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Kaum Interesse

26.01.2004  00:00 Uhr
Versandhandel

Kaum Interesse

von Anke Pfleger und Daniel Rücker, Eschborn

Seit Jahresbeginn vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine Versandapotheke mit großem Getöse einen Vertrag mit einer Krankenkasse vorlegt. Daraus den Schluss zu ziehen, dass sich Apotheken und Patienten auf den Versandhandel mit Arzneimitteln stürzen, wäre jedoch falsch.

Im Gegenteil: Die meisten Apotheker halten vom Versand offensichtlich nicht viel. Obwohl die behördliche Genehmigung einer Versandapotheke recht preiswert ist, hat bislang nur eine Handvoll Apothekenleiter eine solche Erlaubnis beantragt. Nach Recherchen der Pharmazeutischen Zeitung bei Apothekerkammern und Regierungspräsidien hatten die Behörden am 23. Januar bundesweit bislang nur 86 Erlaubnisse zum Betrieb einer Versandapotheke erteilt. Da einige Bundesländer keine exakten Informationen geben konnten, kann die tatsächliche Zahl geringfügig abweichen.

Deutlich an der Spitze der Bundesländer liegt Hessen. Nach den Angaben des Regierungspräsidiums Darmstadt liegen allein 50 Versandapotheken in dem Bundesland. Grund für diese nicht ohne weiteres nachvollziehbare Häufung ist eine Empfehlung der Landesapothekerkammer. Sie hatte den Apothekern im Land geraten, eine Versanderlaubnis zu beantragen. Zudem scheint das Regierungspräsidium in Darmstadt sehr zügig zu arbeiten. So musste Kammerpräsidentin Dr. Gabriele Bojunga nach eigener Auskunft nur wenige Tage auf die Genehmigung warten.

Der Grund für die Zurückhaltung der Apotheker ist nachvollziehbar. Die geänderte Preisverordnung nimmt dem Versandhandel den Reiz. Die Marge von 8,10 Euro, abzüglich 2 Euro Kassenrabatt pro verordnetem Arzneimittel deckt kaum die Distributionskosten. Nachdem mit den GKV-Modernisierungsgesetz die Großhandelsspanne drastisch gekürzt wurde, vergrößert auch der Direkteinkauf beim Hersteller die eigene Handelsspanne nur geringfügig. Alles in allem ist der Versandhandel für den durchschnittlichen Apotheker also kein sonderlich attraktives Betätigungsfeld. Nach der Einschätzung von Kammerpräsidentin Bojunga haben die meisten hessischen Apotheker die Versanderlaubnis auch eher prophylaktisch beantragt.

Ein tatsächliches Interesse am Versandhandel haben in Deutschland wohl nur wenige Apotheken, in erster Linie sind es solche, die bereits mit dem Impfstoffversand oder der Belieferung von Altenheimen und Krankenhäusern weit reichende Erfahrungen gemacht haben. Sie verfügen wohl auch über das notwendige Kapital, ein bundesweit tätiges Versandgeschäft aufzubauen. Dazu gehört ohne Frage Johannes Mönter aus Bad Laer. Mit einem klassischen Apotheker hat Mönter wenig gemein. In seinem Gesundheitszentrum, zu dem auch eine Apotheke gehört, beschäftigt er nach eigenen Angaben fast 400 Mitarbeiter, rund 100 davon sind pharmazeutische Fachkräfte.

200 neue Mitarbeiter

Mit seinem Gesundheitszentrum, der Offizin-Apotheke, einem Diabetes-Fachversand sowie der Belieferung von Altenheimen und Krankenhäusern macht Mönter einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro pro Jahr. Da bleibt ausreichend Kleingeld für den Aufbau einer Versandapotheke übrig.

Bei der Eröffnung seiner Sanicare-Versandapotheke am 21. Januar machte Mönter deutlich, dass er auch beim Versandhandel in für Apothekern ungewöhnlichen Dimensionen plant. Innerhalb von vier Monaten ließ er sein Gesundheitszentrum um 21.000 m² Nutzfläche vergrößern. Für Sanicare will er 200 neue Mitarbeiter einstellen, allein 100 in diesem Jahr.

Entsprechend groß, fiel dann auch die Eröffnungsveranstaltung aus. Rund 400 Gäste aus Pharmaindustrie und Großhandel, Krankenkassen, Medien und Politik kamen zur Einweihung in die niedersächsische Provinz. Moderiert von NDR-Gesundheitsredakteur Bernd Seguin hielt der parlamentarische Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder eine Rede über die Chancen und Herausforderungen des GMG. Selbstverständlich, dass Schröder seinen Parteifreund Mönter auf der Seite derjenigen sieht, die die Chancen des Gesetzes erkannt haben.

Dabei scheint es heute auch für große Anbieter keineswegs gewiss, dass sich der Versandhandel mit Arzneimitteln tatsächlich rechnet. Auch wenn es für eine fundierte Aussage sicherlich noch zu früh ist, scheint die Mehrzahl der Patienten keineswegs voller Ungeduld auf den Versand gewartet zu haben. Mit 30 bis 50 Bestellungen pro Tag nimmt das Versandgeschäft nur einen kleinen Teil des neuen Logistikzentrums in Beschlag. Von seinen ehrgeizigen Zielen ist Mönter noch weit entfernt. Nach Aussage einer Mitarbeiterin will Sanicare im Frühjahr rund 1000 Rezepte auf dem Versandweg beliefern. Bis zum Jahresende sollen es 10.000 sein. Den Anteil des Versandhandels am Arzneimittelmarkt bewertet Mönter positiver als die meisten anderen Fachleute. Mit bis zu 15 Prozent rechnet er.

