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Das Jahr der GMG-Umsetzung

09.02.2004  00:00 Uhr
Pharmacon Davos 2004

Das Jahr der GMG-Umsetzung

von Hartmut Morck, Davos

Die Podiumsdiskussion während des Pharmacons Davos stand ganz im Zeichen der Berufspolitik. Nach einem Vortrag von ABDA-Hauptgeschäftsführer Professor Dr. Rainer Braun zum Thema „GKV-Modernisierungsgesetz – Wie geht es weiter?“ diskutierte die ABDA-Spitze mit den Kongressteilnehmern über aktuelle gesundheitspolitische Entwicklungen.

Neben Braun beantworteten BAK-Präsident Johannes M. Metzger, ABDA-Präsident Hans-Günter Friese und DAV-Vorsitzender Hermann Stefan Keller die Fragen des Auditoriums. Diese waren in den Tagen zuvor gesammelt worden und wurden von Dr. Jürgen Meyer-Wilmes und Dr. Herbert Ross zusammengefasst und vorgetragen.

Nachdem das Jahr 2003 von der Diskussion über das GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) geprägt war, stehe 2004 ganz im Zeichen der Umsetzung des GMG, stellte Braun in seinem Vortrag fest. Er wies noch einmal auf die Zwänge hin, die zum GMG geführt haben: Sinkende Einnahmen bei den Krankenkassen, steigende Ausgaben und ein wachsender Schuldenberg. Um diese Entwicklung in den Griff zu bekommen, sollte eine Liberalisierung des Systems zu mehr Wettbewerb, zu mehr Qualität und damit zu sinkenden Kosten führen. Folgende Instrumente sollten den Wettbewerb ankurbeln: eine neue Zuzahlungsregelung, die Preisfreigabe im OTC-Sektor, eine neue Arzneimittelpreisverordnung, Versandhandel, Mehrbesitz und eine stärkere Einbindung der Krankenhäuser in die ambulante Versorgung.

In den ersten Wochen habe es starke Irritationen bei den Patienten gegeben, insbesondere bei der Selbstfinanzierung der OTC-Arzneimittel, dem Befreiungsstatus und bei den Zuzahlungen. Ein rechnerischer Vergleich des bisherigen Systems und der neuen Regelung zeige aber, dass sich die Belastung der Patienten bei den Arzneimitteln nur unwesentlich verändert habe. Bei 82 Prozent ist eine Zuzahlung von fünf Euro, bei 13 Prozent zwischen fünf und zehn Euro und nur bei fünf Prozent eine Zuzahlung von zehn Euro zu entrichten.

Praktisch kein Aut idem

Ebenfalls geändert hat sich die Aut-idem-Regelung nach § 129 SGB V: Bei Verordnung des Wirkstoffes müsse unter den drei preisgünstigsten Produkten ausgewählt werden, bei namentlicher Verordnung könne entweder das verordnete abgegeben oder unter den zwei preisgünstigsten ausgewählt werden. Damit finde, wie in der Diskussion vom DAV-Vorsitzenden Keller betont wurde, praktisch kein Aut idem mehr statt.

Die Importquote sollte von 7 auf 5 Prozent gesenkt werden, bei Einhaltung des Wirtschaftlichkeitspotenzials von 15 Prozent. Der DAV lehnt diese Vorgaben allerdings ab, weil sie nicht zu erreichen seien. Die Verhandlungen zwischen dem DAV und den Krankkassen haben zu keinem Ergebnis geführt. Nun sei die Schiedsstelle wieder gefragt.

Braun machte den Zuhörern noch einmal klar, dass es das erklärte Ziel des Gesetzgebers gewesen sei, die Rabatte der Apotheker an die GKV weiterzugeben. Bei der Ausgrenzung der OTC-Arzneimittel aus der Erstattungspflicht habe man sehr schnell gehandelt und zusammen mit den Kassenärzten das grüne Rezept entwickelt, das Ende Februar ausgeliefert werde und die Compliance verbessern solle.

Eine Bilanz über die Preisentwicklung im OTC-Markt könne noch nicht gegeben werden, allerdings können Erfahrungen aus Großbritannien bei der eigenen Strategiefindung helfen. Während bei den Einzel- und Kettenapotheken die Preise nicht gesenkt wurden, hätten die Supermärkte in Großbritannien Senkungen um 40 Prozent vorgenommen. Im Ergebnis sanken die Stückzahlen bei den Apotheken nur unwesentlich, der Rohertrag blieb gleich. Die Supermärkte hätten zwar die Stückzahlen steigern können, der Gewinn wurde aber dramatisch reduziert. Braun rechnete den Teilnehmern vor, dass eine Preissenkung um 15 Prozent eine Stückzahlerhöhung von 70 Prozent erfordere, um den gleichen Rohgewinn zu erzielen. Eine solche Umsatzsteigerung sei im Arzneimittelmarkt kaum zu erreichen.

