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Einheitsleistungen zu flexiblen Preisen

10.03.2003
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Schweiz

Einheitsleistungen zu flexiblen Preisen

von Daniel Rücker, Eschborn

Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) sorgt seit Jahren für schlechte Schlagzeilen. Keine Regierung hat bislang die Kosten nachhaltig in den Griff bekommen. Immer häufiger fordern deshalb Experten und sogar Politiker eine grundsätzliche Umstrukturierung der GKV. Die Schweiz hat dies bereits vor sieben Jahren getan.

Eine Möglichkeit, die Einnahmen der GKV zu verbessern ist die Ausweitung der Versicherungspflicht. Gewerkschaften, Krankenkassenvertreter, Grüne und PDS bekundeten in den vergangenen Wochen ihre Sympathie für eine Pflichtversicherung. Arbeitnehmer, Selbstständige und Beamte sollten grundsätzlich GKV-Mitglied werden. Es sei unsolidarisch, dass sich gerade Besserverdiener nicht an der gemeinsamen Sozialversicherung beteiligen müssten.

In der Schweiz ist die allgemeine Versicherungspflicht seit Januar 1996 Realität. Seitdem gilt das revidierte Bundesgesetz über die Krankenversicherung. Es schreibt allen in der Schweiz wohnhaften Personen eine Teilnahme an der als „obligatorische Grundversicherung“ bezeichneten sozialen Krankenversicherung vor. Die ansonsten eher als konservativ geltenden Schweizer haben sich mit ihrem Gesundheitssystem zur viel beachteten Avantgarde in Europa aufgeschwungen.

Ob sich allerdings die deutschen Befürworter einer Pflichtversicherung mit der obligaten Grundversicherung anfreunden könnten, ist fraglich. Das schweizerische Modell ist nämlich keineswegs eine Einheitsversicherung, sondern eher eine Synthese aus Privater und Gesetzlicher Krankenversicherung.

Während die Leistungen sehr restriktiv über Listen geregelt werden, gibt es bei der Bezahlung die große Freiheit. Durch Selbstbehalte, Verzicht auf freie Arztwahl oder Beitritt zu einer HMO (Health Maintenance Organisation) können die Versicherten ihren individuellen Beitragssatz erheblich reduzieren. HMOs stammen ursprünglich aus den USA. Es sind Versicherungsunternehmen, die gleichzeitig ärztliche Leistungen anbieten.

Listen definieren Leistungen

Der Leistungskatalog der Grundversicherung ist exakt geregelt. Er garantiert nach deutschen Maßstäben eher eine Grund- als eine Vollversorgung. Ärztliche Leistungen werden nur vergütet, wenn sie als wirksam, zweckmäßig und wirtschaftlich anerkannt sind. Muss der Versicherte in ein Krankenhaus eingewiesen werden, dann übernehmen die Kassen der Grundversicherung nur die Behandlung und den Aufenthalt, wenn die Klinik in der Spitalliste des Kantons aufgeführt ist.

Welche ärztlich veranlassten Leistungen von den Kassen erstattet werden, regeln vier Listen. Diagnostika sowie Heil- und Hilfsmittel sind in der Mittel- und Gegenständeliste aufgeführt, eine Analysenliste gibt vor, welche Untersuchungen Laboratorien mit den Kassen abrechnen dürfen. Für die Arbeit der Apotheker gibt es gleich zwei Listen: In der „Arzneimittelliste mit Tarif“ sind die für Rezepturen zu verwendenden Arzneimittel, Wirkstoffe und Hilfsmittel zusammengestellt. Die Spezialitätenliste entspricht weitgehend der in Deutschland geplanten Positivliste.

Bei der Zahnbehandlung haben die Schweizer einen Weg gewählt, der in Deutschland zurzeit höchst kontrovers diskutiert wird: Den Besuch beim Zahnarzt muss der Patient entweder über eine private Zusatzversicherung abdecken oder selbst bezahlen.

Kopfpauschalen

Während die Grundversorgung im Leistungsumfang eher der deutschen GKV ähnelt, orientiert sich die Gestaltung der Prämien eindeutig an den Privatversicherungen: Jede Person muss sich selbst versichern. Auch Familien müssen für jedes Mitglied eine Kopfprämie bezahlen. Immerhin gibt es für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis 25 Jahren reduzierte Tarife. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese ein eigenes Einkommen haben.