Eine kleine Schar

Der eher beschauliche Entwicklung des Versandgeschäftes versuchen einzelne Krankenkassen sowie ein paar größere deutsche und ausländische Versandapotheken durch regelmäßige Meldungen über Vertragsabschlüsse oder Kooperationsverträge mehr Leben einzuhauchen. Neben Mönter engagieren sich in Deutschland auch der Inhaber der Berg-Apotheke in Tecklenburg, Paul-Christoph Dörr sowie seine Wittenberger Kollegin Christine Buse in der Initiative pro Versandapotheke. Unter der Adresse www.mycare.de kooperiert Buses Shop mit dem Internet-Gesundheitsportal Netdoktor.de, Dörr bietet gemeinsam mit der Saluber PBM von Thomas Kerckhoff Komplettlösungen für Krankenkassen an. Dörr, der mit den Großteil seines Umsatzes von 35 Millionen Euro heute mit dem Impfstoffversand macht, wartete am 23. Januar allerdings noch auf seine behördliche Erlaubnis, Arzneimittel an Patienten zu Versenden.

Erstaunlich ruhig ist es dagegen zurzeit um den von Kerckhoff gegründeten Bundesverband der Versandapothekerinnen (BVDVA). Außer Dörr sind die 15 Apotheker, die vor knapp zwei Jahren den BVDVA als Lobbyverband für den Arzneiversand gegründet hatten, bislang sehr zurückhaltend. Kaum einer bietet auf seiner Apotheken-Website den Versandhandel mit Arzneimitteln an, keiner wirbt dafür.

Apermann ist wieder da

Zu denjenigen, die mit Macht versuchen, den Arzneimittelversand im Gespräch zu halten, gehört auch Jens Apermann. Nachdem er vor einigen Jahren durch geschickte Medienarbeit DocMorris bekannt gemacht hat, meldete er sich nun als Geschäftsführer der Versandhandelsfirma Apo.ag auf der Bildfläche zurück. Das Unternehmen, an dem neun deutsche Apotheken beteiligt sein sollen, hat seinen Geschäftssitz in der Schweiz und versendet seine Arzneimittel aus der Europa-Apotheek in Venlo.

Bereits vor einigen Wochen hatte Apermann unter dem Namen „Apotheke für den Mann“ ein schönheits- und potenzfördernde Teilsortiment der Europa-Apotheek deutschen Medien als Innovation verkauft. Unterstützt wird Apermann von Klaus Gritschneder, der ebenfalls seit einigen Jahren für verschiedene niederländische Versandapotheken und den europäischen Verband der Versandapotheken gearbeitet hat.

Während deutsche Versandapotheken ihre Kunden bestenfalls mit einer portofreien Zustellung locken können, werfen die niederländischen Versender dickere Köder aus. Sowohl DocMorris als auch Apo.ag bieten ihren Kunden Boni, beziehungsweise erlassen Ihnen einen Teil der Zuzahlung. Diese in Deutschland verbotene Praxis, hält Krankenkassen wie die Gmünder Ersatzkasse (GEK) freilich nicht davon ab, mit den ausländischen Versendern Verträge abzuschließen und bei ihren Versicherten sogar dafür zu werben. Dass sich die ausländischen Versender nicht an die gesetzlich vorgeschrieben Lieferzeiten halten, stört offensichtlich ebenfalls niemanden. Die Apo.ag stellt in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen eine Lieferzeit von einer Woche in Aussicht und weist außerdem darauf hin, dass selbst für diese überlange Frist keine Gewähr übernommen werden kann. Das wohl immer noch wegen des Gründerpreises verärgerte Magazin „Stern“ hält dies nicht davon ab, das Angebot von Apo.ag in seiner Online-Ausgabe als „Kampfansage an die deutsche Apothekerlobby hochzujuxen“.

Auch wenn die kleine Schar der um Öffentlichkeit bemühter Versandhändler so laut wie möglich tönt, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Versandhandel mit Arzneimitteln bei der Mehrheit der Apotheker eine Mischung aus Abwarten und Skepsis auslöst. Da scheint die Attraktivität des Aponet deutlich größer. Nach Angaben von Diana Vasapollo von der ABDA-Öffentlichkeitsarbeit steigt die Zahl der Aponet-Apotheken seit Jahresbeginn wieder steil an. Mittlerweile beteiligen sich 9300 Apotheker am Vorbestellsystem, 3900 liefern auch nach Hause. Auf eine Versandapotheke kommen in Deutschland also rund 50 Home-Service-Apotheken.

 

54 Filialen Auch beim Filialbesitz üben sich die Apotheker zurzeit noch in Zurückhaltung. Nach Recherchen der PZ gibt es bundesweit erst 54 Apotheker, die diese Option wahrgenommen haben. Einen regionalen Schwerpunkt wie beim Versandhandel gibt es nicht. Da nach Auskünften verschiedener Regierungspräsidien eine Reihe von bereits gestellten Anträgen auf Eröffnung einer Filiale nicht beantwortet war, dürfte die Zahl in den nächsten Wochen in Richtung 100 steigen.

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