Mischkalkulation überstrapaziert

Braun begründete die Notwendigkeit der neuen Arzneimittelpreisverordnung, die im Wesentlichen auf dem Kombimodell der ABDA basiere. Mit der alten Arzneimittelpreisverordnung sei die Mischkalkulation überstrapaziert worden. Maßnahmen im Preisgefüge hätten sich bei den Apotheken kumuliert. Mit 10 Prozent der Packungen seien 55 Prozent des Umsatzes erzielt worden, was das Rosinenpicken der Versandhändler erst ermöglichte. Die neue Arzneimittelpreisverordnung sei mit der Absenkung im höheren Preisbereich und der Steigerung im unteren gerechter.

Das neue Preisbildungssystem habe den Versandhandel, der in Deutschland nur aus Apotheken erfolgen darf, uninteressanter gemacht. In Deutschland gelte auch für den Versandhandel Preisgleichheit. Inwieweit das Kombimodell auch ein Bollwerk gegen den Versandhandel aus dem Ausland sein könne, werde sich noch erweisen. Zumindest sei aus seiner Sicht ein Verzicht auf Zuzahlungen betriebswirtschaftlich nicht machbar.

Braun wies erneut darauf hin, dass die von der Politik geplante Zulassung des Fremdbesitzes verhindert werden konnte. Der Mehrbesitz mit einer Haupt- und bis zu drei Filialapotheken erfolge nach gleichen Spielregeln. Man müsse abwarten, in welchem Umfang diese Freiheit von den Kolleginnen und Kollegen wahrgenommen werde. Als Erfolg wertete Braun die Einbindung der Apotheken in die Integrierte Versorgung. Diese erfolge zwar über Ausschreibungen, dabei sei der Preis jedoch kein Kriterium.

Man habe das Apothekenmonopol in Kernpunkten verteidigt. Man müsse sich aber im Klaren sein, dass Monopole begründet und verdient werden müssen. Inwieweit der augenblickliche Status zu halten sei, könne noch nicht vorhergesehen werden. Angriffe auf die Apothekenpflicht gebe es bereits. Außerdem würden die Einflüsse der Europäischen Union immer stärker. Es gebe zwar ein Statement des Europarates aus dem Jahre 2001, in dem der Apotheker als notwendiger Sicherheitsfaktor im Arzneimittelsystem angesehen werde. Es gebe aber auch Erklärungen, zum Beispiel von EU-Kommissar Mario Monti am 11. Dezember 2003, in der er im Zusammenhang mit der EuGH-Entscheidung eine weitere Liberalisierung fordert. Dazu gehört der Preiswettbewerb auch bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und der Fremdbesitz.

Nach Brauns Überzeugung gäbe es dann zwei Richtungen, in die sich der Apothekerberuf entwickeln könnte: Entweder zum reinen Pharmakaufmann, der Rendite durch hohen Umsatz machen will, oder zum ökonomischen Pharmazeuten, der Rendite aus pharmazeutischen Dienstleistungen generiert.

Will man die Entwicklung zum Kaufmann abwehren, könne das nur durch konsequente Beratung geschehen, die durch Kontrollen wie durch das Pseudo-customer-Verfahren qualitätsgesichert werden müsse. Dazu komme eine neue Vertragspolitik wie Hausapothekenverträge und Verträge über honorierte Wirtschaftlichkeit. Pharma-Ökomonie bedeutet für Braun Mehrwert durch die Apotheke. Er schloss seinen Vortrag mit der Feststellung: „Wir brauchen kein neues Berufsbild, wir brauchen ein neues Leitbild.“

Für ihn bedeutet das: Konzentration auf die Kernkompetenzen, Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten, Kooperationen mit anderen Heilberufen und erlebbare Qualitätsstandards.

Diskussionsfragen

In der Diskussion wurde im Zusammenhang mit der neuen Arzneimittelpreisverordnung nach dem Sinn des Rabattes in Höhe von 2 Euro an die Krankenkassen gefragt. DAV-Vorsitzender Keller erklärte zunächst, dass der Aufschlag von 8,10 Euro vom Wirtschaftsministerium alle zwei Jahre überprüft werde und der Kassenrabatt erstmals 2005, wobei die Differenz der Packungen 2002 zu 2004 Grundlage für die Anpassung sei. Ab 2006 sei der Rabatt Verhandlungssache zwischen dem DAV und der GKV. Die Notwendigkeit des Abschlages sieht er darin, Zahlungsziele mit der Gewährung des Rabattes vereinbaren zu können.