Die Preise der rund 100 obligaten Krankenversicherungen variieren erheblich. Für einen Erwachsenen schwanken sie je nach Gesellschaft zwischen 185 und 390 Schweizer Franken, die Durchschnittsprämie liegt bei 268,55 Franken (cirka 185 Euro). Junge Erwachsene zwischen 19 und 25 Jahren zahlen im Durchschnitt 198,72 Franken, Kinder unter 18 Jahren 68,99 Franken. Die Preise werden von jeder Krankenkasse festgelegt und vom Bundesamt für Sozialversicherung veröffentlicht. Die Preise sind nicht verhandelbar.

Da auch in der wohlhabenden Schweiz nicht jeder die Prämien bezahlen kann, beteiligen sich Bund und Kantone mit Steuergeldern an der Krankenversicherung sozial schwacher Menschen und großer Familien.

Grundsätzlich müssen sich die Versicherten in der Schweiz weitaus stärker an den Kosten beteiligen. Außer bei Leistungen, die in direktem Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes stehen, müssen die Schweizer überall zuzahlen. Bis 230 Franken pro Jahr müssen sie die Krankheitskosten komplett übernehmen. Dieser als „Franchise“ bezeichnete Anteil kann gegen eine Beitragsreduzierung auf bis zu 1500 Franken erhöht werden. Oberhalb des Franchise, also in der Regel bei allen Kosten über 230 Franken, zahlt der Versicherte einen Selbstbehalt von 10 Prozent des verbleibenden Rechnungsbetrages. Bei stationärer Behandlung werden zudem 10 Franken pro Krankenhaustag fällig. Die Belastung der Versicherten ist auf 600 Franken pro Jahr begrenzt. Für Kinder und Familien gelten niedrigere Grenzen.

Rabatte und Boni

Versicherte, die höhere Selbstbeteiligungen oder Leistungseinschränkungen in Kauf nehmen, können ihre Versicherungsprämien erheblich reduzieren. So vermindert sich die Kopfprämie bei einer Franchise von 1500 Franken um bis zu 40 Prozent. Wer nur 400 Franken pro Jahr zahlen möchte, bekommt immer noch bis zu 8 Prozent Rabatt. Die Nachlässe können von Kasse zu Kasse variieren, sind aber für alle Versicherten einer Kasse gleich. Weitere Nachlässe bringen Bonusmodelle. Versicherte, die innerhalb eines Jahres keine Leistungen von ihrer Versicherung beziehen, erhalten eine Prämienreduktion.

Bis zu einem Viertel der Prämie können Versicherte sparen, wenn sie sich einer HMO-Versicherung anschließen oder an einem Hausarzt-Modell teilnehmen. Dabei verzichten sie auf die freie Arzt- und Krankenhauswahl. Stattdessen lassen sie sich grundsätzlich in einem HMO-Zentrum, etwa einer ärztlichen Gruppenpraxis, behandeln. Wer am Hausarztmodell teilnimmt, der muss immer zuerst zum Allgemeinmediziner gehen, dieser entscheidet dann, ob ein Spezialist eingeschaltet werden muss.

Zusatzversicherungen

Wer mit den Leistungen der obligatorischen Grundversicherung nicht zufrieden ist, der kann sich zusätzlich privat versichern. Das betrifft zum Beispiel Zahnersatz und Privatbehandlung im Krankenhaus, Arzneimittel, die nicht auf der Spezialitätenliste stehen, oder Naturheilverfahren. Diese privaten Zusatzversicherungen werden sowohl von den obligatorischen Krankenversicherungen als auch von anderen Gesellschaften angeboten.

Ein Blick auf die Kostenentwicklung in der schweizerischen Krankenversicherung zeigt, dass das System auch kein Allheilmittel ist. Bei den Gesundheitsausgaben liegt die Schweiz mit 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in der europäischen Spitzengruppe. Seit seiner Einführung sind die Kosten der Sozialversicherung um 4 bis 5 Prozent jährlich gestiegen. Dies hat zum 1. Januar 2003 zu einem erheblichen Anstieg der Kopfprämien geführt. Sie stiegen für Erwachsene um durchschnittlich 9,61 Prozent. Einzelne Versicherungen mussten ihre Preise sogar um 13 Prozent erhöhen.

Wie in Deutschland bereiten vor allem die Krankenhäuser Probleme. Er soll in den kommenden Jahren neu geordnet werden. Ebenfalls in der Diskussion ist – wie in Deutschland - eine Aufhebung des Kontrahierungszwanges. Und auch ein weiteres deutsches Thema ist in der Schweiz aktuell. Der Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen ist den einen zu wenig differenziert, den anderen ist er – weil wettbewerbsfeindlich – grundsätzlich ein Dorn im Auge.

 

  • Weitere Informationen zur schweizerischen Krankenversicherung finden Sie auf der Website des Bundesamtes für Sozialversicherung unter www.bsv.admin.ch

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