. Nach aktuellem Stand, wird sie in der Prävention wohl nicht von der Kasse erstattet. Hier dokumentiert der Arzt wie wichtig die Einnahme ist. Außerdem vermeidet er eine mögliche Fehlmedikation, wenn der Patient auf eine mündliche Empfehlung hin in Unkenntnis, nicht die Dosierung 100 mg, sondern 500 mg in der Apotheke nachgefragt hätte.

PZ: Werden die Ärzte das Grüne Rezept annehmen?

Diener: Darauf deutet alles hin. Die Ärzte haben im vergangenen Jahr rund 250 Millionen Mal nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel verordnet. Ich denke, dass sie dafür gute therapeutische Gründe gehabt haben, und dass diese nicht schlagartig entfallen sind. Es gibt also ohne Frage einen Bedarf für das Grüne Rezept. Schließlich werden ja nicht irgendwelche zweifelhaften Arzneimittel aus der Erstattungsfähigkeit ausgegrenzt, sondern wirksame unumstrittene Präparate.

Becker: Im KV-Bezirk Nord-Württemberg gibt es bereits seit zwei Jahren ein Grünes Rezept. Dort funktioniert es reibungslos. Es wird natürlich immer einzelne Ärzte geben, die das ablehnen. Aber das sollte man nicht überschätzen.

PZ: In welchem Umfang wird das Grüne Rezept den Einbruch bei OTC-Verordnungen kompensieren können?

Diener: Das können wir heute noch nicht sagen. Wir müssen erst einmal abwarten, wie sich die Umsätze in den nächsten zwei, drei Monaten entwickeln werden, um das quantifizieren zu können. Wenn die Ausnahmeliste endlich steht, wird auch wieder mehr Ruhe ins System kommen.

Becker: Eine Totalkompensation wird es nicht geben. Das ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem für die Hersteller und die Apotheker. Noch wichtiger ist, dass viele Patienten nicht mehr die Arzneimittel einnehmen, die der Arzt noch im vergangenen Jahr für notwendig hielt. In meiner Apotheke stehen immer wieder Menschen, die auf ein Arzneimittel verzichten, weil sie es sich nicht mehr leisten können.

PZ: Einige Apotheker werden sagen, Selbstmedikation ist Apothekersache, dafür brauche ich keinen Arzt. Warum sollte ein Apotheker Rezeptblöcke an Ärzte verteilen

Diener: Das ist doch kein Widerspruch. Die Selbstmedikation bleibt ja in der Apotheke. Es geht doch nur um die Verordnungen, die nun nicht mehr erstattet werden können. Die waren medizinisch notwendig und sollten deshalb erhalten werden. Ich kann nicht erkennen, wo das Grüne Rezept die Kompetenz der Apotheker in der Selbstmedikation einschränkt.

Becker: Man muss zwischen klassischer Selbstmedikation und arztgestützter unterscheiden. Wer eine Befindlichkeitsstörung mit einem Medikament lindern will, der wird auch in Zukunft direkt in die Apotheke kommen. Angesichts der 10 Euro Praxisgebühr sowieso.

PZ: Welche juristische Bedeutung hat das Grüne Rezept? Muss der Apotheker exakt das abgeben, was der Arzt aufgeschrieben hat.

Diener: Das Grüne Rezept ist eine privatärztliche Verordnung. Für den Patienten gibt es aber keine Verpflichtung, es einzulösen. Wenn der Patient in der Apotheke ein anderes Präparat kaufen möchte, dann kann er das Rezept natürlich verfallen lassen. Eine Diskussion um Aut idem stellt sich hier nicht.

PZ: Könnte ein Arzt auch verschreibungspflichtige Arzneimittel auf dem Grünen Rezept verordnen?

Becker: In Nord-Württemberg kommt dies vor. Manche Ärzte wollen so ihr Budget schonen.

Diener: Sachgerecht wäre es, wenn ein Arzt Lifestyle-Produkte, die nicht mehr von der GKV erstattet werden, auf einem Grünen Rezept verordnet. Die budgetschonende Verordnung von erstattungsfähigen Arzneimitteln auf diesem Weg halten wir für falsch, denn wenn erstattungsfähige Arzneimittel vom Arzt als notwendig angesehen werden, hat er dazu das rote GKV-Rezeptblatt zu benutzen. Sonst bringt er sich selbst in Regressgefahr.

PZ: Hat der Patient Vorteile vom Grünen Rezept, gegenüber der Empfehlung auf einem Notizzettel?

Diener: Es gibt die Möglichkeit, ärztliche Verordnungen als so genannte außergewöhnliche Belastungen bei der Einkommenssteuererklärung geltend zu machen. Das Grüne Rezept ist im Unterschied zur klassischen Selbstmedikation eine ärztliche Verordnung und wird vom Fiskus dabei anerkannt. In welchen Fällen diese steuerliche Berücksichtigung konkret zur Anwendung kommt, muss im Einzelfall geprüft werden. Auf die Belastungsgrenze bei Zuzahlungsbefreiungen kann es allerdings nicht angerechnet werden.

PZ: Welche Preisbildung gilt beim Grünen Rezept?

Diener: Bei allen rezeptfreien Arzneimitteln, die nicht im Rahmen der GKV abgegeben werden, ist der Apotheker frei in der Preisgestaltung. Es ist allerdings die Frage, ob es sinnvoll ist, Arzneimittel zu einem vom GKV-Erstattungspreis abweichenden Preis abzugeben. Der Handel hat keine guten Erfahrungen mit gespaltenen Preisen gemacht. Zudem ist die Mengensteigerung, die zur Amortisierung der Preisabsenkung nötig ist, meist illusorisch, weil das Volumen an Krankheit nun mal nicht auf Marketingmätzchen reagiert.

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