Die Diskussion um die Erstattungsfähigkeit der OTC-Produkte ergab, dass im ersten Quartal 2004 – bis zur Erstellung der Ausnahmeliste – keine Verpflichtung für die Apotheke bestehe, das Verordnungsverhalten der Ärzte zu überprüfen. Nach dem 1. April werde es zumindest bei den Substanzen schwierig, die nur für bestimmte Indikationen erstattungsfähig bleiben. Auch hier könne die Apotheke nicht in Haftung genommen werden, da sie nicht die Indikation überprüfen könne.

Die Frage nach Rabatten an den Kunden, zum Beispiel in Form von Talern, ist für BAK-Präsident Metzger nicht in erster Linie ein juristisches Problem. Entscheidender sei, ob sich die Apotheker als Kaufleute oder pharmazeutische Dienstleister verstünden. Metzger plädierte für den zweiten Weg. Der erste Weg könnte das jetzt Erreichte wieder zunichte machen. Dies sei auch der Grund für seine Kritik an den Dachmarken. ABDA-Präsident Hans-Günter Friese ergänzte: Man solle die Pharmazeutische Betreuung zur Kundenbindung einsetzen. Da die Krankenkassen an solchen Betreuungskonzepten für ihre Versicherten interessiert sein müssten, sollten diese Dienstleistungen auch honoriert werden.

Erwartungsgemäß gab es im Auditorium auch Fragen zum Filialbesitz. Verpachtet werden dürfen die Filialen nicht, als OHG geführt werden dagegen schon. Dem Vorwurf, die Hausapothekenverträge seien der Einstieg in Einzelverträge, widersprach Keller vehement. Genau das Gegenteil sei der Fall.

Wie im vergangenen Jahr gab es auch Kritik an der Öffentlichkeitsarbeit der ABDA, sie sei zu wenig professionell. Die Apotheke werde in der Öffentlichkeit nicht richtig mit ihren gesellschaftlichen Funktionen wahrgenommen. Auch habe man auf den Stern-Artikel zu moderat reagiert. Friese wies darauf hin, dass die beste Öffentlichkeitsarbeit in den Apotheken gemacht werde. Die moderate Reaktion auf den Stern-Artikel rechtfertigte er damit, dass ein presserechtliches Vorgehen gegen den Artikel nach Prüfung für aussichtslos gehalten wurde. Außerdem habe der Artikel in anderen Medien ohnehin keine Resonanz gefunden. Er wurde nirgends zitiert.

Auch die Kritik, die ABDA habe bei der Ankündigung des Home-Service Fehler gemacht, wies Friese zurück. Im Oktober 2003 habe die ABDA mit einem eigenen Konzept gegen die Versandhandelspläne der Politik halten müssen, wohl wissend, dass Risiken damit verbunden waren. Er betonte, dass weder Kassen, Industrie oder andere Marktbeteiligte juristisch gegen den Home-Service vorgegangen seien. Nur ein einziger Apotheker, also jemand aus den eigenen Reihen, habe dies versucht.

Gravierende Auswirkungen

Der Behauptung, das Beitragssatzsicherungsgesetz habe keine Auswirkung auf die Beschäftigtenzahl in den Apotheken gehabt und damit sei die ABDA unglaubwürdig geworden, widersprach Metzger mit Nachdruck. Viele Teilzeitverträge seien gekündigt worden, Ausbildungsplätze seien wegrationalisiert worden, in einigen Schulen habe dies zur Schließung von PKA-Klassen geführt. Dass die Verfassungsklagen gegen dieses Gesetz noch nicht verhandelt wurden, hält Metzger für sehr bedenklich.

Die Unzufriedenheit an der Standesführung wurde in einigen Fragen artikuliert und mit Forderungen nach Rücktritten, Verjüngung der Führungsriege und einer stärkeren Präsenz von Frauen in der ABDA-Spitze kombiniert. Friese wies schuldhaftes Verhalten der Standesvertretung bei der Diskussion um das GMG zurück. Die ABDA habe alles getan, was möglich war. Friese unterstrich die Notwendigkeit, die Interessen in einem Verband zu bündeln und zu vertreten. Eine Weiterentwicklung und Umstrukturierung der ABDA hält er für sinnvoll, wenn damit die Effektivität der Interessenvertretung verbessert würde. Einer Spaltung in zwei Verbände widersprach er nachdrücklich. Damit würde die politische Arbeit der Apothekerschaft geschwächt. Die Personalfragen sollten im Zuge der anstehenden Wahlen Ende des Jahres beantwortet werden.

Die Frage, wie man den Zukunftsängsten der Jugend begegne, beantwortete Metzger mit der Feststellung, dass er in den vielen Kontakten mit jungen Pharmazeuten sehr selten mit Zukunftsängsten konfrontiert worden sei. Natürlich würden sie ernst genommen und die Arbeit der ABDA sei darauf gerichtet, dem Berufsstand im Sinne des Vortrages von Braun eine pharmazeutische Zukunft zu geben. Top

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