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Wir werden uns wehren

23.02.2004
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Interview

Wir werden uns wehren

von Thomas Bellartz und Daniel Rücker, Frankfurt am Main

Die Spanne des pharmazeutischen Großhandels wurde mit dem GMG faktisch halbiert. Über die Auswirkungen der Reform und die aktuellen Entwicklungen sprach die PZ mit dem Vorsitzenden des Bundesverbandes des pharmazeutischen Großhandels (Phagro), Lothar Jenne, und mit dessen Stellvertreter Ulrich von der Linde.

PZ: Die Kooperationen sind eines der Top-Themen der Branche. Großhändler bieten den Apotheken Modelle an. Bilden sich Kooperationen auch im Phagro ab?

Jenne: Das sehe ich nicht. Kopperationen sind Teil des Wettbewerbs zwischen den Großhandlungen. Daher spielen die Kooperationen auch im Verbandsgeschäft und bei der Meinungsbildung im Verband keine Rolle. Etwas anderes ist es, wenn man grundsätzlich auf Fragen der Rahmenbedingungen des Marktes reagiert. Wenn die Gesetzgebung Einfluss nimmt auf das Geschäft der Apotheke, des pharmazeutischen Großhandels oder der Industrie, dann muss der Verband sich eine Meinung bilden und nach außen vertreten. Er soll seine Mitglieder schließlich beraten. Zu Instrumenten des Wettbewerbs äußern wir uns nicht.

PZ: Aber werden Kooperationen nicht spätestens dann ein Verbandsthema, wenn sich Repräsentanten der ABDA klar positionieren, zum Beispiel gegen Dachmarkenmodelle?

Jenne: BAK-Präsident Johannes Metzger hat sich ja eindeutig nicht an den Phagro gewandt, was ich sehr richtig finde, sondern direkt an einzelne Unternehmen und hat mit denen die Frage von Dachmarken bilateral diskutiert. Daraus sind dort gegebenenfalls neue Willensbildungen erwachsen. Eine Diskussion im Phagro hat es nicht gegeben.

PZ: Wie bewerten Sie das vergangene Jahr?

Jenne: Die wirtschaftlichen Ergebnisse des Pharmagroßhandels waren erheblich beeinträchtigt. Außerdem hat die Diskussion um die Handhabung des Beitragssatzsicherungsgesetzes und das GMG einen großen Einfluss auf unsere Beratungen gehabt.

Von der Linde: Im Verband und im Vorstand ist die Geschlossenheit der Positionen bemerkenswert, auch zu den Themen Versandhandel und Mehrbesitz. In einer Phase, in denen sich die Unternehmen am Markt heftig bekämpften, gab es einen klaren Konsens in politischen Fragen.

PZ: Der Gesetzgeber hat durch die Margenkürzung den Schulterschluss verstärkt?

Jenne: Ja, es gibt in einer solchen Situation eine Wagenburgmentalität. Aber es wäre falsch, dies darauf zu verkürzen. Wir haben im Phagro eine ganz grundsätzlich politische Bewertung. Wir halten Fremd- und Mehrbesitz ebenso wie den Versandhandel mit Arzneimitteln für den falschen Weg. Dazu bedarf es keiner Wagenburgmentalität und keines wirtschaftlichen Drucks von außen. Das ist unsere Überzeugung seit Jahrzehnten.

Diese Aussage haben wir umso deutlicher zum Ausdruck gebracht, wie es immer klarer wurde, dass die Politik einen anderen Weg will. Dass eine Branche, deren Marge um 50 Prozent gesenkt wird, bei der Abwehr dieser Maßnahmen zusammensteht, ist eine Selbstverständlichkeit.

PZ: Auf die Apothekerschaft waren Sie nicht immer gut zu sprechen.

Jenne: Ich kann nicht verschweigen, dass wir entsetzt waren, dass die Apothekerschaft nach anfänglich anderer Abstimmung und nach dem gemeinsamen Konzept zur Spannenbildung diese Position verlassen hat. Aber damit möchte ich das auch bewenden lassen. Das ist Schnee von gestern.

PZ: Sie sind da nicht nachtragend?

Jenne: Nein, das ist eine abgeschlossene Geschichte. Auf der anderen Seite bleibt natürlich immer etwas zurück. Es hatte eine gemeinsame Bewertung des Beitragssatzsicherungsgesetzes gegeben. Wir hatten auch ursprünglich eine gemeinsame Position zur Abwicklung des Herstellerabschlags. Diese Position wurde ruckartig verlassen. Das gemeinsame Spannenmodell war dahin. Da können wir uns nicht von einer Verunsicherung freimachen. Aber das hat nichts mit nachtragen zu tun. Es wirft natürlich die Frage auf, wie belastbar gemeinsame Positionen in Zukunft sein werden.

PZ: Der Stachel sitzt also doch tief?

