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Experten fordern Wechselgebühr

26.02.2001
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RISIKOSTRUKTURAUSGLEICH

Experten fordern Wechselgebühr

von Karl H. Brückner, Berlin

Die geplante Reform des Risikostrukturausgleichs (RSA) hat die Gräben zwischen den gesetzlichen Krankenkassen noch tiefer aufgerissen. Die Betriebskrankenkassen wehren sich verzweifelt gegen den Versuch, ihnen zusätzliche Lasten aufzubürden.

Auch die FDP lehnt jede Ausdehnung des weit über 20 Milliarden DM umfangreichen Transfersystems ab. Die Union will eine Reform, ohne das Volumen des RSA zu erhöhen. In diesen Tagen will Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ein von ihrem Haus in Auftrag gegebenes RSA-Gutachten des Berliner IGES-Instituts und der Professoren Dieter Cassel (Duisburg) sowie Jürgen Wasem (Greifswald) veröffentlichen.

Bereits in der vergangenen Woche ist der Abschlussbericht für ein RSA-Sofortprogramm präsentiert worden, der von den Professoren Dr. Karl W. Lauterbach und Dr. Eberhard Wille erarbeitet wurde. Deren Konzept wird allerdings nur noch von den Ersatzkassen ohne Wenn und Aber unterstützt. Die Mit-Auftraggeber dieser Expertise, die Bundesverbände der Allgemeinen Orts- und der Innungskrankenkassen, sind auf Distanz gegangen.

Der Verband der Betriebskrankenkassen lehnte die Vorschläge grundsätzlich ab und bekräftigte seine Forderung, den RSA "auf ein für die Sicherung des Wettbewerbs unverzichtbares Mindestmaß" zurückzuführen.

Die Gutachter schlagen umgekehrt eine Ergänzung des RSA durch die Einführung einer Wechslerkomponente und einer solidarischen Rückversicherung vor, mit der ein Wettbewerb um eine bessere Versorgungsqualität chronisch Kranker gefördert werden soll. Nach Einschätzung von Lauterbach würde das RSA-Volumen dadurch nicht wesentlich ausgeweitet, mittelfristig könnte es sogar sinken.

Zurzeit werden über den RSA jährlich über 23 Milliarden DM zwischen den Kassen umverteilt. An die AOK gehen knapp 20 Milliarden DM, Ersatzkassen zahlen fast 16 Milliarden und Betriebskrankenkassen rund fünf Milliarden in den RSA ein.

Der Chef der Ersatzkassenverbände VdAK/AEV Herbert Rebscher unterstrich in Berlin, das Konzept von Lauterbach und Wille sei empirisch fundiert und schließe konkrete Umsetzungslösungen ein. Die Vorschläge könnten kurzfristig in den bestehenden RSA integriert werden. Es müsse jetzt unverzüglich gehandelt werden, um die Belohnung der Risikoselektion durch den RSA abzustellen und den Versorgungswettbewerb anzuregen.

Die Professoren haben für ihre Expertise die Leistungsausgaben von 40 Millionen GKV-Versicherten der Orts-, Innungs- und Ersatzkassen ausgewertet. Erfasst wurden auch 900 000 Kassenwechsler und etwa fünf Millionen chronisch Kranke. Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist, dass die Kassenwechsler gegenwärtig in West- und in Ostdeutschland durchschnittlich 50 bis 60 Prozent weniger Krankheitskosten verursachen, als der Durchschnitt der Versicherten.

Da im RSA gegenwärtig die durchschnittlichen Leistungsausgaben insgesamt nach Alter, Geschlecht und Erwerbsminderungsstatus differenziert maßgeblich sind, ist jeder überdurchschnittlich gesunde Wechsler für die aufnehmende Kasse ein Gewinn. Diesen Vorteil wollen Lauterbach/Wille über den RSA abschöpfen. Außerdem sollen die überdurchschnittlichen Kosten der chronisch Kranken von allen Kassen gemeinsam getragen werden.

Widerspruch kommt vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen, für den der RSA nicht das geeignete Instrument ist, um eine bessere Versorgung chronisch Kranker zu erreichen. Der RSA dürfe nicht noch mit zusätzlichen Aufgaben überfrachtet werden. Bereits jetzt gebe es genügend Anreize für spezielle und qualitätsgesicherte Chroniker-Programme, die eine kostengünstige und qualitätsgesicherte Versorgung förderten.

Eine hochwertige Versorgung muss nach Ansicht der Betriebskrankenkassen wettbewerblich durch Qualitätsstandards und Behandlungs-Leitlinien sichergestellt werden. Dazu benötigten die Kassen und ihre Verbände vor allem erweiterte Vertragsrechte. Eine Realisierung der Vorschläge von Lauterbach und Wille würden den "gerade beginnenden Wettbewerb in der GKV wieder ersticken", so die Betriebskrankenkassen. Top

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