Jenne: Am Ende des Tages muss man einfach akzeptieren, dass jeder berufen ist, für die eigenen Verbandsmitglieder das Optimale zu erreichen. Die Frage ist also anders zu stellen. Wir werden auch in Zukunft neue Belastungen zu ertragen haben, neue Konzepte diskutieren müssen, neue Pläne entwickeln. Dafür möchte ich um Verständnis werben.

Von der Linde: Man wird vielleicht auch etwas vorsichtiger sein, wenn man gemeinsame Positionen mit harten Daten und Fakten untermauert, und anschließend werden diese Daten und Fakten unabgestimmt ganz anders eingesetzt.

PZ: Was erwarten Sie vom aktuellen Geschäftsjahr?

Jenne: Die Branche kann es sich nur schwerlich leisten, die Ergebnisse von 2003 in diesem Jahr zu wiederholen. In letzter Konsequenz wollen ja die Anteilseigner der Großhandlungen bedient werden. Egal ob dies bei einer Aktiengesellschaft, einer Genossenschaft oder einem mittelständischen Unternehmen der Fall ist. Jeder muss seine Kapitalbasis bedienen. Mit dem neuen Spannemodell ist grundsätzlich ein Auskommen möglich, aber unter harten Bedingungen. Der Großhandel hat es selbst in der Hand, ob er die Ergebnisse verbessert oder ob er seine Position - aus welcher Marktsituation heraus auch immer - schwächt.

PZ: Aber es besteht immer die Gefahr, dass der ein oder andere Wettbewerber meint, diese Ertragssituation zur Gewinnung von Markanteilen riskieren zu können?

Von der Linde: Die Branche hat vielleicht im vergangenen Jahr gelernt, dass selbst ein zweistelliges Umsatzwachstum zu einem totalen Renditeverfall führen kann. Es gibt vieles zu bedenken. Wir finanzieren schließlich nicht nur unser eigenes Geschäft, sondern auch das Geschäft der Apotheker. Die Rückvergütung durch die GKV erfolgt immer zeitlich versetzt. Das finanziert der Großhandel – und zwar mit Fremdgeld, das heute bei den Banken nur von rentablen Unternehmen zu bekommen ist. Stellen sie sich vor, die Rechenzentren zahlen plötzlich später – das wäre fatal und gefährlich.

PZ: Wie verändert sich das Direktgeschäft? Geht nun noch mehr am Großhandel vorbei?

Jenne: Ich habe eine Erwartung, die muss man aber konditionieren. Selbstverständlich wird der Druck der Industrie wachsen, insbesondere OTC-Produkte und Generika direkt an die Apotheke zu verkaufen. Aber wir erwarten mit großer Spannung wie die Entscheidung zum Liefervertrag nach 129 SGB V ausfällt. Keiner weiß, wie das Schiedsstellenverfahren ausgeht. Staatssekretär Klaus-Theo Schröder hat in einem Schreiben im letzten Jahr erklärt, man wolle, dass Rabatte direkt an die GKV abgeliefert werden. Die Ansage ist deutlich formuliert.

PZ: Das klingt realitätsfern.

Jenne: Es gibt eine Reihe von Herstellern, die unter einem Dach rezeptpflichtige und OTC-Produkte vermarkten. Da sind Umgehungstatbestände zu Lasten der GKV möglich. Das Direktgeschäft würde fröhliche Urständ feiern. Wenn der Liefervertrag solche Koppelgeschäfte untersagt, ist das Direktgeschäft für den Hersteller nicht mehr so interessant.

PZ: Was erwarten Sie von der AMG-Novelle?

Jenne: Das wird spannend. Schließlich soll geregelt werden, dass eine Apotheke Arzneimittel nur in apothekenüblichen Mengen an einen Großhändler weitergeben darf. Dann wäre diese Form des Geschäftes ebenfalls unterbunden.

Von der Linde: Ergänzend sollte man zum Direktgeschäft festhalten, dass der Großhandel als Distributionsschiene für den Hersteller viel günstiger geworden ist, gerade wegen der gekappten Marge. Die ersten Hersteller haben dies erkannt und wickeln ihr früheres Direktgeschäft nun über den Großhandel ab.

PZ: In der politischen Diskussion hat es ein überschaubarer Verband wie der Phagro nicht unbedingt einfach. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Jenne: Ich erwarte mir für die Zukunft, dass die Sachkunde deutlich zunimmt. Um es anders zu sagen: Ich hoffe, dass sich die Basis der sachlichen Diskussion verbreitert. Wir haben ein sehr schweres erstes Halbjahr 2003 gehabt. Die Konsequenzen für den Großhandel hat man möglicherweise nicht erkannt oder nicht erkennen wollen. Aber die Zusammenarbeit mit dem Ministerium hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verbessert.

PZ: Denken Sie daran, mit dem Verband von Frankfurt nach Berlin umzuziehen?

Jenne: Diese Diskussion wird immer wieder geführt. Aber es gibt derzeit keine aktuelle Entscheidung. Ich darf daran erinnern, dass die Verkehrsverbindungen zwischen Frankfurt und Berlin sehr gut sind. Wir haben noch keinen Termin im Ministerium ausgelassen, weil es eine räumliche Distanz gibt.

PZ: Der Phagro ist eine sehr heterogene Gruppe. Fällt es schwer, die Mitglieder im Verband zu einen?

Jenne: Das ist nicht schwierig. Es gibt nun einmal die normative Kraft des Faktischen und auch die normative Kraft des pharmazeutischen Marktes. Es gibt Bedingungen, die für alle gleich sind. Wir haben wie bereits gesagt auch nicht die Aufgabe, den Wettbewerb untereinander zu regulieren, sondern mit den Rahmenbedingungen umzugehen.

PZ: Was halten Sie von den dauernden Diskussionen bezüglich eines noch auszubauenden Wettbewerbs?

Jenne: Vor dreißig Jahren gab es in Deutschland noch 65 Großhändler, heute sind es 16. Die Konsolidierung hier zu Lande ist bereits gelaufen, steht aber noch in anderen Ländern bevor. Wir haben heute im Großhandel ein sehr hohes Wettbewerbsniveau.

PZ: Haben wir jetzt für einige Zeit Reformpause oder geht es munter weiter?

Jenne: Die Krankenkassen werden aus Mehrbesitz und Versandhandel keinen ökonomischen Nutzen ziehen. Das Ergebnis kommt aus dem Wegfall der Erstattungsfähigkeit für OTC-Produkte und aus der Absenkung der Handelsmargen. Wir werden noch weitere Reformschritte sehen.

PZ: Der Mehrbesitz ist, wenn auch beschränkt, Realität. Was halten Sie davon?

Jenne: Wir erkennen nicht, für wen die Regelung wirklich attraktiv sein soll. Ob das zwangsläufig in den Fremdbesitz führen wird, ist schwer zu sagen. Das müssen Verfassungsrechtler beurteilen. Allerdings ist diese Regelung jetzt weniger problematisch als die ursprüngliche Gesetzesfassung.

PZ: Es soll Großhändler geben, die den erlaubten Mehrbesitz schon jetzt als Sprungbrett benutzen wollen.

Jenne: Der pharmazeutische Großhandel unterliegt in Deutschland deutlichen Restriktionen. Man darf bei den Geschäften, die man betreibt oder plant, das Kreditwesengesetz nicht außer Acht lassen. Das Kreditwesengesetz verbietet dem Großhandel Bankgeschäfte.

PZ: Dem Großhandel drohen jedenfalls akute Skontikürzungen durch Pharmahersteller. Wie reagiert der Phagro?

Jenne: Die Kürzungen nehmen ein erschreckendes Ausmaß an. Wir reden nicht von Peanuts. Wenn nur ein halber Punkt am Skonto gekürzt wird, reduziert dies unsere Spanne um rund 10 Prozent. Wir werden uns aber zur Wehr setzen.

PZ: Sie sind sauer auf einzelne Hersteller?

Jenne: Natürlich. Es kann doch nicht sein, dass uns der Gesetzgeber rasiert und anschließend der Hersteller noch ein zweites Mal. Immerhin soll es von einem Teil gerade dieser Hersteller ja Rabatte gegenüber Kooperationen und Apotheken in bemerkenswerter Höhe geben.

PZ: Bei den OTC-Preisen ist noch kein vehementer Wettbewerb eingetreten.

Jenne: Das begrüßen wir natürlich außerordentlich. Wir haben uns ebenso wie viele andere dafür eingesetzt, dass es bei einem hochwertigen Produkt wie dem Arzneimittel nicht zu Preisdumping kommt. Uns ist wichtig, dass die Preishoheit bei der Apotheke liegt. Und genauso wichtig ist, dass diese sorgfältig mit dieser Verantwortung umgeht.

PZ: Wie bewerten sie die Öffnung der Krankenhausapotheken?

Jenne: Wir glauben, dass die ambulante Versorgung von Patienten durch Krankenhausapotheken ein Fehler ist. Es ist eine klare Wettbewerbsverzerrung. In Wirklichkeit ging es vor allem darum, den den Krankenhäusern Umsätze zuzuschanzen; ein wirklich durchsichtiges Manöver.

PZ: Was halten Sie von Modellen, wie beispielsweise der Hausapotheke?

Jenne: Wir glauben, dass die Apotheken an diesen Modellen teilnehmen müssen. Hier liegt ein Eckpfeiler für die Zukunft der Apotheke.

PZ: In einigen Regionen und Städten bilden sich lokale Apothekenkooperationen. Was halten Sie davon?.

Jenne: Solche kleinen lokalen und regionalen Kartelle, die mehr als 40 Prozent des Marktes repräsentieren, machen uns etwas Sorge. Da versuchen Apotheker, Einkaufsmacht zu bilden und mittels dieser Macht dann Preise zu drücken und Rabatte zu erwirken. Dabei sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass der Gesetzgeber Kartelle als unzulässige Ausprägung des Wettbewerbs betrachtet. Wir werden uns jedenfalls gegen solche Bestrebungen zur Wehr setzen. Top

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